Was ich meiner Mama sagen möchte

Liebe Mama, bitte hab keine Angst! Schon gar nicht vor Treppen…

Der Alzheimer bringt meiner Mama immer neue Herausforderungen. Am Anfang hatte sie Probleme mit der Orientierung, vergaß oder verlegte ihren Geldbeutel oder Schlüssel – mittlerweile kommen ganz andere Schwierigkeiten dazu. Zum Beispiel Treppen hinab gehen. Wenn ich mit ihr Stufen nehme – was im Haus meiner Eltern alltäglich ist – merke ich, dass sie Angst hat. Warum? 5 Tipps, die wir ausprobiert haben und mein Fazit

Liebe Mama,

bitte hab keine Angst!

Warum hast du seit kurzem Angst vor Treppen?

Du warst nie ein ängstlicher Mensch. Ganz im Gegenteil. Für mich warst du immer mutig. Vielleicht dachte ich als kleines Kind auch mal so, wie meine kleine Tochter jetzt denkt: der Papa ist größer als die Mama. Und: größer = kräftiger. Und: kräftiger = mutiger.

Dass das nicht stimmt, habe ich bald gemerkt. Du hast Dinge getan, die Papa sich nie traute: die Spinnen und Mäuse in unserem Haus hast du zur Not mit deinen Händen beseitigt. Du hast den Fisch grillfertig gemacht, den die männlichen Familienmitglieder stolz gefangen hatten, sich aber nicht trauten, ihn anzufasssen, zu töten und auszunehmen. Mutig bist du deinen Weg gegangen, in deine Leben, auch wenn es nicht immer leicht war.

Seit ich Mutter bin, weiß ich noch einen ganz anderen Mut zu schätzen: den Mut in dich als Mutter – und in mich als Tochter. Du hast mich nicht nur alleine nach Amerika und Afrika gehen lassen, du hast mich sogar noch unterstützt. Du hast mich ermutigt. „Sei mutig und tapfer“, hast du mir mit auf den Weg gegeben.

Demenz: Probleme beim dreidimensionalen Sehen

Und heute scheiterst du manchmal an etwas für mich ganz Banalem, am Treppengehen. Wie kann das sein? Zu Hause musst du sie mehrmals täglich gehen, um vom Schlafzimmer in die Küche und ins Wohnzimmer zu kommen. Ihr müsst die Treppen gehen, wenn ihr mit dem Auto wegfahrt. Du gehst Treppen, wenn du ins Badezimmer musst… Es hat vor einer Weile angefangen, dass du runterwärts langsam gehst – und dass du vor der letzten Stufe anhältst und nicht weitergehen willst. Oder du bleibst in der Mitte stehen und traust dich nicht weiter. Du hast Angst vor den Stufen.

„Warum ist das so?“, habe ich im Angehörigen-Seminar der Alzheimer Gesellschaft München gefragt. Und die Seminarleiterin hat erklärt, dass Alzheimer auch mit dem Verlust von optisch-räumlichen Fähigkeiten einhergehen kann. „Das Gehirn kann Bilder nicht mehr so gut umsetzen“, sagte Iris Gorke. Das dreidimensionale Sehen und das Einordnen des Gesehenen falle schwer, weshalb manche Betroffene zum Beispiel dunkle Fugen zwischen Fliesen oder Linien auf dem Boden als Hindernisse wahrnehmen und Angst bekommen. Manche steigen oder hüpfen darüber.

Fünf Ideen zum Treppensteigen bei Alzheimer

Du hüpfst manchmal die letzte Stufe. Weil du die letzte Stufe nicht mehr siehst? Oder nicht weißt, wie du darüber kommen sollst und deine Angst nicht mitteilen kannst? „Warum gehst du denn nicht?“, haben wir gefragt. Du hast nichts gesagt. Denn die Frage überfordert dich, wie so viele andere unserer Fragen.

Wir sind auf der Suche nach Tricks, um dir das Treppensteigen einfacher zu machen. Das sind unsere Erfahrungen:

Tipp 1: Ein bisschen ziehen. Aber: Wenn man dich ein bisschen zieht, gehst du in den Widerstand. Du kannst dich richtig dagegenstemmen. Du scheinst wirklich Angst zu haben. Fazit: Das bringt gar nichts.

