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Liebe Mama, du fehlst mir!

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Foto: D. Laudowicz

Kann man jemanden vermissen, der gleichzeitig neben einem sitzt? Warum fällt es manchmal so schwer, anzunehmen? Da ist einerseits Leere, aber auch Lehre – und immer Liebe. Ein Brief an meine Mama.

LIebe Mama, du fehlst mir!
Foto: D. Laudowicz

Liebe Mama, du fehlst mir!

Ich habe mich so sehr auf den Besuch bei euch gefreut. Einige organistorische Dinge standen an, auch die Pflegeberatung und das Gespräch mit der Ärztin, aber vor allem wollte ich in deiner Nähe sein. Ich denke so oft an dich und versuche dir, so gut es geht, aus der Ferne zu helfen. Klar, das ist nicht dasselbe wie vor Ort zu sein – und deswegen fahre ich ja häufig zu dir.

Weißt du noch, früher haben wir oft telefoniert? Oder Briefe geschrieben. Als ich neulich aufgeräumt habe, habe ich den Stapel mit den Luftpostbriefen gefunden, die du mir vor vielen Jahren nach Amerika geschickt hast. Es hat mich sehnsüchtig gemacht, nach dem Austausch und dem Miteinander, das wir früher hatten. Da waren wir einander auch nah, selbst wenn wir räumlich sehr weit voneinander entfernt waren. Ach, Mama, ich vermisse das!

Momente der Leere

Und jetzt geht das so nicht mehr. Da bist du selbst dann manchmal weit weg, wenn ich neben dir sitze. Da ist einerseits Nähe und Vertrautheit. Die spüre ich daran, dass du dich wohl fühlst, dass du zufrieden wirkst oder du an meiner Schulter einschläfst. Ich genieße das dann mindestens so sehr wie du.

Aber da ist mitunter auch diese Lücke und das Vermissen, und ich werde traurig. Ist das Leere? Oder doch Lehre?

Ich habe schon oft gelesen, dass der Kopf von Menschen mit Demenz „leer“ ist. Natürlich weiß nicht nicht, wie es wirklich in deinem Kopf aussieht. Aber er wirkt nicht leer. Da ist noch so viel an Gefühlen und an Reaktionen, unmöglich kann dein Kopf leer sein. All deine Erfahrungen sind irgendwo in dir.

Leere – und Lehre

Du hast dich verändert – und ich mich auch. Deine Demenz hat durchaus eine Leere gebracht. Du fehlst mir. Wer einen lieben Menschen mit einer Alzheimerkrankung oder einer anderen Demenz begleitet, muss Abschied nehmen. Das ist schwer, vielleicht auch, weil man sich gar nicht richtig verabschieden kann und immer wieder erneut Abschied nimmt.

Aber deine Alzheimererkrankung hat auch eine Lehre gebracht. Denn ich weiß zum Beispiel, dass in deinem Kopf keine Leere ist. Ich schätze die kleinen, feinen Momente viel mehr, als ich dies früher getan habe. Ich habe gelernt, dass wir anders kommunzieren können als mit Worten. Und ich merke an dir immer wieder, wie wichtig es ist, aufeinander zu schauen anstatt irgendwelchen Plänen nachzujagen. Mir fällt das oft schwer, aber das gehört wohl dazu.

Du fehlst mir – und das ist die Leere. Aber da ist auch die Lehre, denn da ist immer noch die Liebe.

Diese Woche hat es nicht geklappt, dafür bin ich sicher nächste Woche da – und das wird schön.

Deine Peggy

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