"Liebe Mama..."

Liebe Mama, hast du Angst vor dem Zähneputzen?

Alltag mit Alzheimer: Das sind nicht nur Gedächtnis- und Orientierungsprobleme, auch im täglichen Leben werden ganz normale Dinge zu einer Herausforderung. Wie zum Beispiel das Zähneputzen. Manchmal klappt es ganz gut, manchmal macht Mama den Mund kaum auf und möchte keine Zähne putzen. Woran liegt das? Hat sie Angst vor der Zahnbürste? Tut ihr etwas weh? Was können wir anders machen, damit das Zähneputzen gelingt? Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht und einen Experten um Rat gefragt, warum es bei Alzheimer zu Probleme beim Zähneputzen kommen kann und wie man Menschen mit Demenz unterstützen kann. Im neuen Artikel lest ihr, was der Zahnarzt Prof. Dr. Christoph Benz mir geraten hat, worauf es ankommt und wie wir versuchen, Mama zu unterstützen: mit der richtigen Technik und Nähe.

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Liebe Mama,

hast du Angst vor dem Zähneputzen?

Es fing vor einer Weile an, vor etlichen Monaten schon. Bis dahin hattest du noch selber Zähne geputzt. Nicht sonderlich lange, vermutlich nicht so gründlich, aber wenn Papa oder wir dir die Zahnbürste gegeben haben, hast du damit hin und her geschrubbt und Zähne geputzt. Über Zahnreinigung haben wir lange nicht gesprochen, es lief einfach, so wie tägliche Routinen im Bad laufen. Beim Haarewaschen haben wir dir schon länger geholfen, aber Zähneputzen ging noch.

Irgendwann sagte Papa am Telefon: „Das Zähneputzen ist ein Problem.“ Dann atmete er lange aus. Wenn Papa von etwas als Problem sprach und danach einen Seufzer machte, dann musste es sich um ein großes Problem handeln, dachte ich. Er kümmert sich im Alltag um dich und über kleinere Herausforderungen spricht er selten. „Ich will dich nicht noch mehr belasten als du es sowieso schon bist“, sagt er und meint es gut. Sorgen mache ich mir dennoch.

„Was ist denn das Problem?“, fragte ich Papa. „Sie macht den Mund nicht auf. Gestern abend wieder. Keine Chance“, sagte Papa. „Vielleicht war sie nicht gut drauf?„, fragte ich. „Oder ihr tut etwas weh?“ Seitdem du nicht mehr sprichst, ist es schwierig für uns zu erkennen, ob dir etwas wehtut oder was dir fehlt. Papa hat dafür einen guten Blick. Kein Wunder, er kennt dich ja sehr gut. Aber warum das Zähneputzen nicht mehr klappte, war ihm ein Rätsel. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft listet eine Reihe von Symptomen auf, die auf Zahnschmerzen deuten können, wie Verweigerung von Essen, blutendes Zahnfleisch, starker Mundgeruch. Aber nichs davon traf auf dich zu.

Ob das nun Zahnschmerzen sind oder du eine Entzündung im Mund hast? Du könntest es nicht sagen und wir würden es nicht erkennen. Zum Glück hattest du ein paar Tage später mit Papa einen Zahnarzt-Termin. Gespannt habe ich darauf gewartet, was Papa vom Termin erzählt. „Alles in Ordnung“, meinte er und erzählte, dass du ohne Probleme den Mund aufgemacht und die Zahnreinigung mitgemacht hast.

Wie können wir dir erklären, was Zähneputzen ist?

Beim nächsten abendlichen Zähneputzen ging aber schon wieder nichts. Papa versuchte es mit einer anderen Bürste. Du machtest irgendwann den Mund auf, für wenige Sekunden, dann ging nichts mehr. Papa probierte eine Einmalzahnbürste, die sehr schmal ist. Da hast du aufgemacht und dann zugemacht und den Bürstenkopf fast abgebissen. Ich kann mir den Schreck in Papas Augen vorstellen – und auch in deinen Augen.

