"Liebe Mama..."

Lieber Papa, weißt du, dass du dich großartig um Mama kümmerst? Und dass du trotzdem Hilfe brauchst?

An dieser Stelle schreibe ich immer Briefe an meine Alzheimer-kranke Mama. Es sind meine Fragen und Gedanken, die ich ich so gerne mit ihr teilen möchte. Heute schreibe ich einen Brief an meinen Papa. Ein mini-bisschen, weil bald Vatertag ist. Meinem Papa war dieser Tag immer ziemlich egal – und doch ist er eine wunderbare Gelegenheit Danke zu sagen. Denn ohne meinen Papa würde es meiner Mama nicht so gut gehen. Das ist der Hauptgrund für meinen Brief. Mein Papa leistet jeden Tag Großartiges, so wie Millionen pflegender Angehöriger. Aber ich sehe auch, dass er tagtäglich mehr leistet, als er auf Dauer geben kann. Ich spreche oft mit ihm darüber und dränge ihn, mehr Hilfe anzunehmen. Denn ich habe Angst um ihn und mache mir Sorgen.

Lieber Papa,

weißt du, dass du dich großartig um Mama kümmerst? Und dass du trotzdem Hilfe brauchst?

Als Mama vor bald neun Jahren die Diagnose Alzheimer bekam, waren wir alle geschockt. Du und ich, wir waren davon überzeugt, dass sie vielleicht eine leichte Depression oder einen Burnout hatte. Dass es Alzheimer ist, das haben wir nicht mal ansatzweise vermutet. „Das war ein Schock„, hast du neulich dem Fernsehteam erzählt, als es uns begleitet hat. Ja, ich erinnere mich an die Zeit nach der Alzheimer-Diagnose. Da war so viel Schock und Panik, bei dir, bei mir, bei uns allen.

Du warst schon in Rente, deshalb hatte Mama das große Glück, dass sie dich sofort an ihrer Seite hatte. Das stand auch nie zur Debatte, am allerwenigsten von dir. Klar, du hattest dir deinen Ruhestand anders vorgestellt. Ihr wolltet reisen, nach Mamas Pensionierung. Wolltet ihr nach Island, das Land, von dem du immer geträumt hast? Oder nach Schweden, wo wir so viele schöne Urlaube verbracht haben? Auf jeden Fall, wolltest du noch einmal in deine Heimatstadt Elbing nach Polen. Du warst dein ganzes Leben auf der Suche nach deiner Herkunft und wie bewegend war es, als du vor ein paar Jahren das erste Mal wieder da warst.

In guten wie in schlechten Zeiten

Du hast deine Träume zurückgestellt. Du bist nicht vergrämt oder wütend, nein, du hast deine Prioritäten neu gesetzt. Mama steht in deinem Mittelpunkt, sie stand es schon immer. Und du in ihrem. Was für ein Glück ist es doch, dass ihr euch habt! „Sie hat mir früher den Rücken freigehalten und sich um alles gekümmert, als ich viel gearbeitet habe“, hast du gesagt. Jetzt möchtest du für sie da sein – und du bist es mit sehr viel Liebe und Geduld und kleinen Späßchen. Das ist wunderschön mit anzusehen, ich beneide euch darum.

Fühlst du dich verpflichtet? Siehst du es als deine Aufgabe als Ehemann treu dem Versprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“, das ihr euch vor 42 Jahren gegeben habt? „All diese Gefühle spielen da mit hinein“, hat Iris Gorke, Sozialpädagogin bei der Alzheimer Gesellschaft München beim Angehörigen-Seminar erklärt. „Die pflegenden Partner übernehmen diese Aufgabe oft von ganz allein. Es besteht aber auch die Gefahr, dass sie sich übernehmen.“

