Was die Kinder fragen

„Romys Salon“ – Dieser Film ist so wunderbar!

Ein Familienfilm über Alzheimer – das klang für mich immer eher nach pädagogisch langweilig oder absurd unrealistisch. Ja, ich bin da sehr skeptisch… Aber mit „Romys Salon“ ist der Regisseurin Mischa Kamp etwas Wunderbares gelungen. Ein sehr ehrlicher und sehr zärtlicher Film ist daraus geworden. Echt in all den Herausforderungen und Problemen, den Verwirrungen und Emotionen und auch in der Verbundenheit, die in der Familie entstehen kann. Ich durfte mir den Film bereits vorab anschauen. Ich bin so gerührt von der kleinen, starken, mutigen Romy. Was für ein schöner Film! Was für ein berührender Familienfilm über Alzheimer! Kinostart ist am 30. Januar

Anfangs sind die zehnjährige Romy und ihre Oma Stine alles andere als ein gutes Team. Weil Romys Mutter einen neuen Job annimmt und nachmittags keine andere Betreuung für ihre Tochter hat, fragt sie ihre Mutter, ob Romy nachmittags in ihrem Friseursalon sein könnte. „Ich?“, fragt die erstaunt.

Ja, und man fragt sich wirklich, warum Romy ihre Nachmittage dort verbringen soll. Ihre Oma hat weder Interesse an ihrer Enkelin, noch zeigt sie sich sonderlich nahbar. Und Romy hat auch gar keine Lust, die Nachmittage bei der Oma zu verbringen. Lieber spielt sie ewig Fußball in der Schule, bis sie als letztes Kind alleine mit dem Ball kickt und die Lehrerin sie nach Hause schickt. Sie geht zur Mutter ins Trucker-Bistro, doch die schickt sie weg. Der Vater hat auch keine Zeit. Also bleibt der Zehnjährigen nichts anderes übrig. „Jeden Tag musste ich in den Salon voller alter Menschen“, erzählt sie mit einem Seufzer als Erzählerin. Und man bekommt Mitleid mit dem Mädchen.

Erste Anzeichen von Alzheimer: Bei Romys Oma und meiner Mama

Doch nach und nach nähern sich Romy und ihre Oma Stine an. Nein, eigentlich nähert sich Stine ihrer Enkelin an. Grund ist die beginnende Alzheimer-Erkrankung, die da natürlich noch keinen Namen hat. Stine macht Fehler bei den Abrechnungen und sie verlegt Dinge. Es sind diese kleinen Zeichen, die auch ganz unbedeutend sein können. Als ich den Film gesehen habe, hatte ich viele „Ja, so ist es mit Alzheimer“-Momente. Denn auch meine Mama wirkte anfangs nach außen gesund, es ging ihr gut. Sie war ja erst 55 Jahre. Sie verlegte manchmal Sachen, das passiert ja jedem ab und an. Sie war so wie Romys Oma, eine selbstständige, selbstbewusste Frau – und an die Alzheimer-Erkrankung dachte niemand, obwohl sie natürlich schon da war.

Heute im Nachhinein weiß ich, dass die ersten Symptome lange vor der Diagnose da waren, aber wir sie nicht gesehen haben. Oder nicht sehen wollten. Oder nicht sehen konnten. Wer weiß… Romys Oma hat ihr Leben lang alleine ihren Friseursalon geführt, doch plötzlich hat sie Probleme Wechselgeld auszugeben. Sie kann keine Zahlen in die Kasse tippen, sie wird wirsch und unsicher. Aber sie versucht, es zu kaschieren. Nach außen ist sie die selbstbewusste Stine mit rot lackierten Fingernägeln, Hochsteckfrisur und schickem Kleid.

Meine Mama wirkte auch wie immer, eine selbstbewusste Lehrerin, mit einem großen Lächeln und liebevoll und freundlich wie immer. Obwohl es ihr im Kopf sicher schon nicht nur gut ging und sie sich verwirrt fühlte. Obwohl sie nicht verstand, warum sie plötzlich Probleme hatte, die Noten ihrer Schüler zusammenzurechnen, obwohl sie das doch ihr Leben lang gemacht hatte.