Liebe Mama, wie können wir dir denn erklären, was Zähneputzen ist? Verstehst du, dass es wichtig ist und wie es geht? Ich musste an meine Kinder denken, die als sie kleiner waren, sich auch oft geweigert haben. Sie wollten nicht, dass diese Bürste in ihren Mund kommt. Irgendwann, als sie zwei, drei Jahre alt waren, habe ich angefangen von den Kariesbakterien zu erzählen. Meine Kleine mit ihren gerade mal vier Jahren weiß, dass „Karisbakterien“ von Schokolade, Eis und anderen Süßigkeiten kommen. Wenn sie mal wieder abends keine Lust auf Zähneputzen hat, dann erzähle ich von den Kariesbakterien, die an ihren Zähnen knabbern wollen und dann möchte sie schnell putzen.

Ach, meine liebe Mama, das können wir dir doch nicht erzählen. Du bist doch kein kleines Kind. Würdest du es überhaupt verstehen? Der Mund ist ja einer unser empfindsamsten und intimsten Regionen im Körper. Wir machen ihn auf, wenn wir wollen, aber doch nicht, wenn wir unsicher sind und Angst haben. Wäre dir klar, warum du deinen Mund aufmachen sollst?

Und falls ja, würdest du das umsetzen können. An meiner vierjährigen Tochter sehe ich, wie komplex so etwas Alltägliches wie Zähneputzen doch ist. Da müssen Kau-, Außen- und Innenflächen geputzt werden, nicht zu kurz, nicht zu doll, bitte ganz gründlich. Wie könnte das denn wieder klappen? Wie können wir deine Zähne reinigen? Wir waren ein wenig ratlos.

Ich riet Papa, dir Zähne zu putzen, wenn du in einer guten Phase bist und es nicht zwingend am Abend zu machen. ‚Besser ein wenig putzen, als gar nicht putzen‘, dachte ich. „Aber putzen am Abend muss doch sein“, meinte er. „Ja, eigentlich schon, aber wenn es am Abend nicht klappt, dann mach es doch am Nachmittag. Besser irgendwie putzen als gar nicht putzen“, sagte ich. „Das geht doch nicht“, meinte Papa skeptisch. Was tun?

Bei Alzheimer: mit einer elektrischen Zahnbürste putzen?

Ich habe deshalb einen Experten um Rat gefragt. Prof. Dr. Christoph Benz ist Referent Patienten und Versorgungsforschung der Bayerischen Landeszahnärztekammer und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin. „Probleme beim Zähneputzen sind normal bei Menschen mit Demenz“, sagt er. Und spricht mir ins Gewissen, dass eine gründliche Zahnreinigung dennoch nicht vernachlässigt werden sollte. Es gehe vor allem darum, die Zähne zu erhalten und Schmerzen vorzubeugen.

‚Oje, denke ich, was wäre, wenn du einen Zahnersatz bräuchtest. Das wäre ja noch mehr Stress für dich! Wie kann das Zähneputzen besser klappen?“, habe ich Christoph Benz gefragt. „Wie sieht es denn mit einer elektrischen Zahnbürste aus?“, hat er geantwortet. Nun ja, du hattest dein Leben lang eine normale Handzahnbürste. Würdest du dich da jetzt umgewöhnen können? Wäre das wirklich notwendig?

Eine elektrische Zahnbürste hat den Vorteil, dass man die Putzbewegungen nicht so akkurat ausführen muss. Es genügt, die Zahnbürste über die Zahnreihen zu führen, der rotierende Bürstenkopf sorgt für das Putzen“, erklärt der Zahnarzt. Allerdings könne das anfangs sehr ungewohnt sein, durch die Lautstärke oder die ungewohnten kitzeligen Bewegungen im Mund.

Eine spezielle Zahnbürste für Menschen mit Demenz

„Gibt es eine andere Möglichkeit?“, wollte ich wissen. „Eine Alternative ist eine Dreikopfzahnbürste“, sagt Christoph Benz. „Mit dieser können gleichzeitig die Außen-, Innen- und Kaufklächen geputzt werden. Man muss die Bürste nur vor und zurückbewegen. Für Pflegende ist es oft leichter, damit zu putzen.“ Ich bin erstaunt, genauso wie meine große Tochter, mit der ich ein paar Tage später in der Apotheke stehe, um dir eine solche Zahnbürste zu kaufen. „Warum brauchst du so eine Zahnbürste?“, fragt sie mich skeptisch. „So können wir der Oma vielleicht besser die Zähne putzen, weil an drei Seiten kleine Bürsten sind.“ (Hier gibt es eine Anleitung der Bayerischen Landeszahnärztekammer: Richtig putzen mit der Dreikopfzahnbürste)

