Im Gespräch, Kommunikation, Wie ich helfen kann

„Menschen mit Demenz wollen Normalität“ – Humortherapeut Markus Proske im Gespräch

Wenn jemand in der Familie an Alzheimer oder einer anderen Demenz erkrankt, tauchen viele Fragen und Herausforderungen auf. Nach Lachen, Fröhlichkeit und Frohsinn ist da meist niemandem zumute. Das war bei uns nicht anders. Am Anfang war da viel Angst und Sorge. Mit der Zeit hat sich das verändert. Natürlich sind da immer noch Fragen und immer mal wieder Probleme. Aber irgendwie ist Normalität eingezogen. Mein Papa meistert den Pflege-Alltag auch mit Humor. Kleine Scherze und Witze bringen Mama, ihn und uns zum Lachen. „Das ist gut und wichtig“, sagt der Demenzberater Markus Proske. Im Interview hat er mir erklärt, warum und wie Humor Menschen mit Demenz – und ihren Angehörigen – im Alltag helfen kann und weshalb es so wichtig ist, Normalität zu leben

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Markus Proske in Kommunikation

Seit die Corona-Pandemie unseren Alltag begleitet, habe ich unzählige Gespräche per Videocall geführt – darunter waren sehr inspirierende und hilfreiche. Eines davon war das Interview mit Markus Proske. Markus Proske ist Demenzberater und Humortherapeut und begleitet seit 20 Jahren Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Er schult Pfleger*innen, Interessierte und Angehörige, hält Vorträge, schreibt Bücher (zum Beispiel „Der Demenz-Knigge“) und hat einen interaktiven Demenzpfad entwickelt. Ich habe mit ihm über Kommunikation gesprochen und welche Rolle dabei Humor spielt (Hier ein älterer, aber immer noch aktueller Beitrag von mir: „Die Macht des Lächelns“)

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Interview mit Demenzberater Markus Proske

Lieber Markus, wie wichtig ist Humor für Menschen mit Demenz?

Humor ist sehr wichtig für Menschen mit Demenz. Was du durch deine Mutter und ihre Alzheimererkrankung ja selber mitkriegst, ist, dass sich das Selbstverständnis von Menschen mit Demenz ändert. Der Bezug zu sich selber geht verloren, und das hat enorme emotionale Auswirkungen. Humor ist ein wertvolle Bereicherung für Menschen mit Demenz, denn er hilft den Angehörigen die emotionale Last abzupuffern. Humor schafft ein positives Umfeld und gibt Menschen mit Demenz die Sicherheit, die sie brauchen. Ich merke, dass die meisten mit Humor eine rote Nase und Witze erzählen verbinden. Aber diesen Humor meine ich nicht.

Was verstehst du unter Humor?

In meinem Verständnis ist Humor eine Gelassenheit. Es ist die Fähigkeit, mit Wohlwollen und Gelassenheit mit sich selber umzugehen und so auf Betroffene zuzugehen. Dieses innere Wohlwollen mit sich und der Umgebung wirkt über die Spiegelneuronen auf das Gegenüber. Das kann man wissenschaftlich erklären. Ich erlebe es aber auch täglich. Ich begleite gerade Familie, da ist die Dame an Demenz erkrankt. Da bin ich zweimal in der Woche und verbringe Zeit mit der Dame. Wenn ich komme, lache ich sie an und man merkt genau, dass es wie ein Schalter ist, der sich umlegt. Sie lacht zurück und ist fröhlich. Der Ehemann versteht das manchmal gar nicht. „Immer, wenn der Markus kommt, ist sie gut drauf. Ich weiß gar nicht, warum“, höre ich ihn reden.

Warum reagiert sie dann auf dich so fröhlich?

Weil ich auf sie mit Wohlwollen zugehe. Mein Auftrag ist es, den Menschen mit Demenz die Hand zu reichen und sie und ihre Familien ein Stück des Weges zu gehen, dass sie sich besser fühlen. Ich habe nicht den Anspruch großartige Veränderungen zu schaffen, sondern mir geht es um kleine, feine Augenblicke. Ich möchte, dass sich die Menschen wieder als Ganzes fühlen. Auch, wenn sie halb sind, für mich sind sie ganz.

