Wie ich helfen kann

Kommunikation bei Alzheimer: Teil 3 „Mit dem Körper sprechen“

Wenn ich heute mit meiner Mama spreche ist das sehr einseitig, denn aufgrund ihrer Alzheimer-Erkrankung sagt sie fast gar nichts mehr. Es ist meist ihr Gesicht, das spricht. Es sind ihre Hände oder ihr ganzer Körper. Ich merke, dass es immer wichtiger wird, ihre Körpersprache zu verstehen. Umgekehrt ist es allerdings genauso. Meine Mama kann meinen Worten kaum folgen. Wir beschreiten also neue Wege des Kommunizierens. Teil 3 der Kommunikation bei Alzheimer „Mit dem Körper sprechen“

16 000 Worte am Tag. So viel reden wir im Durchschnitt jeden einzelnen Tag. Frauen sprechen ein bisschen mehr, Männer ein bisschen weniger. Laut Forschern ist der Unterschied jedoch nicht signifikant (Hier gibt’s mehr Infos zur Studie.) Man könnte nun diskutieren, ob das nicht viel zu viel ist und dass uns mehr Stille sicher guttun würde. Aber im vergangenen Jahr habe ich auch festgestellt: Ohne Wörter ist es auch schwierig.

Die Alzheimer-Krankheit schreitet bei meiner Mama voran, und sie spricht kaum noch. Wenn sie etwas sagt, dann sind das einzelne Wörter wie „Mmh“ und „Ja“. Auf Fragen antwortet sie nicht oder mit einem „Ja“, das allerdings auf jede Frage. Sehr selten sagt sie einen ganzen Satz, meist ist das der Fall, wenn wir draußen spazierengehen.

Alzheimer und die Sprachlosigkeit

Dass das Sprechvermögen abnimmt, ist bei sehr vielen Alzheimer-Betroffenen so. Und je weiter die Krankheit voran schreitet, umso weniger können sie sprechen. Bei manchen Patienten ist besonders der Teil im Gehirn betroffen, der für das Sprechen zuständig ist. Sie können schon früh nicht mehr mit Worten kommunizieren. Das ist für die Betroffenen nicht schön. Ich stelle es mir das so in etwa vor, dass meine Mama in diesem anderen Land ist und nichts versteht. Kommunikation bei Alzheimer ist ein bisschen so, als wäre ich in Indien in einem fernen kleinen Dorf und würde kein einziges Wort verstehen – und mich würde auch keiner verstehen.

Aber dieses Nicht-Sprechenkönnen ist auch für die Angehörigen schwierig. Je länger meine Mama an Alzheimer leidet, umso schwerer fällt es auch mir, mit ihr zu kommunizieren. Ich weiß noch, wie wir vielleicht zwei oder drei Jahre nach der Diagnose mal einen Mutter-Tochter-Abend verbrachten und ich sie in ein indisches Restaurant eingeladen habe. Ich hatte etwas Angst, dass wir uns nichts zu sagen haben, denn schon da war es nicht mehr so wie früher, mit dem Miteinander sprechen. Mama war ruhiger geworden, manchmal hatte sie Probleme das richtige Wort zu finden und ich war mit so vielem unsicher, über was ich reden konnte und durfte und wollte, dass ich irgendwie auch verstummte. Unser Mutter-Tochter-Abend war übrigens wunderschön. Wir sprachen sicher nicht so viel wie früher, aber wir sprachen noch miteinander.

Heute weiß ich manchmal nicht, was ich Mama sagen soll. Denn sie antwortet nicht mehr. Telefonieren können wir schon eine Weile nicht mehr. Eine ganze Zeit lang funktionierte es, zunehmend wurde mein Papa mein Gesprächspartner, und er gab mir meine Mama nachdem wir mit unserem Gespräch fertig waren. Irgendwann sagte sie nichts mehr. Das hat mir wehgetan, aber ich habe auch gemerkt, dass sie sich freut, meine Stimme zu hören. Also habe ich einfach drauflos geplaudert. Ich bin echt nicht gut in so etwas, aber ich habe mir Mühe gegeben, von mir und den Kindern erzählt und versucht ein Lächeln auf meinen Lippen zu haben. Doch nach dem Auflegen habe ich oft geweint.

