Was die Kinder fragen

Kinderfragen zu Alzheimer: „Warum geht die Oma immer um den Tisch herum?“

Meine Mama geht sehr viel. Schon seit dem relativ frühen Alzheimer-Stadium hat sie einen großen Bewegungsdrang. Mittlerweile dreht sie zigmal pro Tag ihre Runden um den Esstisch. Oder sie läuft im Flur auf und ab. „Warum macht die Oma das?“, wollen meine Kinder wissen. Tja, warum eigentlich?

Ich weiß nicht mehr, wann es anfing oder was wir damals dachten. Wenn ich heute bei meinen Eltern bin, gehört es längst dazu: Mama geht um den Esstisch herum. Sie dreht eine Runde, noch eine, noch eine. Manchmal biegt sie dann ab, geht in den Flur und geht dort auf und ab. Irgendwann geht sie ins Wohnzimmer und dann wieder um den Esstisch, und noch mal und noch mal.

Demenz: Gehen aus Langeweile?

Mittlerweile ist es schon so sehr Alltag, dass meine Mama immer mal wieder geht, dass es für mich gar nicht mehr sonderbar wirkt. Für meine Kinder ist es aber immer wieder merkwürdig. Denn sie erleben es sonst nicht, dass Erwachsene sozusagen im Kreis durch die Wohnung oder das Haus gehen, so ganz ohne Ziel. Während meine Dreijährige gerne mal durch das Haus flitzt, einfach, weil sie am Rennen oder Hüpfen Spaß hat, sind die Größeren da erwachsener. Gegangen wird, wenn man ein Ziel hat, also, wenn man irgendwohin gehen möchte oder etwas holen muss, aber nicht ziellos. Nicht zehnmal um den Tisch herum.

„Vielleicht ist der Oma langweilig?“, hat meine große Tochter mich neulich gefragt. Ich habe kurz gestutzt. Komischerweise habe ich noch nie darüber nachgedacht, dass meiner Mama langweilig sein könnte. Ich habe dieses Gehen immer als Unwohlsein verstanden. Ich weiß noch, dass ich anfangs häufig dachte, dass es ihr nicht gut geht oder ihr irgendetwas fehlt, wenn sie anfing zu gehen. Und wir haben ziemlich oft mal gesagt: „Komm doch zu uns und setz dich“.

Wir haben es ihr gesagt, weil wir wollten, dass sie bei uns ist und dass sie sich bei uns wohlfühlt, auch wenn sie mit ihrem Kopf vielleicht ganz woanders war und in Gedanken in ihrer kleinen Anders-Welt. Wir wollten sie gerne neben uns haben. Wir wollten sie dabei haben, denn trotz Alzheimer gehört sie doch zu uns.

Bewegungsdrang macht unruhig

Ich habe mich auch manchmal gefragt, ob ich oder wir irgendetwas Falsches gemacht oder gesagt haben. War dieses Gehen so etwas wie ein Abreagieren? Meine kleine Tochter möchte immer mal wieder mit ihrem Kopf durch die Wand. Das fordert mich sehr und um mich abzureagieren und nicht wütend zu werden, atme ich manchmal bewusst tief durch oder gehe kurz aus dem Raum, denn Erklären hilft dann oft nicht viel. War das Mamas Strategie? Schließlich kann sie sich auch nicht mehr so gut mitteilen, aber unschöne Gefühle und Gedanken gehen ja auch ihr durch den Kopf.

Aber nein, sie wirkte eigentlich nie so, als ob es ihr mit dem Umherwandern schlecht ging. Meist hat sie einen ganz entspannten Gesichtsausdruck. Auch heute geht sie Runde für Runde für sich, sie wirkt friedlich. Sie zeigt keine Anzeichen für Angst oder Verunsicherung. Menschen mit einer Weg- bzw. Hinlauftendenz wirken ja manchmal sehr angespannt, eilig und gehetzt oder desorientiert (Hier geht es zu einer sehr hilfreichen und informativen Übersicht des Wegweisers Demenz zum Thema Weglaufen, Hinlaufen, Verirren). Meine Mama geht einfach um den Tisch herum.

Aber das Gehen verursacht auch Unruhe und Nervosität – bei mir. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, meistens. Ich spüre immer wieder, wie unruhig Mamas Bewegungsdrang machen kann. Ich sitze am Tisch und möchte etwas schreiben. Das klappt kaum, ich kann mich schlecht konzentrieren, wenn jemand dauernd um mich herum geht. Oder abends: Wir schauen fern oder unterhalten uns – und Mama wandert umher. Eine Weile ist das okay, aber irgendwann sage ich, sagt mein Papa: „Ach, jetzt komm doch mal zu uns.“ Weil wir Mama bei uns haben wollen – und auch, weil es unruhig macht, wenn jemand stetig hin- und hergeht.

Neue ruhige Momente

Manche Patienten haben einen hohen Bewegungsdrang, aber es geht ihnen deshalb nicht schlecht“, erklärte mir Iris Gorke von der Alzheimer Gesellschaft München einmal im Angehörigen-Seminar. Wir sollten auf die Signale achten, auf Mamas Gestik und Mimik und wie es ihr geht, ob sie verängstigt oder verwirrt wirkt. Oder ob sie auf der Suche nach der Toilette ist. Der Orientierungssinn lässt bei Alzheimer-Patienten nach und irgendwann finden sie alleine nicht mehr dorthin.

Mama wirkt weder angstrengt, noch suchend oder verängstigt. „Ja, vielleicht ist ihr manchmal langweilig“, habe ich meiner Tochter gesagt. Meine Mama hat ihr Leben lang Sport gemacht. Sie war eine Läuferin, die Leichtathletik war ihr Leben. Vielleicht fehlt es ihr. Vielleicht ist ihr langweilig ohne das Laufen?

Ich habe meiner Tochter auch gesagt: „Ich weiß nicht genau, warum die Oma so viel geht.“ War das eine befriedigende Antwort? Vermutlich nicht. Aber es war die einzig richtige. Ich habe ihr erzählt, dass manche Menschen mit Alzheimer sich immerzu bewegen wollen – und die Oma ja irgendwie auch. Aber was sie dabei denkt, ob sie etwas sucht oder wie es ihr dabei geht, das kann ich ihr nicht sagen, denn die Oma ist in ihrer kleinen Anders-Welt.

Photo by Danielle MacInnes on Unsplash

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