Du bist in deine Aufgaben hineingewachsen

Seitdem Mamas Alzheimer-Erkrankung weiter voranschreitet, braucht sie immer mehr Unterstützung im Alltag. Sie braucht längst nicht nur Betreuung, sondern auch Pflege. Du bist in deine Aufgaben hinein gewachsen. Ich habe viel in Ratgebern und Büchern über Demenz gelesen und dir gut gemeinte Tipps gegeben. Ob sie wirklich so gut waren, hast vor allem du selber gemerkt. Denn du bist ja derjenige, der sie im Alltag umsetzt. Du musstest dich immer wieder anpassen an neue Situationen. „Dann geht plötzlich etwas nicht mehr, was immer geklappt hat“, hast du neulich gesagt. Ich weiß, wie fassungslos du warst, als sie nicht mehr aus der Wanne aussteigen konnte und wie ratlos du warst, als Mama sich plötzlich nicht mehr getraut hat, die Treppe hinunter zu gehen. Du hast dich immer wieder an neue Verluste gewöhnen müssen, und doch nie den Mut verloren.

Anfangs hast du oft ungeduldig reagiert, wenn Mama etwas falsch gemacht hatte. Wenn sie etwa fünf statt vier Teller zum Essen auf den Tisch gedeckt hatte. Oder du hast sie korrigiert, wenn sie etwas erzählte, was nicht stimmte, wenn sie Lehrerkollegen oder Urlaube durcheinander gebracht hatte. Ich habe dann mit den Augen gerollt oder genervt „PAPA“ gesagt. Es waren Kleinigkeiten und sie waren ja eigentlich egal.

Ich konnte nicht verstehen, warum du die Situation nicht einfach hinnimmst, denn für Mamas Gefühl war das Korrigieren und Verbessern nicht schön. Aber es ist ja auch so viel leichter für mich, geduldig zu sein und die 20. Nachfrage mit einem Lächeln zu beantworten. Ich bin immer nur für ein paar Tage da. Aber du, du bist jeden Tag mit Mama zusammen, von morgens bis abends und auch in der Nacht.

Mama, Papa, Peggy
Zeit zum Spazieren, mit Mama und Papa, ganz entspannt in Vor-Corona-Zeiten

Ich habe Angst um dich

Ich war oft ungeduldig mit dir – und ich bin es auch heute noch. Das weiß ich. Heute würdest du Mama nicht mehr korrigieren. Du bist immer bei ihr, du passt so gut auf wie Eltern auf ihr Neugeborenes. So liebevoll und fürsorglich. Ich weiß, du machst das von Herzen gerne und nichts ist dir wichtiger in deinem Leben. Aber ich sehe auch, wie anstrengend das für dich ist und ich habe Angst um dich!

Ich merke, dass du manchmal ausgebrannt bist und überfordert. Seit drei Jahren geht Mama nun schon drei Tage in der Woche in die Tagespflege. Das hat dich einiges an Überwindung gekostet. Ich erinnere mich an die vielen Gespräche darüber. „Ich kann meine Kerstin doch nicht weggeben“, hast du gesagt. „PAPA“, habe ich gestöhnt. „Du gibst sie doch nicht weg. Sie ist mal für ein paar Stunden woanders. Ihr wart früher doch auch nicht die ganze Zeit zusammen.“

Wir konnten dich überreden, es auszuprobieren, auch, weil Mamas Arzt sich sehr dafür ausgesprochen hatte. Du hättest einen Fahrdienst in Anspruch nehmen können. Aber das wolltest du auf keinen Fall. Das hast du bislang kein einziges Mal gemacht. Du hast dich arrangiert damit, aber leicht fällt es dir nicht. „Wenn ich so sehe mit all den alten Menschen“, hast du in einer wehmütigen Minute gesagt. Ja, Mama ist da mit Abstand die Jüngste und ich kann nur erahnen, wie schwer es dir fällt, sie loszulassen. „Wenn ich sie nachmittags hole, da lächelt sie immer, das ist schön,“ hast du gesagt und ich habe gefühlt, was für ein verdammt großes Glück Mama doch hat.

