"Liebe Mama..."

Liebe Mama, weißt du eigentlich, dass du die Beste bist? Und dass ich dich schrecklich vermisse?

Bald ist Muttertag. Ein Tag, den ich noch nie besonders mochte. Ich fand ihn immer so konstruiert und dieses Drumherum so aufgesetzt. Natürlich war ich meiner Mama dankbar und als ich selber Mutter wurde, wurde ich ihr noch dankbarer. Ich habe meine Mama immer bewundert und geliebt, wir waren uns sehr nah – und sind es ja immer noch. Mir hat es immer widerstrebt, diese Dankbarkeit und Liebe an einem speziellen Tag ausdrücken zu müssen. Ich habe ihr natürlich trotzdem immer etwas geschenkt und ein paar liebe Worte geschrieben, denn ich wollte ihr eine Freude machen. Aber ich habe den Muttertag nie groß zelebriert oder geehrt. Jetzt denke ich manchmal, ich hätte Mama viel öfter Danke sagen und diesen Tag viel größer mit ihr feiern sollen. Denn sie ist die beste Mama für mich – auch wenn ich sie manchmal ganz schrecklich vermisse

Blumen Wiesenstrauß
Ein Strauß Wiesenblumen, den möchte ich dir am liebsten jeden Tag pflücken

Liebe Mama,

weißt du eigentlich, dass du die Beste bist? Und dass ich dich schrecklich vermisse?

In einem sehr sentimentalen Moment hat Papa vor einiger Zeit gesagt: „Du hättest keine bessere Mutti haben können.“

Wir führten ein langes, offenes Gespräch über deine und seine Situation. Ich hatte ihm gesagt, wie gut er sich um dich kümmert. Und auch, dass ich ihn bewundere für seine Geduld und Liebe, mit der er jeden Tag für dich da ist.

Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn gerne mehr unterstützen würde und dass ich weiß, dass meine Hilfe aus der Ferne nur beschränkt hilfreich in eurem Alltag ist. Du hast ganz still zwischen uns gesessen, aber du wurdest traurig und hast geweint. Ich auch. Und wenn ich daran denke, habe ich sofort wieder Tränen in den Augen.

Danke, dass du für mich da warst!

Du warst tatsächlich die beste Mama, die ich haben konnte. Wir waren manchmal verschiedener Meinung, aber du warst immer für mich da, immer liebevoll und geduldig. Du hast mir Mut gemacht, wenn ich aufgeben wollte. Du hast mich getröstet, wenn ich traurig war, auch im allergrößten Liebeskummer hast du mir Hoffnung gemacht. Du hast mich bestärkt, mit 16 Jahren alleine nach Amerika zu gehen.

Dich habe ich angerufen, als ich ausgezogen war und Rat beim Kochen und Backen brauchte. Und manchmal – ja, das gestehe ich – war das auch nur ein Vorwand, um mit dir zu sprechen. Ich hätte es sicher alleine hinbekommen, aber ich habe gern mit dir telefoniert und mir sehr gern von dir helfen lassen. Du hast mich bestärkt, als ich zum Forschen alleine nach Südäthiopien gehen wollte und hast nie an mir gezweifelt. Ich hatte irgendwie gedacht, ich würde mit dir mal zu den Dassanetch reisen. Du hättest es gemocht, da bin ich mir sicher. Aber erst bekam ich ein Kind, dann du Alzheimer…

Du hast dich mit mir gefreut, als ich zum ersten Mal schwanger war. Du warst so begeistert davon, Oma zu werden und dass ich Mama werde, dass du mit den ersten gestrickten Jäckchen fertig warst, noch bevor ich wusste, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Ich hätte wirklich keine bessere Mutti haben können.

Manchmal hätte ich dich gerne als Mama zurück

Du bist in so vielen Dingen mein Vorbild, dass es mir schwer fällt zu sehen und akzeptieren, dass die Alzheimer-Erkrankung deinen Alltag bestimmt. Du standest doch noch mitten im Leben und ich bräuchte dich jetzt manchmal sehr. Ich weiß, jedes Kind nabelt sich ab, und auch ich habe das ja getan. Aber manchmal würde ich einfach gerne von dir in den Arm genommen werden und dir mein Herz ausschütten. Ich hätte dich gerne als Mama zurück, auch wenn ich längst selber Mama bin – und diejenige, die Trost und Rat spendet und Tränen trocknet. Gerade jetzt in dieser ungewissen Corona-Zeit wünschte ich, wir könnten uns nah sein.

