Corona, Wie ich helfen kann

Gut durch den Pflege-Alltag kommen in Zeiten von Corona: Mit Spazierengehen

In Zeiten von Corona ist es für Angehörige von Menschen mit Alzheimer oft besonders anstrengend. Viele Pflegeheime haben Kontaktbeschränkungen, Besuche sind nicht oder eingeschränkt möglich. Tagespflege-Einrichtungen sind geschlossen. Menschen wie meine Mama, die sonst die Tagespflege besuchen, können dies aktuell nicht tun. Damit bricht der gewohnte Tagesablauf zusammen – und den pflegenden Angehörigen fehlt Entlastung. „Zum Glück können wir jeden Tag in den Garten oder spazieren gehen“, sagt mein Papa. Meine Mama profitiert davon sogar doppelt, nein eigentlich dreifach. Und ich kann mir davon einiges abschauen: Denn auch ich komme so mit den Kindern besser durch den Corona-Alltag

spazierengehen

Von einen Tag auf den anderen schloss die Schule meiner mittleren Tochter. Es gab einen Corona-Fall. Beim Kindergarten und dem Gymnasium konnte ich mich etwas darauf vorbereiten, aber auch da hieß Mitte März: geschlossen. Ähnlich ging es meinem Papa mit der Tagespflege von Mama. „Keine Ahnung, wann die wieder aufmachen“, sagte er betrübt. Ich telefonierte noch mit der Leiterin, sie ahnte sicher, welche Belastung in den kommenden Wochen auf meinen Papa zukommen würde. Ändern konnte sie auch nichts an der Situation.. Hier wie da: Plötzlich fiel die gewohnte Routine weg, die Entlastung für mich als Mutter, die Entlastung für Papa als pflegenden Angehörigen.

Effekt 1: Struktur im Tagesablauf

Und dann der Lockdown und ganz schön viel Stubenhockerei. Während ich noch nach einem Rhythmus suchte, hatte mein Papa längst einen gefunden. Vormittags arbeiten sie ein wenig im Garten, nach dem Mittagessen machen er und Mama einen Spaziergang. Damit hat er genau das getan, was Experten allen raten, um gut durch die Corona-Krise zu kommen (zum Beispiel die Deutsche Gesesllchaft für Psychiatrie und Psychotherapie oder die Alzheimer-Gesellschaft). Hier die Tipps:

  • dem Tag durch Gewohnheiten eine Struktur und Routine geben
  • so aktiv wie möglich bleiben
  • sich möglichst viel an der frischen Luft aufhalten, etwa im Garten
  • Spazieren gehen (und dabei natürlich auf den Abstand zu anderen achten)

All diese Tipps würden das „seelische Gleichgewicht“ fördern. Und ja, sie helfen meinen Eltern, sie geben Struktur und Routine. „Struktur bringt auch innere Sicherheit. Und Sicherheit baut Vertrauen auf, in denjenigen selber und in das Umfeld“, erklärt mir Diana Stelzer. Sie ist schon lange in der Demenz-Begleitung und -Beratung tätig und gibt als demenzpraktisch_diana auch auf Instagram gute Tipps. Sicherheit und Vertrauen, genau das ist es, was meine Mama in ihrem Alltag mit Alzheimer braucht.

Und auch mir halfen und helfen diese im Corona-Alltag mit den Kindern und Homeschooling. Ich habe schnell gemerkt, dass wir mit dem täglichen Spaziergang oder Mini-Fahrradtour am Nachmittag – egal wie kurz es ist – einen Tagesablauf strukturieren. Und klar: Die Kinder können sich draußen viel besser austoben als dies in der Wohnung der Fall ist. Und dass ich an der frischen Luft auf andere Gedanken komme, weniger grübele, wann ich meine Eltern sehe und wie ich ihnen helfen kann, sondern viel mehr zu mir komme und die Zeit mit den Kindern genieße.