Aber Papa, du wirst auch bald 80. Ich weißt, du fühlst dich nicht alt, aber du bist nicht mehr so fit wie früher. Du brauchst deine Kraft noch. Du brauchst sie für dich. Denn, wenn du keine Kraft mehr hast, kannst du auch nicht für Mama da sein.

Pflege ist kein Sprint, es ist ein Marathon

Ich weiß, ich nerve dich manchmal gewaltig. Ich habe dir lange erzählt, dass du es mit der Tagespflege ausprobieren solltest. Seit Monaten, ach nein, seit Jahren diskutieren mein Bruder, meine Schwägerin, eure Nachbarn, dein Schwager, liebe Freunde und ich mit dir über weitere Hilfsangebote. Dass mal jemand kommt zum Saubermachen, dass dir jemand das lästige Fensterputzen und Bügeln abnimmt, dass dir jemand die Hecken oder Rosen im Garten schneidet.

Wir versuchen das zu machen, wenn wir kommen, aber alles schaffen wir nie. Und eigentlich möchten wir viel lieber schöne Zeit mit euch verbringen. Mit dir und Mama spazieren gehen, alte Bilder anschauen oder einfach im Garten sitzen. Und wir möchten, dass du die Zeit, die du für dich hast mit schönen Dingen füllen kannst statt Haushaltspflichten.

Mamas Arzt hat neulich gesagt, dass du auf dich achten sollst. „Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon und da muss man seine Kraft einteilen“, hat er dir erklärt. Er hätte keinen besseren Vergleich bringen können, um dich zu erreichen. Als ehemaliger Läufer verstehst du natürlich, was er meint.

Bitte nimm die Hilfe an

„Soll ich mal nach einem Dienst suchen?“, habe ich dich gefragt. „Nein, das mache ich selber“, hast du geantwortet und gefragt: „Mache ich es denn nicht gut?“ Ach, Papa, du machst das großartig. Aber du musst mehr Hilfen annehmen. Wir helfen dir gern und oft, aber es wäre so gut, wenn du auch lernst, andere Hilfsangebote anzunehmen – und es gibt wirklich jede Menge gute (wie hier auf der Seite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zu Entlastungsangeboten).

Ich wollte nicht über dich hinweg entscheiden und habe nicht bei einem Dienst nachgefragt. Aber ich habe mit vielen gesprochen und alle sagen, wie wichtig es ist, dass du lernst, Hilfe anzunehmen. Ich habe dich daran erinnert, fast bei jedem Telefonat. Denn natürlich merke ich auch am Telefon, wie gestresst du oft bist. Dass du nicht mehr zur Ruhe kommst und mir nicht mehr zuhörst. Du immer unaufmerksam bist. Die Corona-Situation verschärft das aktuell. Denn Mamas Tagespflege hat zu und du hast kaum Zeit in Ruhe durchzuatmen. Ich habe mich nicht getraut zu euch zu fahren, weil ich nicht riskieren wollte euch anzustecken.

„Ich schaffe das schon noch“, sagst du uns so oft. Wir wollen aber nicht abwarten, bis es irgendwann nicht mehr geht. Ja, du schaffst das alles, aber wie lange noch? Deshalb haben wir uns jetzt mal umgesehen und jemanden gesucht, der dich im Haushalt und Garten unterstützen soll. Ich gebe zu, das war eine Überrumpelungsaktion. So etwas magst du gar nicht. Und ich ja auch gar nicht. Aber ich sehe es mal so: Es ist ein kleiner Schubs. Den brauchst du. Dich dazu entscheiden und es im Alltag annehmen, musst immer noch du selber.

Ich hoffe, dass du diese Unterstützung im Haushalt und vielleicht auch andere Hilfen annimmst. Papa, du machst das alles großartig. Aber lass uns dir helfen.

Wir möchten doch noch viel von dir haben, deine Kinder und deine Enkeltöchter brauchen ihren Opa auch – und Mama, ja, die braucht dich und all deine Kraft. Deswegen musst du auf dich aufpassen!

Deine Peggy

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