Kommunikation ohne Worte: Wie ich spreche

Und auch, wenn ich bei meiner Mama bin, fallen mir die Worte schwer. Wie können wir miteinander sprechen, wenn sie mich nicht versteht und mir nicht antworten kann? Ich glaube, es kommt gar nicht auf meine Worte an. Was zählt ist mein Lächeln, mein Streicheln, mein Halten und mein Dasein.

Alle Demenz-Experten geben mir Recht in dem, was ich bislang an Erfahrungen gesammelt habe. „Je mehr sie (die Demenzkranken) die Fähigkeit verlieren, durch das gesprochene Wort mit anderen zu kommunizieren, desto mehr werden sie auf nonverbale Botschaften anderer achten. … Für viele demente Personen wird die nonverbale Kommunikation – die Körpersprache – wieder zur ersten und wichtigsten Sprache„, erklärt der Psychogerontologe Huub Buijssen in seinem Ratgeber „Demenz und Alzheimer verstehen“ (Beltz Verlag; hier geht es zum Buch inklusive einer Leseprobe)

Ich finde das ein wunderschönes Bild, von der Körpersprache als erster Sprache zu sprechen. Es stellt nicht das Nicht-Können oder den Verlust in den Vordergrund, sondern ist so viel positiver. Die Körpersprache als wichtigste Sprache – wie wahr das doch ist. Es ist das, was wir als Babys als erstes beobachten und verstehen. Und irgendwie ist es auch das, was wirklich zählt. Wenn ich liebe Worte sage, aber in einem genervten Tonfall und mit rollenden Augen, dann traut mein Gegenüber vermutlich nicht meinen lieben Worte.

Und meine Mama, die diese lieben Worte gar nicht erst versteht, wird durch meine Mimik und Sprachmelodie nur das Genervte und Negative hören und sehen. Huub Buijssens Rat an Angehörige: „Bedenken Sie, dass Freundlichkeit und ein Lächeln oft der Schlüssel zu einer guten Kommunikation sind.“ Wenn ich lächle, dann nimmt meine Mama das wahr und spürt ganz viel Positives.

Kommunikation ohne Worte: Wie ich Mama verstehe

Nun fällt es mir deutlich leichter, mich bewusst positiv auszudrücken als meine Mama zu verstehen. Sie geht um den Tisch herum und wandert im Flur auf und ab und ist in ihrer kleinen Anders-Welt versunken. Aber sie kann ihr Fühlen ausdrücken – und das sind ihre Worte. Wenn sie lächelt, dann merke ich, dass es ihr gut geht. Wenn sie nervös schaut und dazu vielleicht noch mit den Fingern sehr unruhig an ihrem Pulli nestelt, ist sie unruhig. Häufig ist es ein Zeichen, dass sie auf die Toilette muss. Wenn sie weint, ist sie traurig, aber noch viel häufiger zeigt sie uns damit, dass sie sich besonders freut und im positiven Sinne gerührt ist. Tränen sind Mamas Sprache geworden.

Mamas Körpersprache zu verstehen, ist häufig schwierig für mich. Und ich merke: Es braucht Zeit. Zeit und Ruhe und eine Offenheit, diese Wörter der anderen Sprache, der Körpersprache, zu verstehen. Manchmal verstehe ich sie auch gar nicht. Mama lacht nicht, weint nicht, reagiert nicht: tja, was soll das dann heißen? Vielleicht muss es auch gar nichts heißen. Was immer geht: Mama in den Arm nehmen und drücken, das ist die schönste Sprache für sie und für mich.

Mama und ich, Alzheimer und wir

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Foto: Kristina Litvjak on Unsplash

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