"Liebe Mama..."

Liebe Mama, riechst du deine Kindheit?

Wisst ihr, was ich im Sommer so liebe? Den Geruch von gemähtem Gras – und zwar dieses Wiesengras, das auf dem Feld liegt und langsam Heu wird. Dieser Duft erinnert mich immer an die wunderschönen und unbeschwerten Momente meiner Kindheit. Vor kurzem bin ich mit dem Fahrrad an so einer Wiese vorbei gefahren und auch, wenn es mir an diesem Tag erst gar nicht so gut ging, so hat mir der Duft der Wiese ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Ob meine Mama auch solche wunderbaren Geruchs-Erlebnisse hat? Und wo sie die wohl hat? Draußen in der Natur auf jeden Fall, da bin ich mir sicher. Ein Grund mehr, um gemeinsam in der Natur spazieren zu gehen

Liebe Mama,

riechst du deine Kindheit und hast Glücksmomente?

Momentan ist Sommer – und ich mag den besonders, weil es da nach Sommer riecht. Mama, weißt du noch, wie wir damals in Tchechien unsere Urlaube verbracht haben? In diesem kleinen alten Bauernhaus von Bekannten. Sie hatten Kaninchen, Hühner und sehr viel Wiese. Papa und du, ihr habt geholfen, das Gras zu mähen. Mit dieser riesigen Sense. Papa hat es gemäht, wir haben es gewendet und dann mit der Schubkarre in die Scheune gefahren. Mein Bruder und ich, wir waren immer mit dabei. Wir sind gerannt, haben Fangen und Verstecken gespielt und sind in der Scheune ins Heu gesprungen. Natürlich haben wir auch die Kaninchen gefüttert, mit dem Heu. In diesen Urlauben meiner Kindheit haben wir sehr viel Zeit draußen verbracht, es waren unbeschwerte Ferien- und Sommertage.

Vor ein paar Tagen bin ich mit meinem Fahrrad an einer Wiese vorbeigefahren – und ich hatte sofort gute Laune (und das, obwohl ich an dem Morgen gar nicht gut drauf war). Aber der Duft nach Wiese, Gras und Heu hat meine Stimmung ins Positive gedreht. Ich habe an früher gedacht, an die unbeschwerten Urlaube meiner Kindheit. Und die traurigen Gedanken, die ich an diesem Tag hatte, sie waren auf einmal verschwunden. Ich hatte ein Grinsen auf dem Gesicht und bin fröhlich in den Tag gefahren. Ich bin sogar ein wenig langsamer gefahren, habe ein paarmal tief ein- und ausgeatmet, um möglichst viel Duft mit mir zu nehmen.

Warum Menschen ihre Kindheit riechen

Gerüche können alte Erinnerungen wecken – und das besonders intensiv. Denn der Geruchssinn ist der älteste unserer Sinne. Er nimmt eine Sonderstellung ein, da „einige Nervenpfade direkt von unserer Nase zur Gedächtnisschaltzentrale unseres Gehirns, dem Hippocampus“ führen, erklärte der Wissenschaftler Maximilian Puelma Touzel.

Was Forscher ebenfalls herausgefunden haben: Erinnerungen, die von Gerüchen hervorgerufen werden, reichen häufig besonders weit zurück, sind emotionaler und im Schnitt auch positiver gefärbt als andere Erinnerungen. Die Erklärung: Gerüche in der Kindheit sind intensiver, weshalb sie auch eher abgespeichert und hervorgerufen werden. Dass sie positiver sind, liege daran, dass die Erinnerungen in der Kindheit häufig positiv seien.

In der Demenz-Begleitung wird deshalb auch besonders häufig mit Gerüchen gearbeitet. Denn über Gerüche lassen sich Menschen mit Demenz lange erreichen und es gelingt, ihnen Glücksmomente zu verschaffen. Das Riechen als ältester Sinn vermag uns in die Kindheit zu entführen. Mithilfe der Aromatherapie werden Düfte auch gezielt eingesetzt. Massagen mit ätherischen Ölen sollen etwa beruhigen (Lavendel, Yasmin) oder aktivieren (Pfefferminze, Eukalyptus) oder auch den Appetit anregen (Zitrone, Zimt, Koriander).

Mama, wie riecht deine Kindheit?

