Kinderbücher

Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 12: „Oma Luise und die Schmetterlinge“

Ich möchte euch ein ganz besonderes Kinderbuch vorstellen: „Oma Luise und die Schmetterlinge“ ist ein Bilderbuch rund ums Thema Demenz – und viel mehr. Es informiert auf eine zauberhafte und sehr positive Weise darüber, was bei einer Demenz im Kopf passiert. Zusätzlich zu der Geschichte finden sich viele Informationen rund um Demenz und wie Kinder damit umgehen. Was mir an diesem Buch so besonders gefällt: Es ist nicht nur ein Buch, sondern regt Gespräche und ein Miteinander an. Wie, das lest ihr in dieser Buchbesprechung.

Cover_Oma Luise und die Schmetterlinge
Ein zauberhaftes Buch über Demenz, das nicht nur erklärt, sondern vor allem zum Miteinander anregt: Oma Luise und die Schmetterlinge

Regelmäßig stelle ich euch Kinderbücher rund um das Thema Demenz vor. In diesem Blog-Beitrag geht es um ein ganz aktuelles – und besonderes Buch. „Oma Luise und die Schmetterlinge“ ist nicht einfach nur ein Bilderbuch, es ist wie eine kleine Werkzeugkiste, die im Umgang mit der Demenz helfen kann. Das Buch von Christina Kuhn, Anja Rutenkröger, Magdalena Czolnowska (Mabuse Verlag) enthält viele hilfreiche Informationen für Erwachsene und gibt ihnen Tipps, wie sie Kinder bei dem Thema Demenz begleiten können.

Karla und ihr unbeschwerter Blick – eine Einladung zum Perspektivwechsel

Die kleine Karla erzählt in dem Buch von ihrer Oma Luise und sie berichtet in ihrer kindlichen Art davon, wie schön und lustig es bei der Oma ist. Die typischen Demenz-Symptome tauchen dabei unbeschwert und beinahe leicht und fröhlich auf. „Oma hat viele Verstecke. Wir suchen gemeinsam. Im Garten war die Handtasche (und Opas Brille war im Kühlschrank“, lese ich meiner mittleren Tochter vor. Ich habe sofort das Negative im Kopf. Ich erinnere mich, wie oft wir mit meiner Mama ihre Armbanduhr, ihre Handtasche, ihren Geldbeutel und weiteres gesucht haben – und wie nervig und angespannt diese Situationen waren.

Meine Tochter aber lacht. Sie kann sich nicht an diese Situationen erinnern, für sie ist Suchen und Finden vor allem ein Spiel. In diesem Moment beim Vorlesen merke ich mal wieder, wie besonders und hilfreich die Perspektive der Kinder sein kann. Natürlich ist das Vergessen ein Problem. Aber durch unsere Hektik und Genervtheit haben wir die Situationen damals vielleicht eher verstärkt und noch mehr zum Problem gemacht, als sie es eigentlich waren. Ein entspannterer Umgang und die Sicht als Versteckspiel hätte vermutlich viel von dem Stress genommen, den wir uns damals gemacht haben, denke ich heute.

Kinder gehen oft unvoreingenommen mit der Demenz um. Das merke ich an meinen Töchtern. Ihnen gelingt es viel besser, mit meiner Mama Normalität zu leben – und genau das ist es ja, was sich Menschen mit Demenz wünschen und was sie brauchen: einfach sein zu können und in ihrer Person akzeptiert zu werden, und nicht die Demenz in den Vordergrund zu stellen. Deswegen sind sie für mich oft Vorbilder. Und so ist es auch die kleine Karla.

Oma Luise und die Schmetterlinge_Oma_Karla
Oma Luise und Karla: ein fröhliches Team

Oma Luise und die Schmetterlinge

Die kleine Karla erzählt: „Oma sagt manchmal, dass sie Schmetterlinge im Kopf hat. Dann fliegt ein Name, eine Geschichte oder ein Ding einfach davon.“ Und passend zu dem Text flattern blaue, orange, gelbe und rote Schmetterlinge über die Seite, die Bilder davon tragen. Mit ihren acht Jahren weiß meine Tochter natürlich, dass keine echten Schmetterlinge in den Kopf fliegen, aber sie mag die Erklärung dafür, was bei einer Demenz im Kopf passiert. Und mir gefällt sie auch sehr gut.

