Ich sitze vor meinem Laptop und fülle die Unterlagen aus. Meine Mama wird demnächst für einige Tage zur Kurzzeitpflege in ein Heim gehen. Papa braucht diese Auszeit ganz dringend. Ich dachte immer, ich könnte seine Aufgaben übernehmen, wenn er nicht mehr kann. Aber ich kann das nicht – und das Beste und Wichtigste, was ich gerade tun kann, ist meine Eltern dabei zu unterstützen, die Kurzzeitpflege zu nutzen. Jahrelang habe ich Papa erzählt, dass er diese Unterstützungsleistung unbedingt nutzen soll. Und jetzt merke ich, dass nicht nur ihm dieser Schritt schwer fällt, sondern auch mir. Ich habe Angst davor und zweifle, auch wenn ich weiß, dass es richtig ist. Ich unterschreibe mit gemischten Gefühlen. Ein neuer Brief an Mama: Liebe Mama, hast du auch Angst vor der Kurzzeitpflege?
Liebe Mama, hast du auch Angst vor der Kurzzeitpflege?
Ich sitze vor dem Laptop und fülle die Unterlagen für die Kurzzeitpflege aus. Ich habe schon so viel darüber gelesen. In Ratgebern wird die Kurzzeitpflege meist als erste und wichtige Unterstützungsleistung für pflegende Angehörige genannt. Damit könne man eine Auszeit nehmen und neue Energie schöpfen – und der Angehörige mit Demenz sei gut versorgt. Was ich las und von anderen hörte, klangt sehr hilfreich.
Jede Person ab Pflegegrad 2 hat Anspruch auf diese Kurzzeitpflege (bis zu acht Wochen pro Jahr). Du hättest sie also schon längst nutzen können. Seit Jahren erzählen ich und viele andere Menschen, die sich um euch sorgen, Papa, dass ihr diese Leistung bitte nutzen solltet. Aber bislang hat er es kategorisch ausgeschlossen. „Nein, das mache ich nicht, ich gebe meine Kerstin nicht in ein Heim“, sagt Papa immer, wenn ich ihn darauf anspreche. Das sei ja kein Umzug und kein Abgeben, sondern eine kurzzeitige Unterstützung – diese Argumente zählten für Papa bislang nie und mir blieb dann nichts anderes übrig, als „Okay“ zu sagen.
Papa hat zugesagt – und wir helfen ihm dabei
Und nun ist es doch soweit. Die vergangenen Wochen waren sehr turbulent und Papa braucht eine Pause. Eine Pause vom 24-Stunden-Pflege-Alltag. Eine Pause, um zu überlegen und entscheiden, ob ihr weiter im Haus wohnen bleiben möchtet oder ob ein Umzug in ein betreutes Wohnen eine Option wäre. Und auch eine Pause, um durchzuatmen.
Lange haben wir geredet, wie es weitergehen könnte – und dann hat Papa mit einem Mal gesagt, dass er die Kurzzeitpflege nutzen möchte. Er hat es mit zerknirschtem Gesicht gesagt und „Ach, meine Kerstin“ hinterhergeschoben. Aber das gleiche „Ach, meine Kerstin, die Arme“ sagt er, wenn wir über die Tagespflege sprechen und die hat er mittlerweile als Hilfe akzeptiert, auch weil er weiß, dass du dort gut umsorgt wirst. Das Loslassen fällt Papa so unheimlich schwer – und als er zur Kurzzeitpflege zusagte, haben Kai und ich angefangen, alles in die Wege zu leiten.
Und nun kümmere ich mich um den Verwaltungskram und werde doch sehr nachdenklich. Ich frage mich, wie es dir damit geht. Hast du Angst davor? Eine Studie der Stiftung Patientenschutz hat jüngst mal wieder gezeigt, wie groß die Ablehnung vor dem Pflegeheim ist. Neun von zehn Befragten wollen erst dann in ein Pflegeheim ziehen, wenn es zu Hause gar nicht mehr geht. Ich kann die Ablehnung irgendwie nachvollziehen, sehe aber auch die andere Seite. Wann ist denn der richtige Zeitpunkt? Wann geht es denn gar nicht mehr? Ist es dann nicht schon zu spät?
