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Liebe Mama, ich vermisse dich.

Ich dachte eigentlich die Zeit der Briefe an Mama ist vorbei. Ich wollte nicht hängen bleiben in den trüben Gefühlen und der Schwere – und doch sind das Vermissen und Trauern immer da. Nicht ständig. An manchen Tagen sind es nur kleine Momente, die mich liebevoll an Mama erinnern. An anderen Tagen vermisse ich sie so sehr, dass ich traurig oder wütend werde. Wie gestern, als wir am Grab standen. Ich habe große Sehnsucht gehabt, war traurig und doch ein wenig Mut und Zuversicht gefunden.

Liebe Mama, ich vermisse dich.

Liebe Mama, ich weiß, du kannst den Brief nicht lesen, niemand kann ihn dir vorlesen, du bist nicht mehr bei uns. Eigentlich dachte ich auch, die Zeit der Briefe an dich ist vorbei. Und doch möchte ich dir schreiben – und habe einen kleinen Funken Hoffnung, dass irgendwo in diesem Universum ein Teil von dir ist. Ich möchte es dir sagen: ich vermisse dich.

Gestern stand ich mit Papa an deinem Grab. Ich habe ihn begleitet, sehr gerne und doch unwillig. Ich möchte zu Friedhof gehen und gleichzeitig fällt es mir schwer. Es ist eine Gleichzeitigkeit der Gefühle. All das Reflektieren und die Gedanken wie „Man muss die Situation annehmen“ und „Loslassen ist wichtig“ fühlen sich dann an wie eine Zumutung. Ich möchte dich nicht loslassen und möchte nicht annehmen, dass du nicht mehr bei uns bist. Obwohl du es doch seit 1,5 Jahren nicht mehr bist. Und ich dich als die Mama von früher seit so viel mehr Jahren vermisse.

In meinem Leben passieren gerade viele Dinge, die ich gerne mit dir besprechen würde. Meine große Tochter bricht bald auf, sie geht für ein Jahr weg, so ählich wie ich, als ich 16 Jahre alt war. Ich denke in letzter Zeit sehr oft daran, wie es damals für mich war. Ich war voller Vorfreude und Aufregung und Neugier und wünsche das meinem Kind. Wie ging es dir damals? Wir haben damals nicht viel darüber gesprochen. Ich wünschte, ich könnte dich heute fragen und du könntest mir erzählen, was dir den Abschied erleichtert hat. Denn natürlich erinnere ich mich an die Tränen und die vielen Umarmungen und dass Papa irgendwann sagte: „So jetzt ist mal gut damit.“ Und dann deine wöchentlichen Briefe, die du mir in die USA geschickt hast.

Ich würde dich auch gerne zu Papa um Rat fragen. Niemand kannte ihn so gut wie du. Niemand konnte so auf ihn einwirken. Liebe Mama, du fehlst nicht nur mir, du fehlst in der Familie. An manchen Tagen mit ihm fühlt es sich für mich wie kämpfen an. Ich möchte das doch gar nicht und weiß das es nichts bringt bei einer Demenz zu diskutieren und erklären. Ich möchte nicht übergriffig werden, aber merke, dass er manches nun mal nicht mehr einschätzen kann. Es ist wie Wandern auf einem schmalem Grat und ich schaffe das nur gut, wenn ich entspannt bleibe (ich schaffe das nicht so oft wie ich gerne würde und das frustriert).

An deinem Grab zu stehen, macht alles so real. Ich vermisse dich dann und weiß, ich werde all das nie mehr fragen können. Ich werde traurig und ich werde auch wütend, weil ich denke: Ich sollte nicht hier an deinem Grab stehen, sondern wir sollten daheim auf der Terrasse sitze und Kaffee trinken.

Es ist schwer. Immer noch. Wir haben dir Rosen mitgebracht, wie so oft. Gestern hat Papa gelb-orange Rosen ausgesucht. Sie strahlen so fröhlich in der Farbe, die zu dir passt. Gepasst hat.

Und während ich da stehe, dich in Gedanken vor mir sehe und spüren kann, wie weich deine Hände waren und mir wünsche, du wärest noch da, da sehe ich den Kaktus im Grab. Er hat eine Blüte gebildet. Eine Blüte, die ich so noch nie gesehen habe, sie ist in die Höhe gewachsen und in zartem Rosa. Ich sehe sie und denke, wie gut das passt. Du konntest mit Blumen und Pflanzen so gut umgehen, unser Garten war voller Blumen. Und nun also hier dein kleiner Garten auch. Ich vermisse dich, denn du bist nicht mehr da. Aber ein Teil von dir, der ist in mir. Und dieser Teil, der kann mir bestimmt einen Rat geben.

Deine Peggy

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