Meine Tochter nickt. Es ist einer dieser Momente, in denen sie merkt, dass du immer mehr auf Unterstützung angewiesen bist. Einerseits tut es mir leid, dass wir mit Mund-Nasen-Schutz schwitzig in der Apotheke stehen und sie nicht draußen im Park spielen kann. Aber andererseits merke ich, dass sie gerne hier mit mir steht, um für dich nach einer besonderen Zahnbürste zu fragen, denn sie möchte auch gerne, dass es dir gut geht.

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Quelle: Bayerische Landeszahnärztekammer

Danke für dein Vertrauen beim Zähneputzen, liebe Mama!

Professor Benz hat mir für deine Zahnhygiene das geraten, was auch generell als Empfehlung gilt: zweimal täglich Zähneputzen. Dazu regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt. „Wenn die Zahnreinigung zu Hause schwierig ist, empfehle ich häufigere Besuche beim Zahnarzt“, sagte Christoph Benz. Und das hatte auch dein Zahnarzt geraten. Du gehst nun alle drei Monate zur Kontrolle und Zahnreinigung. Wichtig: Auch im Corona-Alltag gilt das weiterhin. „Wir Zahnärzte sind da von unseren Hygienemaßnahmen gut drauf eingestellt“, versicherte mir der Experte.

Ich war am Wochenende relativ spontan bei euch, um im Haus zu helfen. Papa sagte, dass es immer noch schwierig sei, mit dem Zähneputzen. Ich entschied, es mit der elektrischen Zahnbürste zunächst zu probieren. „Guck mal, ich habe Mama eine Zahnbürste mitgebracht“, sagte ich stolz. Papa war skeptisch: „Na, ob das klappt.“ Und du, du hast gar nicht reagiert. Meine Euphorie wollte fast vorzeitig verfliegen.

Am Abend haben wir es dann probiert. Papa, der noch nie mit einer elektrischen Bürste geputzt hat, war unsicher. „Komm, ich mach das“, habe ich ihm gesagt. Ich habe die Zahnpasta draufgeschmiert, dich angelächelt und gesagt: „Mach mal den Mund auf. Ich putze dir jetzt die Zähne.“ Du hast den Mund nicht aufgemacht.

Dann habe ich die Bürste an deinen Mund geführt, angemacht und dann geputzt. Das war dir nicht ganz angenehm, ich habe es gemerkt, du hast mit dem Kopf etwas gewackelt und die Augen zusammengekniffen. Mit meiner linken Hand habe ich deine Hand gehalten, so wie ich das bei meiner jüngsten Tochter oft gemacht habe, wenn sie nicht wollte. Es hat geklappt. Am nächsten Abend hat Papa von alleine die elektrische Zahnbürste genommen. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.

Liebe Mama, das ist sicher schwierig, den Mund aufzumachen und Zähne putzen zu lassen, wenn man das überhaupt nicht mehr versteht. Was für ein Vertrauensbeweis. Danke, liebe Mama dafür. Hab keine Angst vorm Zähneputzen! Wir wollen doch nur dein Bestes.

Wir helfen dir gern!

Deine Peggy

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2 Gedanken zu „Liebe Mama, hast du Angst vor dem Zähneputzen?“

  1. Liebe Peggy, vielen Dank für diesen Beitrag! Mein Mann ist an Alzheimer erkrankt und bei ihm wird das selbständige Haare waschen zum Problem. Da habe ich nun bei dir von einer Duschverlängerung gelesen. Das Thema Zähneputzen wird auch einmal auf mich zukommen. Jetzt habe ich durch deinen Beitrag wertvolle Hinweise für mich bekommen. Ich lese deine Beiträge immer sehr aufmerksam und bin dir dankbar, dass du deine Erfahrungen teilst.
    Liebe Grüße, Karin

    1. Liebe Karin, genau das ist der Grund, warum ich unsere Erfahrungen teile, damit vielleicht andere auch davon profitieren können 😉 Danke für deine liebe Rückmeldung! Ich wünsche dir und deinem Mann alles Gute, viel Geduld und Kraft. Frag mich gerne jederzeit 💜
      Viele Grüße Peggy

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