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„Demenz und Kreativität ist einfach etwas, das gut zusammenpasst“

Im September zeigt die Fotografin Inga Jürgensen ihre Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“ in Berlin – und bietet eine andere Sicht auf Demenz, jenseits von Klischees. Die abgebildeten Objekte hat ihr Vater Volker Jürgensen während seiner Demenz gebaut. Aus Alltagsgegenständen hat er Dinge überraschend kombiniert und umgedeutet. Inga Jürgensen möchte die poetische und fantasievolle Welt mit Demenz zeigen und einen Begegnungsort schaffen. Dazu soll ein Aktionstisch für Menschen mit und ohne Demenz beitragen. Im Interview gibt sie Einblicke in die Entstehung der Bilder und Gegenstände.

Muscheltasse. Foto: Inga Jürgensen

Demenz ist nicht nur Verlust, sondern da ist auch noch etwas. Etwas Altes oder auch Neues. So habe ich es bei meiner Mama erlebt und so hat es auch Inga Jürgensen wahrgenommen. Viele Jahre begleitete und pflegte sie ihren Vater Volker. In seiner Demenz hat er Gegenstände kunstvoll interpretiert und gebaut. Nun ist daraus eine Ausstellung entstanden, die Inga während der Berlin Art Week zeigt. Zu sehen vom 10. bis 28. September.

Die Bilder zeigen eine andere Perspektive zum Thema Demenz, jenseits der Klischees und herrschenden Vorurteile. Wie schön, dass es diese Bilder gibt!

Interview mit Inga Jürgensen über „Die Ordnung der Dinge“

Fotografin Inga Jürgensen

Wie kam es denn zu der Idee von der Ausstellung?

Ich habe ja sieben Jahre lang meinen Vater mit Demenz betreut. In der Zeit habe ich viele Fotos geknipst, um zu protokollieren, was passierte. Das fand ich alles unheimlich wertvoll. Als mein Vater vor über zwei Jahren starb, habe ich für die Trauerfeier einige dieser Fotos zusammengestellt. Sein Umfeld hatte sich in den letzen Jahren eher zurückgezogen, die meisten Menschen haben ihn nur noch bedauert und die Situation traurig gefunden. Und dann hab ich bei der Trauerfeier die Fotos gezeigt, was eigentlich alles so gewesen ist in der Demenz. Da waren viele sehr angetan und fanden das wunderschön und sagten: „Das ist ja ganz poetisch.“ So wuchs der Wunsch, das mal auszustellen.

So kam dann die Ausstellung zustande?

Ja, vor einem Jahr hatte ich bei der Erika und Kurt Sommer-Stiftung angeklopft und dachte, ich probiere es mal. Die sind in das Projekt eingestiegen und unterstützen es finanziell. Dann habe ich einen schönen Raum gefunden. Das alles hat mir Mut gemacht, die Ausstellung auch wirklich ernsthaft zu machen. Und dann kam noch hinzu, dass mir auffiel, dass jeden September in Berlin sowohl die Berlin Art Week ist als auch die Woche der Demenz stattfinden. Ich fand, Demenz und Kreativität ist einfach etwas, das gut zusammenpasst.

Inwieweit passen Demenz und Kunst zusammen?

Viele Menschen werden in in der Demenz plötzlich kreativ, auf unterschiedliche Art. Es gibt Menschen auch in Seniorenheimen, die an künstlerischen Angeboten teilnehmen oder auch Workshops in Kunsthallen oder so, wo sie selber kreativ werden. Kreativität ist eine Chance für Menschen.

Wie hast du die Kreativität an deinem Vater in der Demenz erlebt?

Mein Vater war ja Architekt. Er hat auch Möbel designt und war handwerklich begabt. In der Demenz hat sich die Kreativität bei ihm darin geäußert, dass er Dinge arrangiert hat. Er hat sehr viel herumgeschoben und geguckt, wie die Dinge zusammenpassen. So wie Collagen. Ich habe es als Erfindungen gedeutet. Ich dachte dann immer, da ist doch was übrig von ihm, der sich früher Gebäude erdacht hat und überlegt hat, wie Formen zusammenkommen und aus welchen Teilen ein Gebäude bestehen soll. Früher waren es Gebäude, jetzt waren es Alltagsgegenstände, die hier im Haus herumlagen. Er hat die sich geschnappt und die anders gesehen, also mit neuen Funktionen. Form und Funktion, das prägte ihn immer noch. Mein Vater war sehr vom Bauhaus geprägt und das Bauhaus hat ja auch diese Philosophie, die Form ordnet sich der Funktion unter. Das habe ich bei ihm in der Demenz manchmal wieder gesehen.

Was waren das zum Beispiel für Dinge?