Da ist die Angst, du könntest dich alleingelassen fühlen
In meinem Kopf schwirren so viele Gedanken, in meinem Herz sind so viele Gefühle. Da ist auch Angst. Diese irrationale Angst, dass du nicht zur Kurzzeitpflege in das Pflegeheim gehst, sondern für immer dort einziehst. Da ist die Angst, du könntest dich unwohl fühlen und allein gelassen. Da ist die Sorge, dass Papa dich zu Hause vermisst und unglücklich ist. Und ja, da sind auch Schuldgefühle. Ich dachte immer, ich könnte einspringen und mich um dich kümmern, wenn Papa eine Auszeit braucht, aber ich schaffe es nicht. Mir das einzugestehen hat sich nach Versagen angefühlt. Ich wollte doch für dich da sein.
Liebe Mama, wie geht es dir damit? Ich weiß es nicht und wir können leider nicht mehr darüber sprechen. Wieder einmal wünsche ich, wir hätten es früher geschafft, uns über das Thema Pflegeheim auszutauschen. Aber das haben wir nicht – und du kannst nicht diejenige sein, die uns sagt, dass es schon gut werden wird.
Ihr wart nicht einen Tag getrennt – seit elf Jahren
Als ich den Vertrag das erste Mal las, bekam ich Zweifel, ob ich wirklich unterschreiben soll. Ich rief Papa an und sagte, dass ich den Vertrag für dich fertig machen würde. Und dann begann er zu erzählen, wie schwer es ihm falle und dass er nicht wisse, wie es nun weitergehen soll. „Ich wollte deine Mama nie abgeben“, sagt er. „Es sind nur 9 Tage, Papa“, höre ich mich erklären und ihm gut zureden. Gleichzeitig rechne ich im Kopf nach, dass Papa und du seit deiner Diagnose nicht einen Tag getrennt wart. Dass Papa Tag und Nacht für dich da ist – seit mehr als elf Jahren.
Was würdest du sagen? Ich glaube, du würdest Papa diese Pause von Herzen gönnen. Und doch kannst du ja ängstlich und unsicher sein. Wie geht es dir?
„Wir wissen doch gar nicht, wie es dort ist“, sagte Papa. Nein, denke ich, das wissen wir wirklich nicht. Als wir uns die Einrichtung angeschaut haben, wirkte es nett und freundlich, die Räume waren hell, das Personal zugewandt. Aber wie wird es dann im Alltag sein?
Ach, Mama, das ist echt schwer gerade für uns alle – für Papa besonders. Wie ist es für dich? Wie geht es dir? Hast du Angst, ohne ihn zu sein? Ich hoffe so sehr, dass du wohl behütet bist und Papa Kraft schöpft, damit ihr danach weiter zusammen sein könnt, wo auch immer.
Ich spüre, diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis gerade sehr deutlich. Theoretisch ist die Kurzzeitpflege hilfreich und entlastet, aber im Alltag ist es dann eben doch nicht so leicht und kostet Überwindung. Auch das ein neuer Abschied, ein neuer Schritt auf diesem Weg mit deiner Alzheimererkrankung.
Liebe Mama, ich hoffe, du weißt, dass ich nur dein Bestes möchte und natürlich auch Papas Bestes. Ich kann deine Pflege und Betreuung nicht komplett übernehmen, das schaffe ich nicht. Das einzusehen ist mit vielen Tränen einhergegangen. Aber ich kann dennoch etwas tun – und das möchte ich. Ich kann dich und Papa jetzt begleiten und die Dinge in die Wege leiten, damit es euch beiden noch lange gut geht und du fröhlich und zufrieden sein kannst.
Ich habe dich lieb!
Deine Peggy