Das Muttersein ist nicht immer einfach, das habe ich längst gemerkt. Ich wäre gerne eine perfekte Mutter – und in meiner Erinnerung warst du das. Ich würde gerne mit dir darüber sprechen, wie es für dich war, Mutter zu sein, wann du mal versagt hast und was dir geholfen hat. Vielleicht würde das einiges relativieren und ich wäre nicht immer so streng mit mir…

Warst du auch mal ungeduldig und genervt?

Ich kenne dich nur geduldig und lieb. In meiner Erinnerung hast du nie geschimpft. Aber ist dir auch mal ein lautes Wort rausgerutscht, als mein Bruder und ich Kleinkinder waren und Trotzanfälle hatten?

Ich kenne deinen Geruch sehr gut, ich durfte als kleines Mädchen morgens mit zu dir unter die Decke krabbeln. Wenn ich die Augen schließe, kann ich diese Mama-Wärme noch heute riechen. Aber warst du auch mal genervt von zu viel Nähe, weil ständig ein Kind auf deinem Schoß sitzen möchte, auf den Arm will oder nach der Brust verlangt?

Ich kenne dich als meine Mama, die im Haus alles wunderbar sauber und ordentlich hält, obwohl sie einen Vollzeit-Job hat. Der ihr Beruf wichtig ist und die gründliche Unterrichtsvorbereitungen macht. Aber ist dir das nicht auch alles einfach mal zu viel geworden? Warst du nicht auch mal genervt von dem Alltag mit Schule, Kindergarten, Beruf und dann noch Wäsche waschen, Putzen, Kochen, Einkaufen?

Wie gerne würde ich mit dir darüber sprechen! Aber das geht nicht mehr. Ich genieße es, wenn Papa davon erzählt, wie du früher warst und was du als Kind gemacht hast. Aber über das Muttersein kann er nicht so viel sagen. Ich habe mich innerlich immer irgendwie mit dir verglichen. Du hattest mit 23 dein erstes Kind – mich – bekommen und mit 25 das zweite. Und lange dachte, dass ich auch mit 23, zumindest aber mit 25 Jahren Mutter wäre. Ich habe an dir erlebt, dass Frauen immer berufstätig sind, auch wenn sie Kinder haben – und habe das bei mir nie infrage gestellt.

Ich wollte irgendwie so sein wie du. Aber weißt du: Ich bin ich. Ich habe viel von dir. Aber in manchen Dingen bin ich eben ich – und ich hoffe, dass ich für meine Mädchen genau die Mutter sein kann, die sie brauchen. So wie du es für mich warst.

Danke, dass du da bist!

Du lebst schon seit über acht Jahren mit der Diagnose Alzheimer und gerade in den vergangenen Jahren zeigen sich immer mehr Symptome: du sprichst nicht mehr und bist oft in deiner kleinen Anders-Welt. Mich macht deine Krankheit immer noch traurig und manchmal auch wütend. Am Anfang war ich so wütend und fand das ganze Leben unfair. Alzheimer, dieses langsame Entschwinden, fand ich so viel gemeiner, als wenn du einen Herzinfarkt gehabt hättest.

Aber weißt du: Ich bin wahnsinnig froh, dass du da bist. Auch wenn du Alzheimer hast, du bist ja immer noch meine Mama. Du bist der Mensch, der mich am längsten kennt – und diese große Nähe ist immer noch da. Vielleicht nicht von außen sichtbar, weil du immer häufiger in deiner Welt bist.

Aber von innen, da sind wir uns immer nah – und das wird immer bleiben. Statt großen tiefgründigen Gesprächen helfe ich dir im Alltag, beim Anziehen, Treppensteigen, Haarewaschen und Essen. Das ist es, was du brauchst und was für dich wichtig ist. Auch wenn du mich vielleicht irgendwann nicht mehr erkennst, ich weiß immer, dass du meine Mama bist – und zwar die beste Mama.

Danke, meine liebe Mama! Egal ob nun Muttertag ist oder nicht.

Deine Peggy

Peggy Elfmann Blumenstrauß

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