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„Erkennt sie dich noch?“ – Warum ich mir diese Frage nicht mehr stelle

„Erkennt sie dich noch?“ – Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, wenn ich erzähle, dass meine Mama Alzheimer hat. Auch ich habe mich anfangs gefragt, ob sie mich irgendwann nicht mehr erkennen würde. Ich hatte Angst vor dem Moment, in dem Mama nicht mehr wüsste, dass ich ihre Tochter bin. Mittlerweile stelle ich mir diese Frage nicht mehr. Warum das so ist, erkläre ich in diesem Blogartikel.

Mama schläft neben mir ein und drückt meine Hand. Natürlich weiß sie, wer ich bin.

„Erkennt sie dich noch?“

Wenn ich Menschen treffe, die mich noch nicht kennen und ich erzähle, dass meine Mama Alzheimer hat, bekomme ich ganz oft als Erstes die Frage: „Erkennt sie dich noch?“ Es ist auch eine Sorge, die ich anfangs hatte. „Weißt du bald nicht mehr, wer ich bin?“, habe ich damals in mein Tagebuch geschrieben.

Die Diagnose hatte uns Gewissheit gebracht, aber gleichzeitig viele offene Fragen. Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, was Alzheimer bedeutet. Für mich war die Krankheit vor allem ein Verlust an Erinnerungen. Ich stellte es mir wie ein Zerfallen vor, aber ich hatte keine Vorstellung davon, in welchem Tempo das passieren würde. War es wie bei einer Sandburg am Meer, die Stück für Stück langsam von den Wellen abgetragen wird? Oder war es wie bei einem Orkan, der mit einem Wirbel alles mit sich nimmt?

Mamas Arzt konnte uns nicht sagen, in welchem Tempo die Krankheit voranschreiten würde und meine größte Sorge war, dass bald alles vorbei wäre. Das Vergessen und Erinnern war dabei zentral – und ich hatte Angst, dass irgendwann alles weg wäre.

Ich war mir sicher, dass Mama mich immer erkennt

Im Laufe der Jahre hat meine Mama Vieles vergessen. Darunter waren Kleinigkeiten, etwa, als sie in den Keller ging, um eine Wasserflasche zu holen und unten nicht mehr wusste, was sie machen wollte. Sie wusste nicht mehr, dass ich nicht mit in ihrer Schulklasse war und ihren alten Musiklehrer nicht kennen konnte. Sie hat Namen und Telefonnummern vergessen. Und sie vergaß auch Dinge, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie diese einmal vergessen würde, zum Beispiel wie man mit einem Messer schneidet oder mit einer Zahnbürste putzt.

Sie sprach mit der Zeit immer weniger und heute sagt sie sehr selten etwas. Oft sind es Silben oder sie wiederholt einzelne Wörter. Ich kann mich nicht erinnern, wann sie meinen Namen zum letzten Mal gesagt hat. Ich war mir dennoch immer sicher, dass sie weiß, wer ich bin. Immer, wenn ich zu meinen Eltern gefahren bin und ich Mama begrüßt habe, habe ich diese besondere Freude in ihren Augen gesehen. Ich wusste, dass sie mich erkennt und weiß, dass ich ihre Tochter bin.

Und dann nahm sie mich nicht wahr. War ich nun eine Fremde?

Und dann kamen doch Zweifel. Es war ein Weihnachten vor zwei Jahren (oder vor drei oder vier Jahren? Ich weiß es nicht mehr, denn manche Dinge verschwimmen einfach). Damals hatte ich ihr ein Geschenk mitgebracht. Ich wusste, dass sie es nicht mehr alleine auspacken konnte. Also habe ich mich neben sie auf den Sessel gequetscht, um besser helfen zu können. Ich hatte erwartet, dass sie ihre Hand auf das Geschenk legt oder mich anschaut oder irgendwie Interesse zeigt. Aber Mama blickte um sich und schaute an mir vorbei. Auch als ich sie nochmals ansprach, nahm sie keine Notiz von mir. Ich fühlte mich wie Luft – und das tat ziemlich weh.

In diesem Moment hatte ich Angst, dass ich von nun an eine Fremde für sie wäre und sie mich nie mehr erkennen würde. Ich hatte Angst vergessen zu werden. Und ich glaube, dass in diesem Moment all kindliche Verlustängste hochkamen. Wäre bald alles weg? Würde sie sich verlieren oder auflösen? Würde ich sie verlieren? Davor hatte ich Angst.

Ich bleibe für immer Mamas Tochter

Aber dieser Gedanke hat sich nicht bewahrheitet. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich merke, dass nicht alles verschwindet. Vor einer Weile haben meine Eltern getanzt. Das war so ein Moment, der mir gezeigt hat, dass dieses implizite Körpergedächtnis noch lange da ist. Meine Mama konnte tanzen und hat die Musik gespürt. Oftmals denken wir, dass Menschen mit Demenz alles vergessen, aber es sind eben doch Erfahrungen, Erinnerungen und Wissen gespeichert. Die Dinge sind verborgen und es liegt an den Pflegenden, sie zu bergen, auch um schöne Momente zu gestalten.

Ich stelle mir die Frage, ob Mama mich noch erkennt, eigentlich gar nicht mehr. Ich erlebe immer wieder, auch jetzt in der fortgeschrittenen Demenz, Situationen, in denen ich merke, dass sie weiß, wer ich bin. Manchmal ist es das Lächeln. Wenn ich sie zu meinen Eltern fahre und Mama begrüße oder wenn ich ihr morgens einen „Guten Morgen“ wünsche, dann lächelt sie oft und in ihren Augen ist so eine besondere Freude. Manchmal ist ihr Blick leer und trübe – und das ist in dem Moment auch okay. Und natürlich gibt es noch andere Momente. Es war vor ein paar Tagen erst, wir saßen nebeneinander auf der Couch. Ich streichelte ihre Hand. Und dann hörte ich sie leise schnarchen und spürte, wie sie meine Hand sanft drückte. Da spürte ich: Natürlich weiß sie, dass ich ihre Tochter bin.

Dieses Wissen, dass ich ihre Tochter bin, das ist einfach da. Ich merke es vielleicht nicht in jeder Minute und nicht in jedem Augenblick. Aber ich spüre dieses Grundvertrauen. Sie lässt sich von mir Essen reichen, während die Augen geschlossen sind. Gibt es noch einen größeren Vertrauensbeweis?

Davon mal abgesehen: Ich weiß, dass ich ihre Tochter bin. Ich werde es immer sein und brauche von ihr keine Bestätigung. Ich weiß, dass sie immer meine Mama ist – und das ist doch das wichtigste, oder?

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