Ich erinnere mich gerade an die erste Zeit nach Mamas Diagnose, da waren wir sehr traurig. Und auch jetzt ist es oft herausfordernd. Da ist einem nicht immer zum Lachen…

Es geht nicht unbedingt um das Lachen, es geht um das Annehmen und Loslassen. Viele Menschen mit Demenz vereinsamen. Die Demenz ist vor allem eine Herausforderung für die Angehörigen. Als Angehöriger, speziell als Partner, möchte man natürlich den Menschen behalten, so wie man ihn kennt. Und jetzt geht der und verabschiedet sich nicht einmal schön dabei. Das ist natürlich eine Herausforderung. Unbedingt. Ich als Externer kann unbefangen mit dem Menschen umgehen. Als Kind oder Partner verbindet einen eine lange Geschichte. Mit der Demenz muss man sich noch einmal neu kennenlernen.

Und sich von lieb Gewordenem und Gelerntem verabschieden?

Ja, da stellen sich Fragen wie „Was ist denn gut oder richtig?“ Das fängt doch in ganz kleinen Sachen an: Wie schält man eine Kartoffel? Wie schält man einen Apfel? Wie legt man Wäsche zusammen? Ist es nur gut, wie man so macht, wie man es immer gemacht hat oder wäre es ein bisschen anders auch gut? Wie deckt man einen Tisch? ist es wirklich notwendig, dass die Gabel links ist und das Messer rechts? Weißt du, da geht es schon los.

Was rätst du Angehörigen?

Alle müssen an einem Strang ziehen. Das ist ganz wichtig, dass in der ganzen Familie alle das gleiche Know-How und die gleiche Haltung haben. Die Familie, die Freunde, das Pflegepersonal, sie sollen eine Normalität leben. Menschen mit Demenz wollen Normalität.

Normalität?

Ich möchte das erklären. Wenn ich deine Mama sehe und die ist verstrubbelt, dann würde ich sagen: „Mensch, Sie sind heute ja ganz schön verstrubbelt. Was ist denn mit Ihnen los?“ Oder wenn ihr ein Nasenpopel aus der Nase hängt und ich sage: „Ja, was hängt Ihnen denn da aus der Nase raus.“ Das ist einfach Normalität, dass man Dinge benennt und zwar mit einem Wohlwollen. Ich kann jemanden dumm aussehen lassen, wenn er was an der Nase hat, aber ich kann das auch liebevoll machen. Ich meine Normalität in dem Sinn, dass man Menschen mit Demenz akzeptiert ohne abzuwerten.

Ja, das stimmt. Meine Mama kleckert oft beim Essen oder krümelt sich auf den Pulli. Mein Papa macht manchmal neckische Bemerkungen wie „Dir schmeckt es aber heute gut“.

Ja, dieses liebevolle, dass da mitschwingt, darauf kommt es an. Der Mann von der Dame, die ich begleite, macht das auch toll. Er bringt ihr Blumen aus dem Garten und sagt: „Die sind für meine große Liebe.“ Die Frau versteht vielleicht seine Worte nicht, aber der Klang, der da mitschwingt, den versteht sie.

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„Menschen mit Demenz brauchen Normalität“, sagt Markus Proske

Manchmal überrascht uns Mama mit witzigen Kommentaren, wie neulich als Papa fragte, ob noch jemand Wein trinken möchte und Mama lautstark „Ja“ sagte. Wir haben gelacht und waren fröhlich.

Ich spreche dann von sogenannten Wecksignalen. Nehmen wir mal das Bild vom Schiffeversenken-Spiel. Da versteckt man ja kleine, mittelgroße und große Boote und der andere muss versuchen, sie zu finden. Die Demenz versetzt die Schiffe in Bewegung. Wenn du empathisch bist und Interesse an dem Menschen hast, dann spürst du sehr genau, was er oder sie braucht. Wenn du wirklich da bist und aufmerksam, dann spürst du, wo das große Schiff ist und wie du es versenken kannst. Das ist so individuell wie jeder Mensch ist. Das kann mithilfe einer Musik sein, es kann ein Gedicht sein, ein Wort, ein Duft oder was auch immer, das den Menschen aktiviert und berührt.