Ich habe die Erinnerungslücken und das Vergessen durch die Demenz meinen Kindern oft anhand von Seifenblasen erklärt. Dass all die Erinnerungen und das Wissen durch die Krankheit zu Seifenblasen werden und Seifenblasen platzen nun mal. Das fand ich eine gute Erklärung für meine Kinder, warum meine Mama so vieles nicht mehr kann und immer mehr Dinge vergisst.

Oma Luise Schmetterlinge
Nach und nach tragen die Schmetterlinge die Erinnerungen davon

Aber wer weiß schon, ob die Dinge wirklich platzen und verschwinden. Vielleicht sind ja all diese Erinnerungen noch da, aber eben an einem anderen Ort? Die Schmetterlinge bringen sie weg, aber wer weiß, vielleicht bringen sie auch etwas? Ich bin nicht gläubig aufgewachsen und habe mich mit den Gedanken an ein Leben nach dem Tod immer schwer getan. Aber an meiner Mama erlebe ich jetzt, wo sie mit einer fortgeschrittenen Alzheimererkrankung lebt, dass sie häufig sehr zufrieden in sich ruht. So als wäre sie ein klein wenig in einer anderen Welt. In einer, wo das Denken nicht so wichtig ist, sondern wo es einzig auf das Sein ankommt.

Karla erlebt, wie die Oma sich verändert

In „Oma Luise und die Schmetterlinge“ erlebt Karla, wie sich die Oma immer mehr verändert. Sie berichtet davon, dass die Oma sich ihr Unterhemd über dem Rüschenkleid angezogen hat und die Kartoffelsuppe mit Zucker gewürzt hat. In Karlas Welt ist das lustig – und auch meine Tochter findet es witzig. Aber die Autorinnen gehen auch auf die weniger komischen Momente mit der Demenz ein. Karla erzählt, dass die Oma mit der Mama schimpft, weil sie denkt, dass sie ihre Lieblingstasse versteckt hätte, obwohl die Oma sie selber verlegt hat.

Viele Menschen, die einen Angehörigen mit Demenz haben, kennen diese Diskussionen und auch Anschuldigungen. Als Erwachsene ist es schon schwer, damit umzugehen. Wie mag es dann erst Kindern in solch einer Situation gehen? Und hier kommt das besondere an diesem Kinderbuch zutage: die vielen kleinen Fragen, die passend zum Erzähltext von kleinen Schmetterlingen gehalten werden (die Schmetterlinge bringen also sehr wohl etwas 🙂 ) und zum Reden und Austauschen anregen. Bei dem Beispiel mit der Anschuldigung fragt der Schmetterling etwa: „Wie fühlst du dich, wenn jemand mit dir schimpft, obwohl du nichts Falsches gemacht hast?“

Die Gesprächs-Schmetterlinge regen zum Nachdenken über die eigenen Gefühle und Gedanken an, aber auch zum Reflektieren über das Verhalten von Oma Luise oder stellen Fragen über die eigenen Großeltern. „Worüber kannst du mit deinen Großeltern lachen?“. Sie ermutigen auch darüber nachzudenken, wie man die Großeltern unterstützen könnte. Zum Beispiel taucht die Frage auf, wie man die Toilette besser finden könnte, als Karla erzählt, dass die Oma die Toilette nicht mehr findet. Oder die Frage, was man den Großeltern beim nächsten Besuch im Krankenhaus oder Pflegeheim erzählen möchte.

Karla bleibt ein wichtiger Teil in Oma Luises Leben

Die Autorinnen Christina Kuhn und Dr. Anja Rutenkröger, beides erfahrene Demenz-Expertinnen vom Demenz-Support Stuttgart, geben den LeserInnen auch Einblicke, wie eine Demenz-Diagnose gestellt wird. Karla erzählt davon, wie ihre Oma zum Arzt gehen muss. „Vielleicht kann der Arzt Schmetterlinge fangen“, überlegt sie. Und dann erfährt sie, dass der Arzt bei einer Demenz den Kopf untersucht und spezielle Tests, wie etwa den Uhren-Test macht. Für meine Tochter war das sehr interessant.

