Allgemein, Tagebuchbloggen

Verrückt, aber schön – Unser Waldspaziergang

Ich habe schon öfter darüber geschrieben, dass meine Mama nicht mehr so gut zu Fuß ist. Manchmal hat sie solche Probleme, dass sie kaum die Treppen gehen kann. Momentan ist es wieder etwas besser. Das goldene Herbstwetter hat so sehr gelockt, dass wir einen Waldspaziergang gemacht haben: allerdings auf Wegen, die so gar nichts mit barrierefrei zu tun haben. ‚Das ist doch komplett verrückt‘, habe ich mehr als einmal gedacht und bin froh, dass ich meinen Papa nicht von seinem Wunsch nach diesem Waldspaziergang abgehalten habe. Denn ich habe gemerkt, dass es guttut, auch mit Demenz verrückte Sachen zu machen.

Waldspaziergang

Der Plan: Ein Herbstspaziergang im Wald

Ich bin wahnsinnig gerne im Wald unterwegs. Ich mag die Luft an den kühlen und trüben Tagen. Ich mag sogar das Nieselwetter. Wenn die Sonne scheint, lockt aber natürlich das Licht und die bunten Farben. Mit meiner Mama habe ich schon lange keinen Waldspaziergang mehr gemacht. In letzter Zeit war sie nicht so gut zu Fuß. Die Treppen haben Probleme bereitet und auch sonst geht sie nur noch sehr langsam. Bei meinen letzten Besuchen sind wir nur kleine Runden im Dorf oder um den Dorfteich gegangen – und das war okay.

Als Papa meinte: „Wollen wir nicht einen Spaziergang im Wald machen?“, kam das deshalb ein wenig überraschend. Aber, na gut, ich bin ja gerne draußen. Und da er sonst derjenige ist, der zögert oder sich nicht recht traut, weil er Angst hat, es könnte für Mama zu anstrengend werden, habe ich nicht Nein gesagt. (Und ehrlich gesagt, wusste ich auch nicht, auf was wir uns da einlassen.) Papa wollte in den Wald – in das sogenannte Knittelholz – wo er als Kind schon gespielt hatte. Also, auf!

Der Anfang: Sonnenschein und gute Luft

Ein Hindernis beim Autofahren besteht mittlerweile bereits darin, Mama beim Einsteigen zu helfen. Wir haben es dieses Mal mit dem Plastiktüten-Trick probiert. Hat ehrlich gesagt besser geklappt als mit dem Sitzkissen (aber dazu ein anderes Mal mehr). Ich bin über die Dörfer gefahren und war frohen Mutes, als wir ankamen. Die Sonne schien, die Blätter schimmerten in den schönsten Farben – und dann sind wir in den Wald eingeboten.

Das ist es wohl, was man mit dem goldenen Herbst meint. Immer wieder blitzten Sonnenstrahlen und ließen simple Blätter in den buntesten Farben leuchten. Wir gingen ein wenig und genossen die Luft und Stimmung. Papa ging links von Mama, ich rechts neben ihr. So weit, so schön. Bis zu dem ersten Hindernis.

Das Hindernis – und noch mehr Hindernisse

Es war ein Ast, den es da vor ein paar Tagen von den Bäumen gefegt haben musste. Ein ziemlich großer Ast und ich habe ihn mit meinem rechten Fuß schnell zur Seite geschoben. ‚Na, wenn das so weitergeht‘, fing der Gedankenkreisel in meinem Kopf zu drehen an. Dann lag da wieder ein Ast, dann ein dicker Baumstamm. Ich ging schon längst vor Mama und war so was wie der Wegbereiter.

Papa wunderte sich lautstark, wie viel Geäst am Boden lag. „Papa“, konnte ich nur stöhnend antworten. Vor wenigen Tagen war ein heftiger Sturm gewesen, Äste und Zweige auf dem Waldboden waren eigentlich keine Überraschung. Nun ja, wir gingen weiter. Und Papa erzählte, wie er als Kind die sogenannte Todesbahn mit dem Schlitten heruntersauste und wie er mit seinen Klassen im Wald Sportunterricht gemacht hatte. Er war so voller Erzählfreude. Mama hielt sich an seiner Hand und ging neben ihm her.

Den Waldspaziergang aufgeben?

