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Die Herausforderung Treppe – und eine neue (kleine) Lösung

Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben, dass es meiner Mama immer schwerer fällt, Treppen zu gehen. Was kann ihr helfen? Ich habe den Tipp bekommen, die Stufen zu markieren. Nachdem ich eine Weile überlegt habe und unsicher war, ob das tatsächlich helfen könnte, haben wir es ausprobiert: mit Malkreide. In einem Gemeinschaftsprojekt haben die Kinder die Stufenkanten angemalt – mit Erfolg. In diesem Blog-Beitrag erfahrt ihr von dieser neuen kleinen Lösung für meine Mama und welchen tollen Nebeneffekt dies für meine Kinder hatte

So sieht das Ergebnis aus – dank Malkreide

Das Problem Treppe

Meiner Mama fällt es immer schwerer Treppen zu gehen. Ich bin sehr froh, dass meine Eltern Anfang des Jahres den Umbau gewagt haben und nun im Haus für sie alles ebenerdig erreichbar ist. Das neue Bade- und Schlafzimmer ist im Erdgeschoss, meine Mama muss also nicht mehr täglich nach oben in den ersten Stock gehen.

Aber wie das so ist mit der Entwicklung durch die Alzheimererkrankung – und einem Haus, das leider null barrierefrei gebaut wurde, gibt es immer noch die Herausforderung namens Treppen. Und zwar außen. Um ins Haus zu gelangen, muss man einige Stufen gehen. Auch auf der Terrasse und im Garten gibt es immer wieder Stufen – und auch wenn es nur kleine sind, so sind sie manchmal eine große Herausforderung.

Die Stufenkanten an der Treppe markieren?

Wir haben ein Repertoire an kleinen Tricks, um Mama mit dem Treppengehen zu unterstützen: Zählen, dichten und eng an ihrer Seite gehen. Aber immer häufiger klappt es dennoch nicht. Mama steht vor den Stufen und nichts geht mehr. Sie macht sich manchmal richtig steif und wenn ich neben ihr stehe, spüre ich, dass sie Angst hat. Was tun? Wie können wir da eine Lösung finden?

Von einer anderen Angehörigen – Tanja Neuburger, deren Vater Demenz hat – habe ich den Tipp bekommen, die Stufen farblich zu markieren. Bei ihrem Vater im Seniorenheim seien die Stufenkanten farbig hervorgehoben und das würde den Menschen mit Demenz beim Treppengehen helfen, berichtete sie mir.

Ich gebe es zu, ich war erst skeptisch und hatte Angst, dass es dadurch noch schwieriger werden könnte. Ich hatte Angst, dass Mama da plötzlich eine Schwelle oder andere Hindernisse sehen würde und Angst hätte über diese hinüberzusteigen. Dann wäre sie noch ängstlicher, sorgte ich mich.

Das Sehvermögen lässt nach

Andererseits habe ich beim letzten Besuch gespürt, dass sie diese Angst beim Treppengehen einfach da ist – und dass die Angst sie hemmt. Mit zunehmendem Alter lässt bei vielen Menschen das Sehvermögen nach, ist ein ganz natürlicher Prozess. Bei Menschen mit Alzheimer kommen aber Wahrnehmungsstörungen hinzu. Es fällt ihnen schwer, räumliche Dimensionen zu erkennen und gerade das ist beim Treppengehen ja durchaus relevant.

Eine wichtige Hilfestellung sind Kontraste. In einer kontrastreichen Umgebung fällt es Menschen mit Demenz einfacher, sich zurecht zu finden. Deshalb raten Experten auch dazu, etwa Lichtschalter, Haltegriffe oder die Toilettenbrille farbig hervorzuheben.

Bessere Kontraste auf der Treppe?

Was Kontraste angeht, schneidet die Außentreppe am Haus meiner Eltern leider ganz schlecht ab: Sie besteht aus rot-braunen Steinen und Stufenkanten wie auch Steine haben den identischen Farbton. Vielleicht würden meiner Mama Kontraste helfen? Aber wie? Tanja hatte zu Klebeband geraten. Aber wäre das auch für außen eine gute Alternative? Eines Tages sprach ich mit meiner großen Tochter darüber und überlegte laut, welche Möglichkeiten es gäbe, den vorderen Rand jeder Stufe weiß oder in einer hellen Farbe zu kennzeichnen. Mit Farbe streichen wollte ich nicht, weil ich mir nicht sicher war, ob es klappen würde oder einen gegenteiligen Effekt hätte.

Da meinte meine Tochter: „Kreide“. Da hätte ich auch mal gleich drauf kommen können, dachte ich. Also besorgte ich Kreide (auch auf den dringenden Wunsch meiner Kleinsten, die gerne den Fußweg anmalt). Bei unserem letzten Besuch waren meine Töchter fleißig und kaum zu bremsen. Hellblau gebe den besten Kontrast, beschloss meine Große und fing an, an jeder Stufe die Kante anzumalen.

Fleißig, fleißig: Meine Kinder malen die Stufenkanten an

Eine Hilfe für Mama und ein Erfolgserlebnis für meine Kinder

Innerhalb von ein paar Minuten hatten meine Töchter ihr Gemeinschaftsprojekt beendet und die Treppe verändert. Ich gebe es zu: Ich war nervös, weil ich Angst hatte, diese Markierungen könnten Mama irritieren. Aber ich dachte auch an das Gespräch mit Antje Holst vom Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein, die gesagt hatte, dass man vieles einfach ausprobieren müsse und dass Fehler völlig okay seien.

Wir hatten uns getraut und würden es probieren. Eigentlich konnten wir nichts verlieren, denn Kreide lässt sich gut abwaschen. Am nächsten Tag hatte ich die farbigen Stufenkanten schon fast vergessen, aber meine Töchter nicht. Sie begleiteten ihre Oma – eine hakte sie links unter, die andere rechts – zur Treppe. Und das sorgte dann für noch mehr Aufregung bei mir…

Aber, wie das so manchmal ist im Leben, wenn man sich traut, klappt es auch. Vielleicht waren die Kinder entspannter als ich, wenn ich meine Mama begleite. Vielleicht lag es hauptsächlich an den farbigen Kanten. In jedem Fall nahm meine Mama mehrere Stufen hintereinander, ohne groß zu zögern. Die letzten beiden Stufen wurden schwierig, aber bis dahin, war meine Mama gut gegangen.

Ich weiß nicht, ob das unsere neue kleine Lösung für immer anhält. Aber sie hilft. Selbst wenn es nur für ein paar Wochen ist, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Und auch aus einer anderen Perspektive war die Aktion richtig und gut: Sie hat meinen Töchtern ein Erfolgserlebnis beschert. Denn sie haben einen Teil dazu beigetragen, der Oma zu helfen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und vor allem lernen sie so, worauf es ankommt: Dass man für den anderen da ist. Und sie lernen, dass jeder im Kleinen helfen können, damit Menschen mit Demenz selbstständig bleiben können.

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