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Lieber Papa, danke für deine Geduld!

Wenn ich bei meinen Eltern bin, staune ich immer wieder über die Geduld, die mein Papa im Alltag aufbringt. Ich erinnere mich, dass das anfangs nicht immer so war und Papa manchmal ungeduldig war. Er kümmert und sorgt sich liebevoll, mit viel Geduld und Aufmerksamkeit für Mama. Dieser Brief ist daher meinem Papa gewidmet, der viel zu selten hört, wie großartig er all das meistert: Lieber Papa, danke für deine Geduld!

Das braucht sehr viel Geduld: Treppengehen

Lieber Papa, danke für deine Geduld!

Jedes Mal,  wenn ich euch besuche, staune ich. Und bewundere dich für deine Geduld.

Ich erinnere mich, wie ungeduldig du damals, vor vielen Jahren, manchmal warst. Damals, als Mamas Alzheimer-Diagnose noch so frisch war und wir alle hofften, dass die Medikamente die Krankheit stoppen könnten oder es doch irgendein Wundermittel gäbe, mit dem sich Alzheimer heilen lässt. Damals, als sich die Demenz häufig in Kommunikationpoblemen äußerte und es für uns alle ganz schön herausfordernd war damit umzugehen.

Ich erinnere mich daran, wie du Mama korrigiert hast, wenn sie etwas „Falsches“ sagte und wie du die Augenbrauen hochgezogen hast. Wenn wir über Urlaube sprachen und sie die Jahreszahlen durcheinander brachte. Oder wenn sie von ihrer Schulzeit erzählte und die Lehrer aus ihrer Jugend mit denen aus meiner Jugend verwechselte. Wenn sie den Tisch deckte und dann, als wir essen wollten, doch nicht genügend Teller, Gabeln und Messer bereitlagen oder drei zu viel. Es schien dir schwer zu fallen, geduldig zu sein und zu akzeptieren, dass manches nun nicht mehr so gut gin.

Ich erinnere mich an deine Ungeduld und wie ich dann mit ziemlich genervtem Unterton sagte: „Papa.“ Ich konnte nicht verstehen, warum es dir so schwerfällt anzunehmen, dass Mama bestimmte Dinge nun mal nicht mehr so gut konnte und Erinnerungen in ihrem Kopf durcheinander brachte. Dass die Demenz von uns vor allem Geduld verlangte. Geduld, weil wir Mamas immer wieder kehrenden Fragen beantworten mussten, aber auch Geduld, wiel vieles nicht mehr so schnell ging.

Mir fiel das viel leichter und ich verstand das anfangs nicht. Mittlerweile habe ich immer wieder gemerkt, dass es einen verdammt großen Unterschied macht, ob die liebste Partnerin oder der Partner eine Demenz hat oder ob es die Eltern oder Großeltern sind. Als Tochter fällt es mir doch irgendwie leichter, die Veränderungen anzunehmen als dir.

Lieber Papa, wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder Gespräche geführt und du hast mir erzählt, wie schwer es für dich ist, zu sehen, dass Mama immer weniger kann. Dass du so gerne festhalten möchtest. An ihr, an eurer Zweisamkeit und an eurem Traum von einer gemeinsamen Zukunft. Dass du nicht wahrhaben möchtest, dass sie Alzheimer hat und die Krankheit fortschreiten wird.

Ich kann nur ansatzweise nachempfinden, wie es sein muss, von all dem loszulassen und irgendwie auch von dem Menschen, den man mal kannte. Aber an deinem Umgang merke ich, dass du es dir doch irgendwie gelingt. Deine liebevollen Gesten, mit denen du Mama streichelst, deine kleinen Witze, mit denen du ihr ein Lächeln entlocken möchtest und die Geduld, mit der du ihr von morgens zum Aufstehen bis abends zum Gute-Nacht-Kuss hilfst.

Geduldig stehst du vor ihr und motivierst sie bei jeder kleinen Stufe. Geduldigt reichst du ihr immer wieder das Marmeladenbrot, damit sie abbeißen kann. Geduldig begleitest du sie auf die Toilette und gibst ihr Zeit und privaten Raum. Ach, Papa, ich glaube, nein, ich weiß, das, was du da gibst ist viel wichtiger als jede Therapie. Mama darf sich die Zeit nehmen, die sie braucht und du bist mit so viel Geduld und Liebe an ihrer Seite.

Du machst das großartig und ich kann von euch beiden so viel lernen. Es kommt darauf an, auf den Menschen zu schauen und ihm das zu geben, was er oder sie braucht. Mama braucht Geduld und Menschen, die für sie da sind. Mama braucht dich – und du gibst ihr so viel.

Lieber Papa, meine Bitte, die kennst du auch: Pass auch auf dich auf und lerne, die Hilfe anzunehmen, die wir und andere nahe Menschen dir geben möchten. Du sagst mir immer: Ich schaffe das schon. Aber du musst das nicht alleine schaffen. Wir sind für dich da. Damit du weiter so viel Geduld für Mama haben kannst.

Deine Peggy

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