Was die Kinder fragen

Kinderfragen bei Alzheimer: Warum schenkst du der Oma einen Plüsch-Affen?

Meine Kinder lieben Plüschtiere. Doch als ich neulich meiner Mama eines geschenkt habe, waren sie irritiert. „Was macht die Oma mit dem Affen?“, wollte meine mittlere Tochter wissen und schüttelte dabei den Kopf. Und so kam es, dass wir über das große Thema Biografiearbeit bei Alzheimer und Demenz sprachen

Plüschaffe Biografiearbeit

Ich war auf einer Spielzeugmesse. Ich war beruflich dort, schaute Spielzeug-Neuheiten an und unterhielt mich mit Ausstellern. Soweit war ich im Arbeitsmodus, bis ich zu diesem schwedischen Hersteller kam, der groß mit Pippi-Langstrumpf-Puppen warb, die jetzt auch deutsch sprechen können (und nicht nur skandinavische Sprachen). Ich sprach länger mit der Marketing-Mitarbeiterin und erfuhr viel über ihre Produkte und ihre tolle Kampagne „Pippi of today“ mit Save the children, um Flüchtlingsmädchen zu unterstützen. Soweit war ich im Arbeitsmodus.

Als ich dann weitergehen wollte, sah ich Herrn Nilsson. Also, das Äffchen von Pippi Langstrumpf. Und ich war sofort in Gedanken bei meiner Mama. Ich kehrte um und erzählte der schwedischen Marketingdame von meiner Mama, dass sie als kleines Mädchen Affen liebte und nun Alzheimer hat und so oft in ihrer kleinen Anders-Welt ist. Die Schwedin drückte mir ein Äffchen in die Hand. „Für Mama“, sagte sie auf deutsch und nickte mir zu.

Demenz: Vertrautes aus Kindertagen schafft Sicherheit

Zu Hause entdeckten die Kinder den Spielzeugaffen in meinem Rucksack.
„Häh, für wen ist der denn?“, fragte meine Mittlere.
„Der ist für die Oma“, antworte ich.
Mein Kind zog ihre Augenbrauen in die Höhe. „Für die Oma?“, fragte sie.
„Ja, für meine Mama“, sagte ich.
„Warum schenkst du der Oma ein Plüschtier?“, fragte mein Mädchen.

Ich muss dazu sagen: Meine Kinder lieben Stofftiere. Eigentlich sollte es für sie nicht ungewöhnlich sein, zu verstehen, dass andere Menschen Plüschtiere auch gerne mögen und geschenkt bekommen. Aber, ja, das stimmt wohl: Sie erleben eigentlich nie, dass Erwachsene ein Plüschtier bekommen oder damit spielen. Warum bekommt nun also die Oma eines?

Und dann erzählte ich von meiner Mama als Kind. Ich erzähle das, was ich auch vom Hörensagen weiß. Sie mochte Affen sehr gern. Als kleines Mädchen wollte sie im Zoo immer zu den Affen gehen. Sie hatte ein Plüsch-Äffchen. Diese Tiere haben ihr ein gutes Gefühl beschert. Und, das weiß ich aus Erinnerung, wenn wir in meiner Kindheit in den Zoo gegangen sind, ging meine Mama besonders gern zu den Affen.

Die Kindheit ist bei Demenz sehr präsent

Meine Tochter schaute mich immer noch unverständlich an. Das war doch alles lange her. Heute ist die Oma eine Oma und kein kleines Mädchen mehr. Und die Oma hat Alzheimer. Sie spricht kaum und wandert im Haus herum. Meine Tochter sagte es nicht, aber ich spürte die Frage: ‚Wie soll sie sich da an früher erinnern können?‘

„Weißt du, das besondere an der Alzheimer-Krankheit ist, dass sich die Menschen oft sehr gut an ihre Kindheit erinnern können. Sie können sich nicht mehr so gut erinnern an das, was gestern oder vor einer Woche war. Aber wie es war, als sie Kind waren, das wissen und spüren sie noch sehr lange“, erklärte ich.

Und genau das kann und sollte man ja auch nutzen. Auch wenn das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so gut funktioniert, bleiben die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend noch lange erhalten. Experten raten deshalb dazu, Biografiearbeit und Erinnerungspflege zu betreiben. Es gibt sogar so etwas wie Erinnerungstherapie. Betroffene sprechen dann mit einem Therapeuten über frühere Erfahrungen und Erlebnisse. Manchmal werden Fotos, Musik oder Gegenstände eingesetzt. Das soll das Gehirn anregen und die Stimmung verbessern – und ist oft sehr erfolgreich.