Alte Leute können überraschen – besonders Romys Oma

Romys Oma merkt schlagartig, dass etwas wirklich nicht stimmt, als Romy bei ihr übernachtet und sie spontan mit einem Freund eine Spritztour mit dessen Auto macht. Sie spielt es danach herunter, aber man merkt ihr sofort an, wie schrecklich sie es findet, dass sie Romy vergessen hat. „Ich weiß nicht, was plötzlich mit mir los ist. Mal fühlt es sich an, als wäre der Kopf voll. Dann ist er leer“, versucht sie sich zu erklären. Und die kleine Romy leidet mit der Oma mit.

Nach dieser Nacht ist alles anders: Romy darf nachmittags mit in den Salon, sie hilft der Oma immer mehr. Bei den Abrechnungen, bei der Terminvergabe, beim Waschen, Schneiden und Frisieren und beim Kaffeekochen sowieso. Aus der kleinen Romy, die zu Beginn auch ein bisschen einsam war, wird ein großes Mädchen. Und vor allem findet sie Liebe und Geborgenheit bei ihrer Oma.

Die Alzheimer-Erkrankung schreitet voran – und sie hat immer noch keinen Namen. Ich als Zuschauerin weiß natürlich genau, worum es geht. Aber Romy weiß das nicht. Selbst Stine weiß es nicht. Und falls sie es ahnt, dann will sie es nicht wahrhaben. Die beiden verbringen viel Zeit im Friseur-Salon, aber als Romy in der Couch der Oma Geld findet, geben sie es exzessiv aus. Überhaupt nicht übertrieben – und es war einfach nur schön, den beiden zuzusehen.

Hier geht’s zum Trailer.

So ein schöner Familienfilm

Ach, ich möchte gar nicht zu viel verraten über „Romys Salon“. Ich möchte euch nicht die ganze Geschichte verraten. Ich möchte euch den Film einfach nur empfehlen. Ich habe ihn zuerst ohne meine Töchter angeschaut, weil ich Angst hatte, dass er sehr traurig oder irgendwie doof sein könnte. Meine große Tochter war auch skeptisch, als ich fragte, ob sie mitschauen will. „Ist der Film traurig?“, hat sie gefragt. „Keine Ahnung, kann schon sein“, war meine Antwort. Denn ganz ehrlich: wie soll ein Film über Alzheimer denn nicht traurig machen? Vor allem, wenn man selber eine Alzheimer-kranke Oma hat? Meine Tochter wollte nicht mitschauen, aber sie wollte danach genau wissen, was in dem Film passiert. Sie fand es schön, von Romy und ihrer Oma zu hören. Und sie überlegt nun, wann wir den Film anschauen können. Wochen später haben wir den Film zusammen angeschaut, es war traurig und schön zugleich.

Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft empfiehlt „Romys Salon“ als „für Kinder ausgesprochen sehenswert“. Ja, ich glaube auch, dass er für Kinder sehr sehenswert ist, aber eher für ältere Kinder. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Tamara Bos. „Romys Salon“ ist natürlich auch traurig, weil Romy mit ihrer Alzheimer-kranken Oma unschöne Erfahrungen macht. Aber: Romy wächst daran.

Und wenn ich Romy so anschaue und meine Töchter so anschaue, dann merke ich, dass Kinder die Alzheimer-Erkrankung auch nicht nur schwer nehmen beziehungsweise häufig nicht so schwer wie wir Erwachsenen. Dass Kinder unbefangener mit Fehlern umgehen, dass sie nicht so viel grübeln und immer auch das Positive an der Oma sehen. Damit tue ich mich manchmal schwer, weil mein Kopf voller Sorge ist. Meine mittlere Tochter hat mir das neulich ganz deutlich gezeigt. Während ich besorgt war, dass meiner Mama alles zu viel war und ich grübelte und auf Abstand ging, sagte mein Kind: „Ich habe mit der Oma getanzt. Das war schön, weil sie gelacht hat.“ Kinder wissen oft halt doch sehr gut, was Alzheimer-Betroffene brauchen, ganz intuitiv. Wir sollten mehr auf sie hören! 💜

Infos zum Film:

Kinostart ist am 30. Januar 2020. Es gibt eine ganze Reihe an Vorstellungen mit Experten-Gesprächen. Infos und Termine verlinke ich euch hier auf der Seite von Romys Salon

Infos zum Buch: Romys Salon, Tamara Bos, Gerstenberg Verlag, 2018.
Hier geht’s zu einer Leseprobe.


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