Kinderbücher, Was die Kinder fragen

Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 7 „Gestatten, ich bin Besuchshund Max!“

Heute stelle ich euch in meiner Reihe der Kinderbuch-Besprechungen ein ganz besonderes Buch vor, das meine großen Töchter sehr begeistert. Hier erzählt ein Hund – und zwar ein Jagdhund namens Max – von seinen Besuchen im Seniorenheim. Max begleitet sein Frauchen Ann-Kristin, die dort regelmäßig Senioren besucht. Und so erfährt Max auch, was die Krankheit Alzheimer ist. Wie Max damit umgeht und was sein Hundeherz dazu sagt, darum geht es in „Gestatten, ich bin Besuchshund Max!“ Und weil meine Mädchen das Thema so spannend fanden, habe ich mit der Autorin noch ein Interview geführt. Hier erzählt sie von ihrer Arbeit mit Max im Seniorenheim und wie Menschen mit fortgeschrittener Demenz von dem Besuch des Hundes profitieren

Als dieses Buch bei uns ankam, fiel es gar nicht auf. Ein etwas dickerer Brief, mehr nicht. Ich öffnete ihn sofort, denn ich war neugierig. Ann-Kristin Nuernbergk und ich hatten uns auf Instagram gefunden, sie hatte mir von ihrem Kinderbuch „Gestatten, ich bin Besuchshund Max!“ (Selbstverlag, 2019) berichtet und ich wollte es gerne kennenlernen.

Was macht ein Hund im Seniorenheim?

Ich packte das Buch aus und rief: „Oh, schaut mal.“ Meine Töchter guckten einmal kurz, das war es. Die Kleine kam, blätterte das Buch durch und meinte: „Das ist nicht für mich.“ Nun, ja, meine Vierjährige befindet sich leider in der Einhorn-Glitzer-Phase. Von beidem findet sich im Buch nichts. Ich legte das Buch also erst einmal auf die Kommode. Zwei Tage später entdeckte ich meine mittlere Tochter, die statt ihre Hausaufgaben zu machen, im Schlafzimmer-Bett saß und hoch konzentriert in dem Buch las. „Gefällt es dir?“, fragte ich neugierig. „Psst“, machte sie wirsch. Für mich die eindeutige Antwort: Ja, es gefällt ihr.

Eigentlich verwundert mich das nicht. Denn meine beste Freundin hat einen Hund, also eigentlich eine Hündin namens Suki und meine Töchter lieben Suki. Seitdem es Suki gibt, sind Hunde ein großes Thema bei uns und die Kinder hätten am liebsten selber einen (in einer kleinen Altbauwohnung mitten in der Stadt spricht leider viel dagegen…) Ein Buch über einen Hund konnte also nur ein Bestseller-Buch in meinem Hause sein. Mein mittlere Tochter las und las und ließ sich von niemandem ablenken. Dann legte sie das Buch zur Seite. „Ja, das Buch ist schön. Nur diese eine Seite nicht“, sagte sie.

Sich besser fühlen dank Hund

Noch bevor ich nachlesen konnte, schnappte sich meine Elfjährige das Buch und las es. „Oh, da stirbt jemand“, erklärte sie mir. Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen bekommen und fragte mich: War das nicht zu viel für meine Töchter? Was stand da über das Sterben? „Ist es schlimm?“, fragte ich meine Große. „Nee, ist halt so“, sagte sie. Und klar: Irgendwie gehört das Sterben nicht nur zu einer Krankheit wie Alzheimer, sondern generell zum Leben dazu.

Meine großen Töchter waren sich einig, dass es ein tolles Buch ist. „Das ist richtig gut zum Lesen für mich„, erklärte die Zweitklässlerin. Tatsächlich ist das Buch sehr übersichtlich gestaltet. Auf einer Seite sind schwarz-weiß Zeichnungen, auf der anderen Seite sind zwei, drei Absätze Text, genau das richtige Maß für eine Lese-Anfängerin.

„Ich finde es gut, dass es Menschen gibt, die mit einem Hund in ein Heim gehen. Dort gibt es ja keine Tiere, aber viele Menschen hatten mal eines und vermissen es dann„, erklärte meine Tochter. „Da fühlen sich die Menschen bestimmt gleich viel besser.“ Damit hat sie völlig Recht. Max erzählt, welche Menschen er im Seniorenheim trifft, welche Geschichten sie ihm von früher erzählen und wie sie strahlen und lachen, wenn sie ihn streicheln dürfen oder er ihnen seine Pfote gibt. Und wie schön es für ihn ist, gestreichelt zu werden und Leckerbissen zu bekommen.

