Wie ich helfen kann

Mit Alzheimer: Gemeinsam Feste feiern

Was für eine Herausforderung: eine Familienfeier! Der 80. Geburtstag meines Papas stand an. „Wie machen wir das mit Mama?“, diese Frage stellte sich nicht nur mein Papa, wir alle hatten Bedenken. Aufgrund ihrer Alzheimer-Erkrankung braucht sie viel Unterstützung und Pflege im Alltag – und auch Ruhe. Mit Alzheimer gemeinsam Feste feiern? Würde das gehen? Aber nicht feiern schien irgendwie keine Option. Schon Anfang des Jahres war Papas Jubiläum Thema. Doch dann kam Corona. Und hatte tatsächlich einen netten Nebeneffekt, von dem vor allem meine Mama profitiert hat.

Eigentlich hatte sich mein Papa eine große Feier gewünscht. Mit der ganzen großen Familie, mit lieben Freunden und alten Kollegen, mit Trainingskameraden von früher und ehemaligen Schülern. Das ganze große Tamtam zum 80. Geburtstag. Wir haben schon an Weihnachten darüber gesprochen und immer sagte irgendwann jemand den Satz „Wie machen wir das mit Mama?“. Entweder war ich es, mein Bruder, meine Schwägerin oder gar mein Papa selber. Ich habe meinem Papa eine Riesen-Feier von Herzen gewünscht, aber würde das funktionieren?

Bei Demenz: Wie wollen wir feiern?

Familienfeiern stecken ja meist voller Herausforderungen. Aber Familienfeiern mit Alzheimer – die beinhalten noch viel mehr Fragezeichen und Unsicherheiten. Ich erinnere mich, wie wir vor fast vier Jahren die letzte große Familienfeier planten. Es war Mamas 60. Geburtstag. Nicht zu groß, aber doch eine Feier sollte es werden. „Das hat sie verdient“, sagte Papa. Er wollte ihr einen schönen Tag bereiten. Es war ein wenig chaotisch und ich erinnere mich, dass wir alles gut durchgetaktet hatten.

Meine Schwägerin hatte einen Zeitplan aufgestellt und die Kleidung hatten wir schon am Vorabend zurecht gelegt. Am Vormittag war noch ein wenig Luft, sodass ich mit Mama eine Runde spazierengehen konnte. Mein Baby sollte schlafen, ich setzte es in die Trage und nahm Mama, wir gingen eine Runde um den Dorfteich. Als wir wieder zurück Richtung Haus kamen, standen da ein paar Autos, die ersten Gratulanten waren gekommen. „Was ist denn da los?“, fragte meine Mama. Sie hatte vergessen, dass sie Geburtstag hatte. Aber sie freute sich, ihre Familie um sich zu haben. Sie hatte ein schönes Fest und tanzte mit ihrem Bruder, so fröhlich wie bei früheren Familienfeiern.

So unbeschwert würde das in diesem Jahr nicht mehr ablaufen – das war uns lange vorher klar. Denn Mama braucht im Alltag viel Unterstützung und Pflege – und auch Ruhe. Die Vorstellung von Riesentrubel mit vielen Gesichtern, die sie lange nicht mehr gesehen hat und vielleicht gar nicht mehr erkennen würde, bereitete uns Unbehagen. Würde eine Feier nicht viel zu viel Aufregung bringen? Mal ganz abgesehen von praktischen Fragen wie: Wer hilft ihr dann beim Essen? Würde das mit dem Toilettengang in so einem Umfeld klappen?

Aber natürlich stand für jeden außer Frage, dass Mama dabei sein würde. Wir wollten sie in unserer Mitte haben – und falls das nicht ginge, würde Papa eher zu Hause alleine mit ihr sitzen als ohne sie zu feiern. Die Frage „Wie wollen wir feiern?“ bereitete uns einige Grübelei. Würden wir zu Hause feiern, hätten wir viel Vorbereitungsstress, aber könnten selbst viel steuern und Mama wäre in ihrer gewohnten Umgebung. Im Restaurant würden sich die Vorbereitungen für uns in Grenzen halten, aber es wäre ein fremdes Umfeld für Mama. Wie also feiern?

Positive Aspekte dank Corona

Doch dann kam Corona – und der Lockdown. Während ich vor allem darüber nachdachte, was zu tun sei, um meine Eltern zu schützen und wie ich ihnen in dieser Krise nahe sein kann, dachte Papa weiter über seinen Geburtstag nach. Einerseits wollte er ja sowieso nicht 80 werden und meinte, er fühle sich gar nicht so alt. Aber er wollte doch gerne Freunde und Familie einladen.

Und dann kamen die ersten Lockerungen. Familien durften sich wiedersehen und ich entschied zu meinen Eltern zu fahren, weil es ohne echte Nähe nun mal nicht geht. Nicht im Leben und erst recht nicht, wenn ein Mensch Demenz hat. „Wir können keine große Feier machen. Das geht nicht.“ Diese klaren Worte waren hart für meinen Papa. Er hatte irgendwie auf eine Feier gehofft, aber natürlich auch eingesehen, dass die Corona-Verhaltensregeln unumgänglich sind und Abstand immer noch wichtig war. Um sich zu schützen und andere.

Und irgendwie war ich dem Coronavirus irgendwie auch dankbar. Es hatte uns dazu gezwungen, diese Entscheidung zu treffen. Für Mama war sie goldrichtig. Wir suchten ein kleines Restaurant in der Nähe. Nur der kleinste Familienkreis kam zusammen. Wir hatten einen eigenen Raum für uns, zwischendrin gingen wir immer mal wieder an die Luft. Für Mama hatten wir ein Paket mit Wechselwäsche eingepackt, aber im Wissen, im Notfall und sollte es ihr gar nicht gut gehen, könnte sich jemand mit ihr zurückziehen oder gar nach Hause fahren.

Wir waren unter uns, sie hatte nur ihre liebe Familie um sich. Jeder lächelte sie an, streichelte sie sanft oder führte sie an ihren Platz. Papa sprach viele bewegende Worte, hatte Zeit von seiner bewegenden Kindheit und Jugend zu erzählen und wir anderen hatten Zeit zum Zuhören und Reden. Wir als Familie, die wir uns auch so oft nicht gemeinsam sehen, hatten mal Zeit nur für uns. Und es war immer genug Ruhe für meine Mama da.

Während ich meinen Kindern beim Essen half, fütterte mein Bruder ganz selbstverständlich meine Mama, mit einer Hingabe und Liebe und Selbstverständlichkeit. Ich saß an meinem Platz und beobachtete ihn. Und war dankbar für diese Familie und diese Liebe, die Mama auch mit Alzheimer erleben darf.

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