Wie ich helfen kann

Weihnachten feiern mit Alzheimer – Mit viel Ruhe

Weihnachten hat für mich eine andere Bewertung bekommen, nachdem meine Mama die Diagnose Alzheimer erhalten hat. Für mich war Weihnachten immer auch eine gemeinsame Zeit, in der die ganze Familie zusammenkommt, als quirliges, lautes und lustiges Zusammensein. Doch in diesem Jahr wird es ruhig, sehr ruhig. Im Alltag meiner Mama ist es schon lange ruhig geworden. Sie nimmt sich immer häufiger ihre Pausen und ist dann in ihrer Welt. Ich hing immer noch an meinem Wunsch nach einer gesunden Mama und bin oft traurig über die Demenz. In diesem besonderen Jahr, in dem Corona mein Leben dominiert hat, habe ich ein wenig mehr gelernt anzunehmen. Dinge, die ich nicht ändern kann. Wie Corona. Wie Alzheimer. Ich freue mich, bei ihr zu sein, ohne Erwartungen, ohne Hoffnungen. In Ruhe und Nähe. Denn ich merke, dass diese beiden Dinge ihr gut tun, an Weihnachten und auch sonst

Weihnachten_Ruhe_Kerze

Wie gehen wir mit Weihnachten um? Was verändert sich mit der Demenz? Eine ganze Menge, wie ich in den vergangenen Jahren mit der Alzheimer-Erkrankung meiner Mama gelernt habe. Weihnachten feiern mit Demenz – kann das gelingen? Kann man eine gute Zeit zusammen verbringen? In meinem Weihnachts-Artikel vom vergangenen Jahr habe ich sehr viel Trauer gespürt. Ich war enttäuscht darüber, dass es kein Bilderbuch-Oma-Enkel-Weihnachten ist. Ich hatte immer noch dieses Wunschbild in meinem Kopf, das mit der Realität schon damals nichts mehr gemein hatte.

In diesem Jahr ist sowieso alles anders. Aber wenn mir Corona bei einer Sache geholfen hat, dann, dass ich ein wenig mehr gelernt habe, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann. Wie Corona. Oder wie die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama. Klar, ich bin immer noch traurig. Und wenn jetzt eine Fee käme und mir einen Wunsch schenken würde, so wäre es der, dass Mama wieder gesund wird. Aber Corona ist eine Krise – und irgendwie muss ich, müssen wir alle, da durch.

Nähe und Unterstützung ist wichtig

Ich habe mich sehr viel mit dem Thema Demenz beschäftigt, habe darüber gesprochen, mit anderen Angehörigen, mit Experten und in den Medien. In diesem verrückten Jahr habe ich viel mehr gelernt anzunehmen. Nicht zu akzeptieren oder die Krankheit gut zu finden. Ich ärgere mich oft darüber und bin wütend, dass es ausgerechnet meine Mama getroffen hat. Aber ich bin auch einfach verdammt froh, dass meine Mama lebt und dass sie bei uns ist.

Ja, vieles ist schwer und anstrengend geworden. Ich habe mir viele Sorgen gemacht. Ich bin aus Angst auf Abstand gegangen, weil Abstand ja wichtig ist, um die Ausbreitung des Coronavirus zu minimieren. Aber ich habe auch gemerkt, wie wichtig Nähe für mich ist. Und nicht nur für mich, sondern auch für meine Mama. Dass sie Nähe braucht. Und dass mein Papa Unterstützung braucht. Dass wir meiner Mama mit Alzheimer nur helfen können, wenn wir gemeinsam für sie da sind. Wenn wir uns als Familie zusammentun und uns gegenseitig stützen.

Ruhe und Pausen tun gut

In diesem Corona-Jahr müssen wir uns alle zurücknehmen. Bei meinen Eltern wird es viel ruhiger sein als sonst. Und das ist eigentlich gut. Denn das ist es genau, was meiner Mama auch guttut. Viele Menschen und viel Aufregung mag sie schon lange nicht mehr. Es macht sie nervös. Sie schaut dann unsicher und ängstlich.

Sie mag es nicht, wenn es laut wird. Wenn meine Kinder durch das Wohnzimmer rennen und auf der Couch Pferd spielen, dann ist ihr das zu viel. Sie kann es nicht mehr sagen, aber ich merke es an ihrer Mimik und Gestik.

Mama braucht Pausen. Die braucht sie, wenn ich mit den Kindern da bin und die braucht sie auch sonst im Alltag. Immer häufiger nimmt sie sich die selber. Sie setzt sich tagsüber hin und schließt die Augen. Manchmal schließt sie sogar beim Essen die Augen. Anfangs hat mich das sehr irritiert. Papa hat zu ihr gesagt: „Warum guckst du uns denn nicht an?“ Und auch ich dachte, sie will uns nicht sehen, weil sie etwas stört oder sie Ruhe haben möchte von uns.

Ein tiefes inneres Wohlgefühl

Aber vielleicht ist es so, dass sie sich so wohlfühlt, dass sie diese Ruhe, die sie im Inneren findet, auch ausleben kann. Keine Reaktion auf etwas, das wir falsch getan haben. Sondern ein tiefes inneres Erleben. Als größter menschlicher Vertrauensbeweis überhaupt, sich blind füttern zu lassen.

Mama trägt ihre Gefühle direkt nach außen, sie offenbart uns ihr Herz. Wie die Demenzbegleiterin Tamara Ameling immer sagt: „Das Herz wird nicht dement.“

Warum ich all das schreibe? Um zu zeigen, worum es beim Zusammensein mit Menschen mit Demenz geht. Um Ruhe, um Nähe und um echtes Interesse. Diese Vorstellung von einem Weihnachtsfest mit Großfamilie und Gänsebraten und fröhlichem Tanz um den Baum, ist nicht mehr als eine Vorstellung. Es tut uns allen gut, wenn wir das tun, was uns guttut. Schön, wenn wir das miteinander können.

Ich wünsche euch ein geruhsames, schönes und vor allem gesundes Fest! Passt auf euch und eure Lieben auf!

Eure Peggy

Weihnachten feiern mit Demenz: Darum geht es auch in der neuen Folge von „Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie“, den ich zusammen mit Anja Kälin hoste.
Ihr findet „Leben, Lieben, Pflegen“ überall, wo es Podcasts gibt (auf itunes, Spotify, Deezer) und natürlich auch direkt hier.

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