BEsuchshund Max Pfötchen geben
Max gibt brav Pfötchen – und begrüßt die Senioren im Heim

Mit Augen eines Hundes auf die Demenz schauen

Was ich besonders charmant finde: Die Geschichte wird aus Sicht des Hundes erzählt. So lernen die Kinder gleichzeitig etwas über Hunde, weil Max sie an seinem Hunde-Alltag teilhaben lässt – und sie erfahren mehr über Alzheimer, weil Max ihnen von seinen Besuchen im Seniorenheim erzählt. Da ist zum Beispiel Herr Leonberg, den Max regelmäßig besucht. Herr Leonberg hatte früher mal einen Dackel. Jedes Mal, wenn Max kommt, blüht Herr Leonberg auf. Er erzählt dann von seinem Hund und von seiner Fußballleidenschaft. „Das lenkt ihn von seiner Krankheit ab“, erklärt Max – und das finden nicht nur meine Kinder, sondern auch ich toll.

Max erzählt auch, dass Herr Leonberg die Fragen häufig wiederholt. Und er erklärt sich und den Kindern, warum er das macht. Ich kann mich gut erinnern, dass meine große Tochter damals sehr irritiert war, als meine Mama drei-, viermal hintereinander gefragt hat, ob sie etwas trinken möchte. Wir Erwachsenen haben in der Situation dann nicht viel erklärt, sondern das so akzeptiert und getan, als wäre das ganz normal. Kinder brauchen aber eine Erklärung für das Verhalten und die habe ich meiner Tochter später gegeben, ähnlich wie Max es im Buch tut und sagt, dass Herr Leonberg „sich nicht mehr daran erinnern kann, dass er die Frage gerade schon gestellt hat.“

Besuchshund Max
Herr Leonberg und Max

Der Besuchshund Max erzählt übrigens auch, wie er mit Abschieden umgeht: Er stellt sich vor, dass dieser Mensch ihm einen besonderen Platz im Herzen beschert hat und er diese Erinnerungen für immer behalten darf. „Mein Hundeherz vergisst das ja nicht. Es ist wie ein kleiner, kostbarer Schatz, den ich behalten darf“, sagt er. Diese Vorstellung hilft hoffentlich auch einmal meiner Tochter, wenn sie Abschied nehmen muss.

Und weil meine Kinder die Arbeit von Max und seinem Frauchen so spannend fanden, habe ich mit Ann-Kristin Nuernbergk noch ein Interview geführt

„Selbst Menschen mit schwerster Demenz reagieren auf Max“ – Interview mit Ann-Kristin Nuernbergk

Ann-Kristin Nuernbergk Hund Max

Ann-Kristin Nuernbergk arbeitet als Coach mit Menschen und Tieren. Mit ihrem Hund Max geht sie regelmäßig in Seniorenheime. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg. „Gestatten, ich bin Besuchshund Max!“ ist ihre erste Tiergeschichte, weitere sollen folgen. Sie schreibt auch den Blog Glückliches für Mensch und Tier

Wie kamst du auf die Idee, mit Max in Pflegeheime zu gehen?

Max ist mit einem Jahr zu mir gekommen. Ich habe ihn aus dem Tierschutz gerettet, er kommt aus Zypern. Bei Max habe ich gemerkt, dass er eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt, die ja sehr wichtig ist, wenn man mit Menschen arbeitet, da sich diese ja auch positiv überträgt. In meinem Umfeld hörte ich auch immer wieder, dass Max sich so schön anfühlt und man sich sich so gut bei ihm entspannen kann. Weil er auch wenig schreckhaft ist, kam ich auf die Idee, ihn zum Besuchshund auszubilden, denn die Arbeit mit Tier und Mensch hat mir schon immer sehr viel Freude gemacht. Tiere sind tolle Lehrmeister im Verhalten für uns Menschen.

Was ist dein Ziel? Warum geht ihr in die Seniorenheime?

Alten Menschen im Seniorenheim helfen zu können, entwickelte sich dann zu einer Herzensaufgabe, denn in vielen Einrichtungen sind nach wie vor keine Tiere erlaubt, viele der Senioren hatten früher aber selbst Tiere. Ich möchte dort Menschen mit meinem Vierbeiner unterstützen, ein Stückchen mehr Lebensfreude zu gewinnen, Einsamkeitsgefühle zu vertreiben und ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Wenn man das einmal erlebt hat, geht einem das eigene Herz auf, man spürt förmlich diese unglaubliche Dankbarkeit!