Oma Luise Arzt
Oma Luise bei dem typischen Uhren-Test

Oma Luise hat einen kleinen Unfall und muss ins Krankenhaus. Danach zieht sie in ein Pflegeheim, weil sie nicht mehr alleine leben kann und Hilfe benötigt. Die Autorinnen sparen in ihrem Buch auch dieses Thema nicht aus. Mich beschäftigt dieses Thema Pflegeheim gerade sehr, aber es sind vielfach traurige Gedanken.

Nachdem meine Tochter das Buch fertig gelesen hatte, habe ich sie nach ihren Lieblingsseiten gefragt. Da zeigte sie auf die Szenen aus dem Pflegeheim. ‚Echt jetzt?‘, habe ich gedacht und neugierig gefragt: „Warum?“. Meine Tochter erklärte mir: „Da ist sie nicht alleine und alle singen zusammen.“

Und ich habe gedacht: Wie Recht mein Kind doch hat. Denn Oma Luise hat immer noch Karla – und sie hat ganz viele andere Menschen um sie herum. Die Schmetterlinge tragen die Töne und Musik zu ihnen. Gleichzeitig regen die Fragen wieder an, etwas zu tun: ein Lied zu singen oder etwa zu überlegen, welches Lied man mit Oma und Opa singen möchte.

Oma Luise und die Schmetterlinge_Heim
Eine schöne Zeit: Oma Luise und Karla im Pflegeheim

Unser Fazit: Wunderbar, wie das Buch zum Miteinander anregt

Dieses Kinderbuch ist laut Verlag für Kinder ab vier Jahren. Meine jüngste Tochter, die vor kurzem fünf Jahre geworden ist, hat sich noch nicht so für dieses Buch interessiert. Aber das liegt vor allem an der ausgeprägten Pferde- und Einhorn-Phase. Meine Achtjährige hingegen fand es toll. Sie liest sehr viel und auch schon sehr fortgeschritten – und doch hat sie sich in diesem Bilderbuch gefunden.

Und sie hat in „Oma Luise und die Schmetterlinge“ noch etwas anderes Besonderes gefunden: zwei Seiten, die man wie in einem Freundebuch über Oma und Opa ausfüllen kann. Die Autorinnen Christina Kuhn und Dr. Anja Rutenkröger, beides erfahrene Demenz-Expertinnen vom Demenz-Support Stuttgart, erklären auch, was sie damit bezwecken: „Die folgende Vorlage, die gemeinsam mit den Kindern ausgefüllt und ausgemalt werden, sammelt wichtige Aspekte einer Biografie, um daraus Anstöße für Gespräche anzuleiten.“

Sie erläutern ausführlich, was Biografiearbeit bewirken kann und wie Kinder dazu beitragen können, dass Oma und Opa sich besser erinnern. Ich erzähle meinen Kindern häufig von meiner Mama und davon, was sie früher mochte und was sie gemacht hat. Ich tue das, weil ich möchte, dass sie meine Mama nicht nur als die „Oma mit Alzheimer“ im Kopf behalten, sondern meine Mama mit ihrem ganzen bunten Leben sehen.

Oma Luise und die Schmetterlinge_Biografie-Fragen
Meine Oma – meine Tochter will mehr über die Oma wissen

Meine Tochter hatte so große Lust darauf, mehr über ihre Oma – und über ihren Opa – zu erfahren. Und dann saßen sie zusammen und mein Papa hat davon erzählt, was meine Mama mag und was ihr wichtig ist und was er mag – und ich fand es einfach nur wunderbar, dass ein Bilderbuch so viel Miteinander schaffen kann. Ich bin mir sicher, dass ich dieses Buch noch oft in die Hand nehmen werde und mit meinen Kindern lesen werde.

Buchinfo: Oma Luise und die Schmetterlinge. 2021. Christina Kuhn, Anja Rutenkröger, Magdalena Czolnowska. Mabuse Verlag. 58 Seiten.

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