Kinderbücher, Was die Kinder fragen

Kinderbücher über Alzheimer im Check: Nr. 4 „Mein Andersopa“

„Gibt es eigentlich auch Bücher mit vergesslichen Opis?“, wurde ich gefragt. Ja, klar, gibt es Kinderbücher, in denen der Opa Alzheimer hat. Es gibt sogar sehr schöne. Wie „Mein Andersopa“, das ich sehr gerne vorstelle und empfehle

Nele und ihr Opa

Ich habe bislang Bücher vorgestellt, in denen die Oma erkrankt war. Das war keine Absicht und mir nicht einmal bewusst, bis jemand fragte, ob es eigentlich auch Kinderbücher über vergessliche Opis gibt. Vielleicht war es einfach Zufall, dass ich Bücher über erkrankte Omas vorgestellt habe. Vielleicht war es aber auch ein Akt des Unterbewussten, denn auch bei uns ist ja meine Mutter betroffen, also die Oma.

Das Buch „Mein Andersopa“ (Hanser Verlag) habe ich in der Bücherei entdeckt, als meine Töchter nach neuen Büchern stöberten. Ich weiß nicht, ob sie es ausgeliehen hätten. Für sie hat das Thema Alzheimer immer auch etwas Schweres und Trauriges. Aber natürlich habe ich es ausgeliehen, weil ich es mit ihnen lesen wollte.

Nele hat einen Opa und einen Andersopa – Das kam so

In „Mein Andersopa“ erzählt Nele, sieben Jahre alt von ihrem Opa. Naja, eigentlich erzählt sie von ihren zwei Opas, von ihrem Opa und ihrem Andersopa. Sie berichtet davon, wie es kam, dass aus einer Person zwei Opas wurden. Früher, so erzählt sie in ihrem kindlich fröhlichen Ton, war der Opa ein feiner Herr, der immer ein weißes Hemd und Schlips trug. Er war immer freundlich und höflich und passte auf Nele auf, wenn ihre Mutter arbeitete oder sich mit Freunden traf. Er angelte gern und ging mit Nele und dem Hund spazieren.

Der Opa – und der Andersopa

Doch dann im vergangenen Jahr nach den Sommerferien traf Nele plötzlich diesen anderen Opa. Als sie und ihre Mutter aus dem Urlaub zurück waren, stand der Opa in einem dreckigen Hemd, mit Schlips auf dem Rücken und Bartstoppeln im Gesicht vor ihnen oder mal nur im Schlafanzug. Und auch bei den Spaziergängen in den Tagen danach war da immer häufiger dieser Andersopa, der der Nachbarin die Zunge zeigte oder in der Toilette angelte statt am Teich.

Plötzlich anders wegen der Demenz?

Meine siebenjährige Tochter fand es lustig, dass der Opa im Klo angelt. Ich fand es irgendwie krass. Und überhaupt, so eine schnelle Wandlung, in zwei Wochen vom feinen Opa zum verwirrten Andersopa – das ist doch unrealistisch! Und es macht doch auch Angst?

Komischerweise fanden meine Töchter das gar nicht erwähnenswert. An ihrer Oma sehen sie, dass die Alzheimer-Erkrankung nicht so schnell voranschreitet. Aber richtig zeitlich einordnen können sie es auch nicht. Meine Kinder sind seltener als ich bei meinen Eltern, sie sehen die Oma etwa alle zwei, drei Monate – und dann bemerken sie meist etwas Neues. Das ist für sie dann vielleicht ähnlich plötzlich, wie Nele es nach den Ferien bei ihrem Opa empfand.

Und sie sehen auch, dass die erkrankte Person manchmal komische Dinge macht. Dinge, die wir nicht machen würden, weil sie unserer Kultur und Erziehung widersprechen. Der Opa schmiert etwa Spinat an die Wand. Meine Mama macht das nicht. Aber am Essenstisch, wenn sie etwas nicht mag, spuckt sie schon mal etwas aus. Oder fängt sofort an zu löffeln, sobald das Essen vor ihr steht ohne darauf zu warten, dass alle sitzen. Sie nimmt sich auch nicht nur von ihrem Teller, sondern bedient sich manchmal auch von den Tellern der anderen. Das alles würde keiner in meiner Familie tun. Kein Wunder, dass meine großen Töchter manchmal irritiert schauen. Manchmal grinsen sie auch, so wie ich, weil sie es so schön frei finden, einfach zu sein, wie man sein möchte.

Nele und ihr Opa (und Andersopa)

Die kleine Nele besucht ihren Opa oft und erlebt mit, wie er gute Tage und schlechte Tage hat, so nennt sie es. „Jetzt passt Opa nicht mehr auf mich auf, sondern ich auf ihn“, sagt sie. Das finde ich viel von einem Kind verlangt. Wenn ich an meine Mama denke, so würde ich keinem meiner Mädchen die Verantwortung für ihre Oma übertragen wollen, auch nicht meiner Elfjährigen. Andererseits ist die Erkrankung des Andersopas lange nicht so weit fortgeschritten und Nele und er verbringen viele schöne Momente zusammen, beim Spazierengehen am See oder beim Mittagessen. Und die Vorstellung, helfen zu können, tut gerade Vorschul- und Grundschulkindern gut, denn es nimmt diese Hilflosigkeit.

Was mir aber auch gut gefallen hat: Dass Neles Mutter eine Rolle spielt im Buch. Sie ist nicht die starke Tochter, die alles wuppt und erklärt und macht. Sondern sie ist traurig, sie macht sich Sorgen und sie weint. Der Andersopa sitzt dann bei der traurigen Mama und streichelt sie. „Mama ist ja sein Kind“, erzählt Nele. Mit dieser Mutter kann ich mich so gut identifizieren, denn auch ich mache mir Sorgen, bin traurig und auch mir schießen Tränen in die Augen, wenn Mama weint.

Unser Fazit

Neles Mama nimmt sie sogar einmal mit zum Arzt und der erklärt Nele, dass der Opa nicht mehr so wird wie früher. „Kann man da gar nichts machen?“, fragt Nele. Der Arzt schüttelt den Kopf. Die Mutter sagt, es habe doch auch etwas Gutes: „Du hast eben zwei Opas: den von früher – und deinen Andersopa.“

Dieses Zitat berührt mich sehr. Denn der Alzheimer-kranke Opa ist nicht weniger Wert, er ist nicht vergesslich, schusselig, krank,… Er ist einfach anders. Und irgendwie tragen wir ja alle mehrere Seiten in uns, diese Erklärung macht dieses hilflose Gefühl gleich ein bisschen erträglicher – für Nele und ja auch für mich. Meine Töchter haben das Buch beide gern gelesen, und es wollte sich schon einen Platz in unserem Kinderbücher-Regal schaffen, so oft haben wir es verlängert. Aber nun steht es in der Bücherei – und ich hoffe, dass viele Mütter und Väter, Tanten und Onkel ihren Töchtern, Söhnen, Nichten und Neffen die Geschichte von Nele und ihrem Andersopa vorlesen – und so wie ich Mut und Zuversicht schöpfen und auch etwas Gutes im Leben mit Alzheimer finden können.

Buchinfo: Mein Andersopa. 2018. Rolf Barth, Daniela Bunge. Hanser Verlag.

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