In den vergangenen Wochen war viel Anstrengendes im Miteinander und ich habe mir viele Gedanken und Sorgen gemacht. Das tue ich immer noch. Aber an diesem Wochenende habe ich mit Papa auch Neues und Schönes erlebt – und zwar mit Hummus.
Die vergangenen Wochen waren oft anstrengend. Ich habe schon darüber geschrieben, wie sehr ich mich am Kämpfen fühle, auch weil wir immer wieder dieselben Diskussionen führen. Etwa, weil es ums Autofahren geht und mein Papa nicht versteht, dass er nicht mehr Autofahren darf…
Ich habe auch von den aufgeregten Anrufen berichtet, wenn mein Papa seinen Geldbeutel, seine Tasche usw. sucht, aber nicht findet und sich dann nur so zu helfen weiß, dass er meinen Bruder oder mich anruft. Wie soll man bei so etwas aber aus der Ferne helfen?
Da war so viel Frust und mir ist es manchmal schwer gefallen, etwas Positives zu sehen. Ich musste an Mama denken und dass ich durch ihre Demenz auch viel gelernt und Neues erlebt habe. Dass ich neue Seiten an ihr gesehen habe, dass sie offener und freier wirkte, dass sie manchmal so laut gelacht hat wie ich das gar nicht von ihr kannte. Das waren schöne Erfahrungen und ja auch der Grund, weshalb ich diesen Blog gestartet habe. Ich wollte zeigen, dass Demenz nicht nur eine schreckliche Krankheit ist, sondern mit der Krankheit auch Neues und Schönes passiert.
Und mein Papa? War vor allem grummelig und frustriert, traurig und wütend – und das hat sich sehr breit gemacht.
Als ich am Wochenende bei ihm war, habe ich eine andere Seite gesehen und hatte wieder dieses Gefühl, dass die Demenz auch Neues bringt. Und zwar war es eine Situation beim Abendessen. Ich hatte für uns eingekauft, den Tisch wie üblich mit Brot, Wurst, Käse, Butter gedeckt – und Hummus, den ich wahnsinnig gerne esse. Eigentlich ist das nichts Neues, aber bislang hat Papa das immer abgestempelt als „Das mag ich nicht“.
Als ich dieses Mal die Packung öffnet, schaute er sehr interessiert zu und wollte wissen, was das ist. Er klang sehr neugierig. „Was ist da drin?“ und „Wie schmeckt das?“ fragte er. Dann meinte ich irgendwann: „Probiere doch mal!“ und dachte, ich kenne die Antwort, nämlich ein Nein.
Von wegen! Papa nahm die Packung und sagte: „Man muss ja offen für Neues sein.“ Er strich den Hummus auf sein Brot und biss hinein und war begeistert. Er wollte wissen, wo er das kaufen könne und erklärte, dass das sehr gut schmecke und er es sich unbedingt merken müsse.
Ganz ehrlich, ich hatte ein wenig das Gefühl, dass er vergessen hatte, dass er so etwas nicht mag und eigentlich kritisch ist. Vielleicht ist es ja auch diese Freiheit, die die Demenz irgendwie mit sich bringt. Die Krankheit nimmt viel, aber sie gibt auch Neues. Ich habe das an meiner Mama so manches Mal beobachtet.
Ich weiß nicht, ob das nun so ist oder nur meine Erklärungen sind. Vielleicht ist das auch egal, denn es war ein schöner Moment: Mich hat Papas Neugierde überrascht und er weiß jetzt, dass Hummus sehr gut schmeckt. Das war ein schöner Moment, nur ein kleiner – und ich möchte ihn festhalten. Denn die kleinen, feinen Momente geben ja doch oft Mut in dem großen Ganzen.
