"Liebe Mama..."

Liebe Mama, warum isst du nicht?

In den vergangenen Monaten hat sich Mamas Essverhalten sehr verändert. Vor einem Jahr hat sie noch selbstständig, mit gutem Appetit und viel Genuss und Freude gessen. Mittlerweile fällt Mama immer schwerer, selbst zu essen. Oft steht das Essen vor ihr, aber sie greift nicht einmal zu. Oder sie hält ein Brötchen in der Hand, aber beißt nicht ab. Warum ist das so? Verlernt Mama durch den Alzheimer das Essen? Es macht mich traurig und verunsichert mich. Was kann sie noch alleine – und wie können wir das fördern? Hilft da spezielles Geschirrt – oder nur ein anderes? Oder hat sie gar keinen Hunger? Ach, Mama, wie gerne würde ich von dir eine Antwort auf meine Frage „Warum isst du nicht?“ bekommen. Aber die kannst du leider nicht geben. Wie wir versuchen, dir zu helfen

Mama_Tisch

Liebe Mama,

warum isst du nicht?

Du hast Tage, da klappt alles wunderbar. Du setzt dich auf deinen Stuhl an den Tisch, nimmst das Brötchen, das vor dir liegt, und beißt Stück für Stück ab. Wenn es ein ganz wunderbarer Tag ist, nimmst du nach dem Essen sogar mal deine Tasse oder dein Glas und trinkst daraus. Es ist so unkompliziert, als wärest du meine gesunde Mama. Die, die ich von früher noch kenne.

Und dann gibt es andere Tage. Da setzt du dich nicht mal hin. Du wanderst im Flur herum. Oder stehst dort einfach. Wir holen dich sanft. Dann stehst du vor deinem Stuhl und setzt dich nicht. Papa steht hilflos vor dir. „Setz dich doch“, bittet er dich, aber du weißt nicht, was er von dir will und was du tun sollst. Du schaust ihn an oder irgendwie durch ihn durch. „Ach, setz dich doch…“, sagt Papa. Aber mit Worten funktioniert es nicht. Er führt dich rückwärts zum Stuhl, beugt sich etwas und dann klappt es irgendwie, manchmal auch erst im dritten oder vierten Anlauf.

Alzheimer: Wenn das Essen zur Herausforderung wird

Du sitzt dann auf deinem Stuhl, das Brötchen liegt vor dir. „Guck mal, das habe ich dir gemacht, so wie du es magst“, preist Papa das Brötchen mit Fleischsalat an. Du schaust Papa an. Er nickt dir zu. Sogar ich nicke eifrig, obwohl ich niemals ein Brötchen mit Fleischsalat essen möchte. Aber du machst nichts. Dann gibt Papa dir das Brötchen in die Hand – und wenn alles gut geht, beißt du hinein. Und isst Stück für Stück das Brötchen. Aber immer häufiger ist das nicht der Fall. Du hältst das Brötchen in der rechten Hand, aber du isst nicht. Du bewegst die Hand hin und her, so ein wenig wie wenn du an deiner Jacke nestelst. Hast du das Brötchen vergessen? Weißt du nicht mehr, wie Essen geht?

Papa sitzt immer links neben dir. Er sorgt sich liebevoll, dass du genug zum Essen auf dem Teller hast. Oder er führt das Brötchen gleich zu deinem Mund. Ich sitze rechts von dir – und fühle mich irgendetwas zwischen Mutter und Tochter. Ich möchte dich so füttern, wie ich es bei meinen Kindern getan habe. Dir das Brötchen hinhalten und dich abbeißen lassen. Gleichzeitig überkommt mich so eine Traurigkeit. Mitzuerleben, dass der Alzheimer macht, dass du nicht mehr essen kannst, fällt mir (immer noch) schwer. Dann gebe ich dir das Brötchen lieber in deine Hand – und hoffe, dass du von alleine weiter essen kannst.

Vergangenes Jahr hat dies meist noch reibungslos funktioniert. Aber ich erinnere mich intensiv an eine Situation, als es nicht ging und ich dir geholfen habe. Ich hatte für die Kinder Eier zum Frühstück gekocht. Weil ich weiß, dass du früher auch gerne mal ein Frühstücksei gegegessen hast, haben wir für dich auch eines gemacht. Und dann war Papa nicht da. Ich saß neben dir und realisierte, dass du das gar nicht kannst. Ein Ei auslöffeln, das war zu komplex. Ich klopfte dir das Ei auf, schälte es ein wenig, streute Salz darüber – und fütterte dich. Meine kleinste Tochter schaute irritiert und in meinem Kopf hallte es: „Oh, nein, sie kann nicht mehr essen.“ Am liebsten hätte ich geweint.