Mir waren diese Hintergründe nicht klar, bis ich mich damit beschäftigt habe. Aber gewusst habe ich es schon längst. Denn natürlich habe ich gemerkt, dass dir das Spazieren in der Natur guttut und dass du dabei häufig auflebst. Manchmal zeigst du dann auf etwas, schaust einem Vogel in der Luft oder einer Ente auf dem Teich hinterher. Manchmal sprichst du sogar. Liegt das daran, dass du in der Natur Glücksmomente deiner Kindheit riechst?

Du warst immer viel und gerne draußen. Als Kind, als junge Frau und als Erwachsene auch. Als kleines Mädchen hast gerne in der Natur gespielt, und du warst sehr aktiv. Und nach all dem, was ich von Oma weiß, warst du sehr neugierig auf all die Tiere und hast sie gerne untersucht. Bist du deshalb gerne draußen? Nach der Alzheimer-Diagnose hast du mit Papa noch viele Jahre sehr lange Spaziergänge und Wanderungen gemacht. „Deine Mutti rennt so, da komme ich kaum hinterher“, hat sich Papa nicht nur einmal beschwert. Und du hattest tatsächlich ein ordentliches Tempo drauf.

Das hat sich schon seit einer Weile geändert. Du kommst schnell aus der Puste, du schaffst nicht mehr so lange Strecken. Aber du bist gerne draußen unterwegs. Papa und du, ihr habt euch in der Corona-Lockdown-Phase eure Routine und gute Laune mit Spazierengehen aufrecht erhalten. Und auch jetzt im Sommer, an den heißen Tagen, geht ihr eure Runde oben auf dem Bahndamm. Ihr spaziert an den Feldern vorbei, dreht vielleicht mal eine kleine Runde im Wald und ganz oft seid ihr einfach im Garten.

Der Duft von Natur tut gut

„Wollen wir noch spazieren gehen?“, auf diese Frage reagierst du eigentlich immer positiv. Das ist schön mitzuerleben. Früher, als ich noch zu Hause gewohnt habe, haben wir abends manchmal eine Runde gedreht. Als ich schon nicht mehr zu Hause gelebt habe, deutlich öfter. Und jetzt hoffe ich bei jedem Besuch darauf, dass wir etwas spazieren gehen können.

Und ich hoffe, dass du dabei ein bisschen Kindheit riechst und Glücksmomente erlebst. Was noch alles dazu gehört? Das weiß ich als Tochter auch nicht so genau, denn natürlich habe ich deine Kindheit nicht miterlebt. Und in meiner Kindheit hast du gar nicht viel über deine Kindheit gesprochen. Und nun, wo dies nicht mehr geht, bleibt mir vor allem eins übrig: beobachten, was dir guttut und vielleicht auch einfach ein wenig ausprobieren.

Ich weiß zum Beispiel, dass du dich im Garten immer und mit großem Erfolg um die Blumen gekümmert hast. Du hattest diesen grünen Daumen, den ich leider nicht habe und um den dich viele deiner Kolleginnen beneidet haben. Wenn ich mit dir im Garten bin, zeige ich dir immer deine Rosen. Und ich halte sie so, dass du daran riechen kannst. „Riech mal, Mama“, sage ich langsam und lächle – und ich hoffe, dass dich dieser Duft erreicht und dir einen Glücksmoment zaubern kann.

Liebe Mama, ich wünsche dir ganz viele davon! Ich werde mich bemühen, sie zu suchen und sehen.

Deine Peggy

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2 Gedanken zu „Liebe Mama, riechst du deine Kindheit?“

  1. Liebe Peggy, ich muss mich schon wieder bei dir melden. Dein letzter Blog hat mich ein wenig traurig gemacht, denn mein Mann kann seit ein paar Jahren nicht mehr riechen. Ich habe das schon von einigen Alzheimer Erkrankten gehört. Auch, dass der Verlust des Riechens schon ein früher Hinweis auf Alzheimer sein kann. Deine Mutter scheint nicht betroffen zu sein und es ist für sie bestimmt so, wie du es in deinem Blog geschrieben hast. Weiter alles Liebe,
    Karin

    1. Liebe Karin, stimmt, du hast Recht, viele Menschen mit Alzheimer haben Einschränkungen ihres Riech-Sinns. Und ich weiß auch gar nicht, ob meine Mama noch gut riechen kann. Vielleicht ist es auch die Stimmung, die Athmosphäre, die bei ihr wirkt. Ich kann das leider auch nicht herausfinden, befürchte ich, da sie kaum noch spricht. Ich drück dich virtuell. Liebe Grüße, Peggy

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