Effekt 2: Bewegung ist positiv bei Alzheimer

Meine Eltern sind zwei Sportler. Beide haben in ihrer Jugend erfolgreich Leistungssport gemacht und waren Sportlehrer. Meine Mama war eine sehr gute Läuferin und auch im Erwachensenalter hat sie trainiert und an Wettkämpfen teilgenommen. Nachdem sie die Diagnose Alzheimer bekommen hat, ermutigte ihr Arzt sie, weiter so aktiv zu bleiben.

Joggen schafft sie mittlerweile nicht mehr, aber Spazierengehen geht noch. Und das ist gut und wichtig so. „Es gibt Hinweise, dass körperliche Aktivierung positive Wirksamkeit auf kognitive Funktionen, Alltagsfunktionen, psychische und Verhaltenssymptome, Beweglichkeit und Balance hat„, heißt es dazu in der Leitlinie Demenzen, in der alle Therapieempfehlungen von Experten gebündelt sind.

Wenn meine Eltern jeden Tag so aktiv sind, tut ihnen das nicht nur in der Corona-Krise gut, sondern ist eine Therapiemöglichkeit, um die Alzheimer-Symptome etwas aufzuhalten. Mehrere Studien bestätigen den positiven Effekt von Bewegung. Laut einer Untersuchung der Universität Köln kann regelmäßige Aktivität „kognitive Beeinträchtigung nicht nur aufhalten, sondern sogar umkehren“, heißt es in dem Forschungsbericht. Sportliche Höchsleistungen sind übrigens nicht notwendig für diesen Schutzeffekt, wichtiger ist die Regelmäßigkeit. Täglich eine halbe Stunde sei ideal. Auch eine neuere Studie im Fachmagazin „Nature Medicine“ zeigte, dass Sport das Fortschreiten einer Alzheimer-Demenz verlangsamen kann. Die Forscher mutmaßen, dass durch die Bewegung ein bestimmter Botenstoff freigesetzt wird, der die Nervenzellen positiv beeinflusst.

Effekt 3: Anregung durch die Natur

Vor allem aber tut meiner Mama auch der Aufenthalt in der Natur gut. Die Alzheimer-Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass meine Mama nicht mehr viel spricht und oft in ihrer kleinen Welt ist. Wir kommunizieren vor allem über Körpersprache. Wenn sie aber draußen ist, dann wird sie viel aktiver. Dann staunt sie über die Elstern, die auf dem Haus gegenüber sitzen, zeigt auf eine Blume oder wundert sich über das Geschnatter der Enten am Teich. Es ist ein bisschen wie bei meiner kleinsten Tochter, die sich über die bunten Steine freut, die wir am Wegesrand sehen und sich dies sofort mitteilen möchte.

Steine Corona
Diese Fundstücke am Wegesrand machen froh

Wenn Mama draußen ist, passiert es sogar, dass sie von ganz alleine spricht. Als ich das letzte Mal bei meinen Eltern war, kurz vor dem Corona-Lockdown, gingen wir einmal um das Haus herum, standen dann stumm davor. Dann zeigte Mama auf das lila Heidekraut und sagte: „Oh, die sind aber schön.“ Ein kleiner, kurzer Satz, aber er war so schön. Ich grinste. Das Heidekraut war überhaupt nicht besonders, aber es hatte meine Mama zum Sprechen motiviert – und das war so schön.

Heidekraut Garten
Schnödes Heidekraut, aber Mamas Freude

Das ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum mein Papa mit meiner Mama so gerne und regelmäßig spazieren geht: weil sie dabei viel Freude und Anregung in der Natur findet. Weil sie spricht. Weil sie staunt. Weil sie es genießt. Weil es ein kleiner Glücksmoment für sie und für meinen Papa ist. Und das ist zum Glück auch in Zeiten von Corona noch möglich.

4 Gedanken zu „Gut durch den Pflege-Alltag kommen in Zeiten von Corona: Mit Spazierengehen“

  1. Glückwunsch zur Nominierung! Meine Stimme hast du. Dein Blog ist sehr berührend, auch wenn man mit Alzheimer keine Berührungspunkte hat. 🙂

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