Kann das jeder?

Ja, davon bin ich überzeugt. Man braucht keine Ausbildung, sondern wirkliches Interesse für Menschen. Dann werde ich den Menschen dort abholen, in seiner Welt, und dann werde ich mir Zeit nehmen und gut zuhören. Mit der Dame, die ich begleite, schäle ich immer Äpfel. Sie macht das hervorragend und ich kann sie dadurch motivieren. Letztens hatten wir einen Apfel, der war sehr sauer. Da habe ich gesagt: „Sauer macht lustig“, und sie sagte: „Der macht aber ganz schön viel lustig“. Wir lachen und es ist eine gute Stimmung. Das brauche ich sie nicht korrigieren, das ist auf den Punkt genau richtig, was sie macht.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es meinen Kinder oft besonders gut gelingt, Mama fröhlich zu machen. Ich streichle und rede mit ihr, aber da reagiert sie nicht immer. Die Kinder hingegen machen einmal Quatsch und sie lacht.

Das sind wir wieder in der Normalität. Die Angehörigen meinen, sie müssen sich besonders viel Mühe geben und vorsichtig sein. Aber das ist nicht normal. Wann gehen wir denn sonst aufeinander zu und streicheln uns. Kinder sind einfach normal. Die hüpfen trotzdem auf dem Sofa herum oder ziehen an den Haaren, auch wenn die Oma Demenz hat. Diese Normalität ist aber wichtig, denn sie gibt den Betroffenen das Gefühl, dass sie selber normal sind. Dieses extreme Anderssein und Bemühen ist nicht zuträglich, das vermittle ich in meinen Fortbildungen. Ich coache viele Leute, die Humortherapeut werden möchten. Was glaubst du, ist meine größte Herausforderung, diesen Menschen beizubringen? Da bringen manche viel Wissen und Vorbildung mit, aber bei fast allen treffe ich auf ein Problem.

Vielleicht die Erwartungshaltung?

Nein. Das Problem ist, dass keiner von denen so ist, wie er wirklich ist. Die wollen immer was sein, was sie nicht wirklich sind. Sie spielen eine Rolle. Und was deine Mama auf den Teufel nicht braucht, ist jemanden, der eine Rolle spielt. Sie braucht jemanden, der einfach so ist, wie er ist. Denn sie will auch so sein, wie sie ist. Wir alle haben gelernt, zielorientiert zu arbeiten. Aber in der Demenz musst du lernen, prozessorientiert zu arbeiten. Du begleitet den Menschen in seinem Lebensweg. Das bringt das Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“ wunderbar zum Ausdruck.

Hast du noch einen Tipp für meine Leser*innen?

Ich habe auf meiner Homepage ein Humor-Tagebuch eingerichtet, wo ich Anekdoten sammle. Das kann ich jedem pflegenden Angehörigen nur raten. Dass man ein Tagebuch führt und aufschreibt, was die Mama, der Papa oder wer auch immer von sich gibt. Denn das gerät sonst in Vergessenheit und man erinnert sich nur daran, dass er oder sie weggelaufen ist oder andere Probleme hatte. Aber oft kommt da auch Lustiges oder Wunderschönes. So fantasiebegabt und manchmal fast poetisch, das sollte man nicht vergessen. Das ist Teil dieser Lebensgeschichte. Eine Dame hat mal etwas Schönes gesagt, an das ich oft denken muss. Sie hatte zwei verschiedene Dinge in der Hand und sagte über das eine: „Weißt du, das hat eine andere Melodie.“

Ja, das ist schön. Ich fühle, was sie meint.

Wenn man so etwas in Erinnerung behält, das ist schön. Es muss nicht immer lustig sein, aber wenn man die Geschichten nicht aufzeichnet, gehen die kleinen feinen Momente sonst oft unter.

Fotos: Markus Proske (2)

„Leben, Lieben, Pflegen -Der Podcast zu Demenz und Familie“

Mit Anja Kälin von Desideria Care spreche ich regelmäßig zu Themen, die Angehörige von Menschen mit Demenz interessieren. Wir erzählen von unseren Erfahrungen und hoffen auf einen Austausch unter Angehörigen. Hier könnt ihr den Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“ anhören. Und natürlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen.

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