Richtig unterstützen beim Essen

Seither bin ich da meist pragmatischer. Wenn ich merke, dass du nicht isst, halte ich dir das Brötchen vor den Mund. Allerdings ist das ja noch einfach. Ein warmes Mittagessen mit Messer und Gabel schon anspruchsvoller. Vor ein paar Jahren noch hast du es sehr genossen und du hast dir das Essen richtig schmecken lassen. Egal ob süß oder herzhaft, du hattest immer einen guten Appetit und hast gegessen, was vor dir stand. Anders als viele andere Menschen mit Demenz mussten wir uns nicht um einen Gewichtsverlust oder Mangelernährung bei dir sorgen. (zur weiteren Information: Ernährung bei Demenz: Artikel vom Bundeszentrum für Ernährung )

Mittlerweile ist das anders. Du sitzt vor deinem Essen, aber isst nicht – warum? Hast du keinen Hunger? Erkennst du das Essen nicht? Weißt du nicht, was du damit machen sollst? Jede Menge Gedanken tauchen bei mir dann auf und die Frage: Was machen wir denn nun?

Viel Zeit und eine enspannte Atmosphäre

An der Umgebung kann es eigentlich nicht liegen. Die Empfehlung, eine angenehme Atmosphäre beim Essen zu schaffen, wie es in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin steht, die schaffen wir locker. Im Esszimmer oder auf der Terrasse ist es gemütlich, schön hell und ruhig. Papa lässt dir die Zeit, die du brauchst und drängt nicht. „Das Essen dauert jetzt ganz schön lange“, sagt er manchmal zerknirscht. Aber er bleibt bei dir, reicht dir liebevoll das Essen. Und wenn das Essen auf deinem Teller zwischenzeitlich kalt geworden ist, wärmt er es noch einmal auf.

Und auch, wenn wir mit der ganzen Familie zusammensetzen, ist die gemeinsame Mahlzeit meist schön. Papa genießt es, wenn die Kinder dabei sind. Und ich glaube, du auch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es für dich ein bisschen wie Fernsehen ist, nein, viel besser. Du beobachtest deine Kinder, Enkeltöchter, die ganze Familie. Und wenn die Kinder vom Kindergarten oder der Schule erzählen oder Papa mit ihnen Quatsch macht, hast du auch Freude daran. Du lachst dann herzhaft, dass alle mit einstimmen.

Bei Alzheimer: Das richtige Geschirr wählen

„Gute Kontraste sind wichtig, auch beim Essen“, hat mir mal eine Expertin gesagt. Liegt es also vielleicht daran, dass du das Essen auf deinem Teller nicht gut erkennst? Euer Geschirr ist entweder ganz weiß oder voller Muster. Ich habe mich mit meiner Schwägerin beraten und sie brachte den ersten Teller mit rotem Rand mit. Denn man weiß, dass die Farbe rot diejenige ist, die Menschen mit Demenz im Krankheitsverlauf am längsten erkennen können. Weiße Teller mit rotem Rand werden daher in vielen Heimen und Kliniken genutzt, um Menschen mit Demenz das Essen zu erleichtern.

Papa war skeptisch. Wir haben dir den Teller gegeben – und natürlich hat sich nicht schlagartig alles geändert. Aber wir nehmen ihn trotzdem regelmäßig, in der Hoffnung, dass es dir so etwas leichter fällt als ohne. Ich habe einen Warmhalte-Teller mit rotem Rand besorgt, damit Papa nicht mehr vom Tisch aufstehen muss und dein Essen warm bleibt. Anfangs war er skeptisch. „Hmm“, sagte er und schaute mich zweifelnd an. Aber als ich vor ein paar Tagen zu euch kam, habe ich den Teller* im Spülbecken entdeckt. Und er fragte, ob es den auch als Schüssel gibt. Mein Kauf scheint sich also ein wenig gelohnt zu haben.

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Sorgt für Orientierung durch den roten Rand und hält das Essen warm

Kleine Gläser, passende Tassen

Beim Trinken hat es sich ja schon bewährt, auf die Auswahl des Gefäßes zu achten. Von alleine greifst du selten nach deiner Tasse oder deinem Glas. Wir erinnern dich deshalb oder geben dir das Glas in die Hand. Meine Schwägerin war die erste, die meinte, dass manche Kaffeetassen vielleicht nicht gut geeignet sind für dich. Und ja, sie sehen schön aus, haben aber einen schmalen und engen Henkel. Durch Ausprobieren haben wir gemerkt, welche Tassen du gut hältst und welche schwieriger sind. Gut funktionieren die mit einem großen, dicken Henkel. Oder Becher, denn die kannst du gut in der Hand halten.

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Tassen mit großem breiten Henkel kann Mama gut greifen

Als ich neulich mit deiner Pflegerin von der Tagespflege sprach, gab sie mir noch einen tollen Tipp. „Die Mutti muss mehr trinken. Wir geben ihr hier immer ein kleines Glas, das kann sie gut greifen und trinkt dann auch gut“, erzählte sie. Ja, was für eine simple Idee. Wir haben es ausprobiert – und sofort beibehalten. Du trinkst seitdem selbständiger und mehr, das ist gut.

Unterstützen und kleine Schritte fördern

Und beim Essen? Warum klappt es da so viel schlechter als noch vor Monaten? Ich habe in der Tagespflege gefragt und sie meinten, dass es wichtig ist, dass wir dich bei dem unterstützen, was du noch kannst. „Das braucht natürlich Geduld, aber für die Mutti ist es besser, wenn Sie sie beim Selberessen fördern“, erklärte mir die Pflegerin.