Ich denke an eine Reihe Dominosteine, wo man ja immer einen passenden Stein an einen anderen legt. Da fehlte ein Stein. Mein Vater hat ein Stück Schokolade entdeckt, das genau die Form und Größe eines Dominosteins hatte. Dieses Stück Schokolade hat er dazwischen gelegt und es passte genau hinein. Es war wie ein Joker. Das fand ich sehr kreativ. Ich habe ihn da auch immer unterstützt.

Was wirst du in der Ausstellung zeigen?

In der Ausstellung zeige ich Fotos von Alltagsgegenständen. Was ich genial fand, die Muscheltasse. Es gibt eine Muschel, die er auf eine Untertasse gesetzt hat. Die Muschel hatte tatsächlich die Form einer Tasse. So was hat er beobachtet. Dieses Empfinden für Formen und zu gucken, welche Funktion kann man den Gegenständen geben, das steckte in ihm als Architekt und Bauhaus-Fan.

Was haben diese Beobachtungen, dieses kreative Tun mit dir gemacht?

Ich habe mich immer gefreut, wenn so etwas war. Manchmal habe ich auch geguckt, wie man das weiterführen kann. Wir haben auch Collagen für Weihnachtskarten gemacht. Es hat mich auf jeden Fall beglückt, weil es eine Poesie in unseren Alltag gebracht hat. Ich wollte meinen Vater da auch überhaupt nicht korrigieren. Manchmal hätte ich vielleicht helfen sollen. Er wollte einmal mit einem Stift essen, weil er wie eine Gabel aussah. Ich fand es verblüffend und fragte mich zugleich, ob ich nicht helfen sollte. Mit ihm bin ich in eine poetische Welt abgetaucht, aus der ich auch meine Kraft gezogen habe. In der Betreuung von Menschen mit Demenz muss man ja immer gucken, wo kommt meine Kraft her und wo sind die Momente, die mir zeigen, dass ich diesen Mensch liebe und was ich an ihm schätze. Bei ihm waren es unter anderem diese fantasievollen Momente

In der Ausstellung wird es auch einen Aktionstisch geben. Was hat es damit auf sich?

Mir war es wichtig, in die Ausstellung etwas hineinzubringen, wo es nicht nur über Menschen mit Demenz geht, sondern Menschen mit Demenz auch selbst etwas machen können. Das Oberthema ist ja „Die Ordnung der Dinge“. Mein Vater hat seine eigene Ordnung gehabt, wie er eben Dinge anordnet und arrangiert. Auf dem Aktionstisch können Menschen mit und ohne Demenz aus verschiedenen Dingen selbst etwas arrangieren und kleine Collagen gestalten. Dafür habe ich Gabi Neuhaus vom Atelier Neuhaus mit ins Boot geholt. Sie hat dafür getöpfert und aus Ton kleine Steine hergestellt, mit unterschiedlichem Relief und verschiedenen Farben. Man kann die Steine verschieden anordnen, nach Farben oder Form. Es gibt noch weitere Dinge, etwa Wäscheklammern und Tücher. Ich hatte Gabi erzählt, dass mein Vater zu meiner Überraschung in einer fortgeschrittenen Demenz sehr gerne Tücher zusammengelegt hat. Wenn ein Küchentuch herumlag, dann hat er es fein säuberlich gefaltet. Das war etwas Neues für mich. In einem Vortrag hörte ich aber, das machten viele Menschen mit Demenz. Gabi Neuhaus hat für den Aktionstisch viele alltagstaugliche Dinge in einem Systemkasten zusammengestellt. Ich bin gespannt, wie es ankommt.

Inhalte aus dem Systemkasten für den Aktionstisch zur Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“ von Gabi Neuhaus

Was ist dein Wunsch für die Ausstellung?

Ich möchte damit Begegnungen schaffen. Und dass Menschen mit Demenz sich auch äußern können. Das finde ich immer wieder wichtig, dass man nicht nur über sie sondern mit ihnen spricht oder mit ihnen kommuniziert. Ich hoffe, dass ich auch das ein oder andere Stück Kuchen anbieten kann. Das kenne ich von meinem Vater und auch von Museumsführungen: Kuchen beruhigt und so kommt man gut ins Gespräch.

Die Infos zur Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“

Ort: Kieztreff der Interessengemeinschaft Leipziger Straße | Leipziger Straße 58 | 10117 Berlin Link zur IG Leipziger Straße
Geöffnet: Montag und Mittwoch sowie Freitag bis Sonntag 12-17 Uhr, Dienstag 13-16 Uhr, Donnerstags geschlossen
Vernissage: 10.09.2025, 18-20 Uhr
Finissage: 28.09.2025, 16-18 Uhr
Weitere Infos auf www.ingajuergensen.com

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