Hattest du vorher einen Bezug zu Menschen mit Demenz und falls ja, welchen?

Richtig Kontakt mit schwer demenzerkrankten Menschen hatte ich erst im Seniorenheim, allerdings hatte meine verstorbene Oma circa zwei Jahre vor ihrem Tod auch Altersdemenz.

Reagieren alle Menschen im Pflegeheim gut auf einen Hund oder nur die, die selber mal einen Hund hatten?

Tendenziell merke ich schon, dass Menschen, die früher selbst einen Hund hatten, sehr positiv auf Max reagieren. Es ist ihnen vertraut, sie können sich schneller öffnen. Doch habe ich auch schon sehr schöne Erlebnisse mit Senioren gehabt, die nie ein Tier haben durften und dann förmlich aufgeblüht sind, wenn Max in ihre Nähe kam. Natürlich gibt es auch Menschen, die Hunde einfach nicht mögen, das gilt es dann zu respektieren und den entsprechenden Abstand zu wahren. Bei Menschen, die auch vor Hunden Angst haben, weil sie in der Kindheit vielleicht schlechte Erfahrungen machten, es tendenziell aber versuchen möchten, ist dann besonders viel Empathie und Geduld gefragt, Max am Ende streicheln zu können. Das ist dann auch immer ein besonderes Erfolgserlebnis für mich, wenn ich das mit Max Hilfe geschafft habe.

Was genau machst du mit Max im Heim?

Es gibt verschiedene Wege, wie wir arbeiten. Bei Senioren, bei denen die Demenz noch im Anfangsstadium ist oder die auch nicht an Demenz leiden, arbeite ich auch gern mit Max in der Gruppe. Max macht dann kleine Spiele, wo ich die Senioren aktiv einbinde, indem sie zum Beispiel erraten müssen, unter welchem Becher sich ein Leckerchen befindet, welches Max suchen muss und so weite. Bei Personen mit fortgeschrittener Demenz arbeiten wir in Einzelarbeit. Hier geht es vor allem darum, über Tätigkeiten wie das Streicheln oder Füttern, die Sinne des Patienten zu stimulieren. Dadurch verbessert sich auch die motorische Kontrolle.

Reagieren auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz auf Max und falls ja, wie?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe hier oft mit Erstaunen beobachtet, dass selbst Menschen mit schwerster Demenz auf Max reagieren. Das passiert in Mini-Schrittchen. Trotz deutlich eingeschränkter Motorik heben Menschen mit schwerer Demenz zum Beispiel in kleinen Schrittchen wieder den Arm. Oder ihr Blick wird wacher oder sie sprechen kleine Wörter aus. Das ist immer sehr berührend.

Was hat dich am meisten überrascht in deiner Arbeit mit Max?

Bei Max merke ich einfach, dass er gern in die Heime geht. Er stellt sich auf jeden einzelnen Bewohner ein, das finde ich immer sehr faszinierend zu beobachten. Und natürlich ist im Seniorenheim viel los. Viele Menschen, unterschiedliche Charaktere, auch Stimmungsschwankungen. Wenn er da reingeht, weiß er irgendwie, jetzt ist das wichtig, dementsprechend reagiert er. Er spürt, die Menschen brauchen ihn dort.

Klappt das von Anfang an?

Bei jeder Einrichtung, die ich aufsuche, entwickelt sich immer ein bestimmter Prozess, denn ich und Max müssen erst einmal herausfinden, wie jeder reagiert und auch die Bewohner müssen uns erst einmal kennenlernen und Vertrauen aufbauen. Für eine gute Zusammenarbeit sind deshalb Feedback-Gespräche mit Mitarbeitern aus der sozialen Betreuung sehr wichtig, diese werden regelmäßig mit mir geführt. Natürlich kann es dann zu Anfang sein, dass es das ein oder andere gibt, was noch nicht ganz reibungslos funktioniert, was auch ein natürlicher Prozess ist, wenn man zusammenwächst. Ich mache jedenfalls die Erfahrung, dass klärende Gespräche wunderbar unterstützen, sodass alle Seiten zufrieden sind und am Ende die Bewohner davon profitieren.

Buch-Info: Gestatten, ich bin Besuchshund Max! 2019. Ann-Kristin Nuernbergk. Illustrationen von Michael Blechmann. Veröffentlicht im Selbstverlag (Kaufen kann man das Buch direkt bei Ann-Kristin Nuernberg oder ausgewählten Bücher- oder Tierläden)

Alle Buch-Besprechungen auf einen Blick

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