Das klingt einfach – und ich dachte zunächst, dass es wie bei meinen Kindern ist. Kinder üben ja auch nach und nach, erst mit dem Löffel, dann mit der Gabel und irgendwann können sie auch mit einem scharfen Messer schneiden. Nur: mit ihnen konnte ich immer darüber sprechen. Sie haben ganz klar eine große Gabel gefordert wie alle anderen am Tisch und versucht, die Nudeln aufzuspießen. Oder das Schnitzel mit dem Messer zu schneiden und wenn es nicht von alleine geklappt hat, kam die Frage: „Kannst du mir helfen?“

Mit dir zu kommunizieren fällt mir doch viel schwerer. Aber ich versuche dich zu motivieren, es selbst zu schaffen (zumindest ein wenig). Wenn ich neben dir sitze und du still vor deinem Teller, nehme ich deine Gabel, spieße etwas auf und gebe sie dir dann in die Hand. Papa würde dir oft lieber das Essen geben, das merke ich und schaut mich skeptisch an. „Lass mich doch versuchen“, sage ich dann. Meist klappt es für zwei, drei Bisse. Dann hältst du die Gabel nur noch in der Hand.

Was isst du gerne?

Ich schiebe dir beim Kaffeetrinken auch gerne mal die Tasse direkt vor die Hand – und freue mich wahnsinnig, wenn du sie von alleine greifst und trinkst. Ich möchte dich nicht bevormunden und dir immer alles in die Hand geben oder dir an den Mund führen. Haben Menschen nicht ein natürliches Durst- und Hungergefühl? Ich weiß nur nicht, ob du das auch noch so spürst.

Normalerweise isst und trinkt man, wenn man Hunger oder Durst hat. Aber bei dir geht das nicht mehr. Wie können wir wissen, ob du noch etwas essen möchtest? Darüber sind wir uns oft uneins. Papa fragt dich meist, ob du noch etwas möchtest. Aber du antwortest selten oder du nickst ihm zurück, wenn er dir fragend zunickt. Ist das dann ein wirkliches Ja?

Ach, wenn ich das wüsste… Aber zum Glück zeigst du doch, wenn du gar nicht mehr möchtest. Du wendest ab oder machst den Mund nicht mehr auf. Oder du spuckst das Essen auch schon mal aus. Ich erinnere mich, dass du das einmal gemacht hast und die Kinder auf einmal große Augen bekommen haben und überrascht waren. Das war ich auch. Aber ich fand es auch gut, weil du so gezeigt hast, dass du etwas nicht magst. Wie sollst du es denn sonst auch mitteilen, wenn du nicht mehr sprichst?

Und wenn dir etwas sehr gut schmeckt, dann isst du zügig oder machst den Mund weit auf. Du hast immer gerne Eis gegessen und genascht. Wenn die Kinder zum Nachtisch ein Eis möchten, macht Papa dir ganz liebevoll auch eine Schüssel mit Pistazie oder Vanille. „Das mag sie so gerne“, sagt er. Und ja, du magst es. Das kann jeder erkennen – und es ist schön, dich essen zu sehen.

Vermutlich ist es wie mit allen anderen Dingen mit der Demenz: Wir müssen auf dich schauen und erkennen, was dir guttut. Für dich da sein und dir helfen, wo es geht. In dein Tempo einsteigen und dir die Zeit geben, die du brauchst.

Annehmen vom Jetzt und loslassen von dem, was war. Ach, Mama, das ist meine schwerste Übung.

Deine Peggy

Peggy_Vorlesen

Einladung zur digitalen Vorlese-Aktion vom 21.-27. September

Während der Woche der Demenz finden täglich von 14 bis 18 Uhr Live-Lesungen im digitalen Wohnzimmer der Leselounge statt. Ihr seid herzlich eingeladen. Hier kommt ihr zur LeseLounge.

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*P.S. Sämtliche Produkte habe ich selbst gekauft. Ich erhalte kein Geld für die Nennung. Es ist meine unabhängige Meinung.

Ein Gedanke zu „Liebe Mama, warum isst du nicht?“

  1. Guten Abend, wir haben bei unserer Mutter immer angereicht und ihr in die Hand gegeben. Brötchenstücke haben wir ein wenig in den Kaffee gestippt ( hat sie früher bei uns immer gemacht, wenn wir Halsweh hatten). Dann ist es weicher und sie hat es leichter zu kauen. Unsere Mutter vergaß dann auch nicht, dass sie noch schlucken muss, weil ein Brei im Mund war. Es ging eine Weile so, aber dann mussten wir auf dickes Mus umsteigen und anreichen. Wir haben im Thermomix Kartoffeln und Gemüse ganz klein gemust, wie bei den Kindern früher. Aber ihre Selbständigkeit ging damit auch. Sie fing dann auch an, vergessen zu schlucken. Aber Eis flüssiger Art, das ging runter mit einem Lächeln. Smoothies nicht ganz flüssig hat sie mit dem Strohhalm getrunken.
    Ich wünsche euch weiterhin viel Glück. Bleibt gesund 🍀, Gruß Birgit

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