Als Angehöriger, als Familie, kann man das natürlich auch nutzen: gemeinsam in Fotoalben blättern, Musik von früher anhören… Durch scheinbare Kleinigkeiten kann man auf die Vergangenheit des Betroffenen eingehen. Und die haben an schönen Erinnerungen viel Freude, werden fröhlicher, fühlen sich sicherer.

Ein gutes Gefühl dank guter Erinnerungen

Meine Mama reagiert nicht mehr auf Fotos und erzählt auch nicht mehr von früher, aber als ich meiner Tochter von dem Äffchen und dem Gedächtnis von Alzheimer-Patienten erzählte, habe ich mich an eine Szene erinnert. Es war vor ein paar Jahren, als die Krankheit noch nicht so ausgeprägt war. Wir saßen in einer größeren Familienrunde zusammen und erzählten über die Schule und Lehrer. Mama war damals schon relativ ruhig, erst recht in größeren Kreisen. Es fiel ihr schwer, unseren Gesprächen zu folgen.

Aber da ergriff sie plötzlich fröhlich das Wort und erzählte von ihren Lehrern. Sie erzählte so eifrig, dass es einfach nur schön war. Sie brachte die Zeiten durcheinander und meinte, dass ich den Lehrer doch auch kenne. Dabei war ich Jahrzehnte nach ihr Schülerin und dann auf einer anderen Schule. Und auch sonst brachte sie ein paar Dinge durcheinander. Aber das war egal, ich sagte nichts, mein Papa sagte nichts. Mama hatte einen richtig guten Moment.

Als ich das Äffchen mit nach Hause nahm, wollte ich genau das: Mama ein gutes Gefühl und einen guten Moment bescheren. Ich wusste ehrlich gesagt nicht mal, ob das noch funktionieren würde, aber ein Versuch war es wert. Und als ich dann bei meinen Eltern war, holte ich mein Geschenk hervor. „Hier schau mal, du hast doch Äffchen früher immer gemocht“, sagte ich. Mama guckte den Affen an. Ich gab ihn ihr und sie freute sich. Sie hielt das Äffchen fest und ging weiter im Wohnzimmer auf und ab, mit dem Plüschtier fest in der Hand und einem Lächeln im Gesicht.

Vielleicht freute sie sich auch, weil ich sie gestreichelt hatte, weil ich ihr etwas geschenkt habe und mich auch gefreut habe. Meine Mama kann zwar nicht mehr viel sprechen, aber Gefühle spürt sie genau und nimmt sie auf. Egal, selbst, wenn der Affe nicht der Hauptgrund der Freude war, so hat er ihr doch ein gutes Gefühl beschert und vielleicht auch wegen schöner Erinnerungen.

Meine Tochter hat diesen Moment leider nicht miterlebt, sie war in der Schule als ich bei der Oma war. Aber ich ihr ausführlich davon erzählt. Und ihre Augen haben genauso gestrahlt und gelacht, wie die meiner Mama, als diese wieder ein bisschen Kind war und ihr Plüsch-Äffchen herumtrug.

P.S. Herzlichen Dank an Micki Leksaker, die meiner Mama diese wunderbare Freude bereitet haben.

3 Gedanken zu „Kinderfragen bei Alzheimer: Warum schenkst du der Oma einen Plüsch-Affen?“

  1. Habe mich gestern,nach dem Beitrag im Fernsehen, bei dir angemeldet. Obwohl ich bis auf heute glücklicherweise keine Betroffenen in meiner Familien- oder Bekanntenkreis habe, wollte ich mich auf diesem Gebiet ein wenig informieren. Man weiß ja nie… deine Beiträge sind unglaublich schön und informativ geschrieben. Vielen Dank dafür und die Mama hat Glück so eine Tochter zu haben. Respekt!

    1. Liebe Maria, danke für deine liebe Nachricht. Ich erlebe immer wieder, dass meine Beiträge von Menschen gelesen werden, die keinen Betroffenen im Umfeld haben. Das finde ich super! Denn zum einen schadet es ja nicht, informiert zu sein. Und andererseits hilft es uns allen im Umgang miteinander. Danke! 💜

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