Es wurden immer mehr Äste und Zweige, aber es ging. Irgendwie. Es war wirklich schön. Papa fing an, die Äste und Zweige, die sich uns in den Weg legten, aufzuräumen. Er, der davon geträumt hatte, Förster zu sein und dann Lehrer wurde, konnte jetzt mal Ordnung im Wald machen. Auch gut und so ging es immer weiter.

Papa Waldspaziergang

Aber dann lag da ein riesiger Baumstamm. Der Blitz oder Aufprall (oder was auch immer) hatte ihn geteilt. Er lag quer über dem Weg und schien unser Ende zu sein. „Ich glaub, das geht nicht“, sagte ich zögernd. „Mensch“, schimpfte Papa. Ich stieg auf den Stamm und rief zu meinen Eltern: „Naja, ihr müsst halt drum herum gehen, ein bisschen durch das Gebüsch.“ Ich dachte: ‚Kann man machen, aber eigentlich totaler Quatsch mit meiner Mama durchs Gebüsch zu krabbeln.‘ Und ehrlich gesagt dachte ich, dass Papa, der sonst so vorsichtig ist, umdrehen möchte.

Aber er wollte nicht umdrehen. Und Mama ging an Papas Hand durchs Gebüsch. Sie schaute ein wenig skeptisch und ängstlich. Sie sagt nicht mehr viel, auch nicht, wenn sie sich unwohl fühlt. Aber ich erkenne es an ihrer Mimik. In diesem Moment, da war sie nicht entspannt, aber sie stand neben meinen Papa, der ihr immer und überall Ruhe und Vertrauen gibt – und Mama folgte ihm.

Waldspaziergang_Peggy

‚So ein Quatsch. Was machen wir hier eigentlich?‘, dachte ich und mir kamen all die guten Ratgeber und Tipps über barrierefreies Wohnen in den Sinn. Ich dachte daran, wie ich über Stolperfallen und Teppichläufer im Wohnzimmer auf meinem Blogeschrieben habe und wie gefährlich all diese Sachen wären. Und jetzt gingen wir einen Waldweg, der sich von seiner besten Waldseite zeigte.

Verrückt, aber schön – Ein Waldspaziergang

Wir gingen noch weiter und es wurde wilder. Wir gingen über den Bach fast bis zur Quelle. Mein Papa erzählte von früher, hielt Mama fest an seiner Hand und wunderte sich immer mal wieder über die Äste und Zweige und Bäume, die da überall lagen.

Ich gebe es zu, ich wäre schon längst umgedreht, wäre ich alleine mit Mama gewesen. Aus Sorge und Rücksicht. Aber ich fand es auch wunderschön, da inmitten der Bäume unter dem Blätterdach zu gehen. Ich schaute auf meine Mama und nahm ihre Hand an den brenzligen Stellen. Ich ging vorneweg, um das große Geäst zur Seite zu schieben.

Blätterherz
Wie schön, ein Herz inmitten der Baumkronen.

Dann wurde der Weg ganz schmal, eher ein Trampelpfad als ein Weg. „Mmh, ich weiß nicht“, sagte ich. „Na, ob wir da weiterkommen“, sagte Papa. Ich war die Späherin und entschied: Wir drehen um. Der Weg war zu schmal, niemand hätte neben Mama gehen können. Und so drehten wir um. Dann konnte ich doch nicht anders und schimpfte ein wenig und meckerte, dass der Weg alles andere als gut gewesen sei für Mama. „Naja, aber eigentlich war es doch ein schöner Weg“, meinte mein Papa.

„Ja, schön“, sagte meine Mama, die den ganzen Tag über kaum was gesagt hatte. Wir schauten uns an und lachten. Und ich dachte: ‚Das war alles verrückt und nicht das, was man in Ratgebern liest, aber es war richtig schön.“

Vielleicht sollte man auch mit Demenz verrückte Sachen machen. Warum auch nicht?

Waldspaziergang
Was für ein schöner Waldspaziergang – trotz allem oder vielleicht gerade deswegen

6 Gedanken zu „Verrückt, aber schön – Unser Waldspaziergang“

  1. Das hört sich nach einem schönem, verrückten Ausflug an:-)
    Toll, dass ihr euch getraut habt und uns teilhaben lasst!
    Er wird allen wahrscheinlich noch lange in guter Erinnerung bleiben!

  2. Ein tolles Erlebnis für alle , finde ich. Schön, dass Ihr Euch getraut habt. Oh, ja die Todesbahn, da werden Erinnerungen wach, lach

Kommentar verfassen