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Mein lieber Papa, ich verstehe dich – und hoffe trotz allem, dass du mehr Hilfe annehmen kannst!

Heute gibt es keinen Brief an meine Mama, sondern an meinen Papa. Er kümmert sich tagtäglich um meine Mama und leistet so viel. Beim Punkt „Hilfe annehmen“ kommen wir immer wieder ins Diskutieren, denn ich verstehe nicht, warum es ihm so schwer fällt, Unterstützung anzunehmen und er alles alleine machen willst. Unser Gespräch neulich hat mir ein wenig mehr geholfen, ihn zu verstehen. „Du musst mehr Hilfe annehmen“ ist oft leicht gesagt, aber da spielt jede Menge Lebensgeschichte mit.

Papa und ich – manchmal ist es leicht, manchmal auch nicht. Aber jedes Gespräch bringt uns weiter.
Foto: D. Laudowicz

Lieber Papa, du machst das toll!

Du machst einen wahnsinnig tollen Job, weißt du das? Ich sage es dir manchmal, aber nicht oft genug. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie du dich um Mama kümmerst. An all den Kleinigkeiten sehe ich deine Liebe zu ihr. In den ersten Jahren mit der Alzheimererkrankung warst du manchmal ungeduldig, hast Mama korrigiert oder die Stirn gerunzelt, wenn sie etwas „Falsches“ gesagt hatte.

Aber all das ist längst gewichen und da ist so viel Geduld. „Es dauert halt länger“, sagst du und sitzt mit Ausdauer bei jeder Mahlzeit. Du reichst Mama das Brötchen, wenn sie dafür bereit ist und wartest geduldig.

Du machst oft kleine Späßchen, um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern – und hast damit Erfolg. Du sagst mir: „Das wichtigste ist, dass es Kerstin gut geht.“ Und ich merke, dass dir das wirklich das allerwichtigste ist.

Warum fällt dir das Hilfe annehmen so schwer?

Mama ist dir so wichtig, dass du dich manchmal vergisst. Du willst alles alleine machen und das Abgeben fällt dir schwer. Manchmal haben wir es nicht leicht miteinander. Da sind viele Menschen, die ihre Hilfe anbieten und Möglichkeiten, euch zu unterstützen. Auch Kai und ich bringen immer wieder Vorschläge – und du lehnst ab. Ich verstehe oft nicht, warum es dir so schwer fällt, sie anzunehmen.

Wir diskutieren dann oft. „Du musst mich auch verstehen“, sagst du.

„Ich verstehe dich“, sage ich. Denn ich kann verstehen, dass du niemandem zur Last fallen willst. Dass du Mama auf keinen Fall in ein Heim geben möchtest. Ich verstehe, dass es dir schwerfällt, sie in die Tagespflege zu geben. „Sie soll weiter zu Hause sein dürfen“, sagst du.

Und dann spreche ich mit dir doch über das Thema Pflegeheim. Nicht, weil ich möchte, dass du Mama abgibst, aber weil ich möchte, dass wir uns darüber austauschen. Wir haben in all den Jahren nie darüber geredet und ich habe keine Ahnung, was du dir für dich und euch wünschst. Du vermeidest das Thema immer und meinst, du schaffst das schon.

„Aber, Papa, was wäre, wenn es nicht mehr geht, was willst du dann?“, frage ich.

Und dann fängst du an von deiner Kindheit zu erzählen und ich möchte dich stoppen, denn ich denke, dass das doch gar nicht Thema ist.

Die Kindheit lebt immer weiter

Aber dann erzählst du von der Zeit, als du fünf Jahre alt warst. Der Krieg war gerade vorbei, aber dein Vater verschwunden, deine Mutter lag im Krankenhaus und starb. Du warst mit deinen beiden Geschwistern, die 10 und 8 Jahre alt waren , allein. Ihr kamt in ein Heim und es muss schrecklich gewesen sein. Es gab kaum zu Essen, dein Bruder büchste nachts aus, um in der Küche etwas Essen für dich zu besorgen. Er ging tagsüber zu den Soldaten und erbettelte sich Essen.

Und dann erzählst du mir davon, wie ihr abgeschoben wurdet und du und deine Schwester eine neue Familie fandet. Ich kenne diese Geschichte sehr gut. Ich habe sie schon so oft gehört, aber jedes Mal verstehe ich sie ein bisschen besser – und ich verstehe, was sie mit dir gemacht hat.

Wenn du darauf bestehst, es jetzt alles alleine zu machen, dann eben auch, weil du immer „alles alleine“ geschafft hast.

Jedes Gespräch bringt uns ein Stück weiter – und ein Stück mehr Verständnis. Ich werde milder mit dir, du kannst von deinen Sorgen erzählen. Und in der Tat, du gibst mehr ab und sagst manchmal sogar: „Ja, es wäre schön, wenn du das machen könntest.“ Und dann mache ich und versuche mein Bestes. Leicht ist es für uns alle nicht.

Du weißt, ich bin für euch da!

Deine Peggy

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