Tipp 2: Angelehnt an das, was ich mit meinen Kindern gemacht habe. (Nein, ich trage dich nicht 🙂 ) Ich gehe eng an deine Seite, nehme deine Hand, manchmal lege ich meinen Arm um deine Taille und wir gehen hinunter. Ich habe das Gefühl, dass dir die Nähe Sicherheit gibt. Die Sicherheit, die dir in deiner kleinen Anders-Welt so oft fehlt. Aber manchmal bleibst du trotzdem stehen und dann stehen wir an der letzten oder vorletzten Stufe und kommen nicht weiter. Fazit: Funktioniert ganz okay.

Tipp 3: Meine Schwägerin zählt mit dir. Seite an Seite geht sie zählend mit dir die Treppen hinunter. „Eins, zwei, drei…“, habe ich anfangs nur sie Zählen gehört. Mittlerweile macht Papa es auch häufiger so – und du zählst mit. Du, die sonst fast gar nicht mehr sprichst, zählst bis elf. Wie wunderschön ist es, das zu hören! Und du gehst die Treppen dann meist tatsächlich in einem Rutsch, ohne Angst vor der letzten Stufe. Fazit: Kann man absolut weiterempfehlen.

Tipp 4: Vielleicht liegt deine Angst auch an praktischen Dingen. Ich habe gemerkt, dass das Geländer zum Keller etwas wackelig ist. Oben im Flur findest du den Handlauf nicht immer sofort. Macht dir das Angst, dass du vielleicht keinen Halt hast? Wenn ich neben dir stehe, achte ich mittlerweile darauf, dass deine rechte Hand das Geländer findet. Dann gehst du beherzter los, und wenn du schon mal zügig losgehst, gehst du mit weniger Stocken und Stehen. Fazit: Ist kein Garantie-Tipp, aber als Voraussetzung wichtig, dass du etwas zum Festhalten hast.

Tipp 5: Natürlich hat auch Iris Gorke einen Tipp für mich. „Vor die Person stellen, an den Händen halten und langsam mit ihr hinuntergehen“, sagt sie. So merke Mama nicht, dass es nach unten geht. Wenn ihr die Höhe Angst macht, dann würde sie dabei nicht merken, dass es nach unten geht. Außerdem hättest du ein vertrautes Gesicht, das dich anlächelt und dann geht es dir ja meistens besser. Das werde ich unbedingt ausprobieren!

Viel Nähe – wir sind da für dich

Ach, ich wünschte, du könntest einfach die Stufen hinunter eilen, so wie früher. Es tut mir weh, zu sehen, dass du Angst hat. Das fällt uns allen sehr schwer.

Wenn die Alzheimer-Krankheit mit so alltagspraktischen Problemen einhergeht, müssen wir vielleicht auch im Haus etwas ändern. „Ein Treppenlift könnte helfen“, hat dein Arzt gesagt. Ich fand das traurig und deprimierend. Denn jedes Hilfsmittel mehr, zeigt auch ein bisschen mehr, dass du Hilfe brauchst und meine kleine, geheime Illusion, dass du wieder gesund wirst, so was von Utopie ist.

Liebe Mama, wir wollen nicht, dass du Angst hast und dich unwohl fühlst. Keine Sorge, wir zählen weiter mit dir, nehmen dich in den Arm, halten deine Hand und würden einen Treppenlift einbauen und zur Not sogar das ganze Haus umbauen. Aber bitte, hab keine Angst mehr!

Deine Peggy

4 Gedanken zu „Liebe Mama, bitte hab keine Angst! Schon gar nicht vor Treppen…“

  1. Es klingt vielleicht komisch, aber ich habe schon ein paar mal Erfolg gehabt mit rückwärts runter…Griff ans Geländer und sich mit den Füssen „runter tasten“ hat besser funktioniert als den Abgrund vor sich sehen.

  2. Ich finde dein Tipp 3 toll. Das Zählen lenkt sich bestimmt ab. Wie du schreibst, geht ihr neben ihr mit ihr die Treppe runter. Wie wäre es, wenn ihr euch in ihrem Arm einhängt und sagt, jetzt bist du sicher und ich bin neben dir und ihr so Sicherheit geben würdet. Vielleicht kann sie sich dies soweit noch einprägen, dass sie beim Alleingang etwas weniger Angst hat. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Berühung beruhigt. Das kam mir spontan in den Sinn. Wer weiss :-). Good luck

    1. Ganz alleine geht sie sowieso fast gar nicht. Aber ja, dein Tipp klingt auch gut. Denn die Erfahrung habe ich auch gemacht: Berührung beruhigt Mama ungemein. Werde ich probieren! Thanks!

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