Was ich meiner Mama sagen möchte

Liebe Mama, weine bitte nicht! Oder doch?

Meine Mama war schon immer sehr emotional. Seitdem die Alzheimer-Erkrankung fortschreitet, ist sie noch gefühlvoller – und weint häufiger. Das macht mich traurig, aber ich fange an, auch die guten Seiten daran zu entdecken

Liebe Mama,

weine doch bitte nicht!

Es macht mich taurig. Wenn ihr mich am Bahnhof abholt, ich aus dem Zug steige und wir uns sehen, fängst du an zu weinen. Ich umarme dich und deine Augen füllen sich immer mehr mit Tränen. Dann würde ich am liebsten ganz still stehen bleiben, in deinen Armen verharren und weinen wie ein kleines Mädchen. „Mama, meine Mama“ würde ich gerne jammern, so wie meine dreijährige Tochter das manchmal macht, wenn sie meine Nähe möchte.

Du weinst auch zu Hause, wenn traurige Musik läuft. Du versteht die Zeilen der Lieder nicht (oder nicht mehr richtig – wer weiß das schon genau?), aber die traurige Stimmung in der Musik spürst du sofort und sie geht dir sehr schnell ans Herz. Ich schalte dann oft um oder lege schnell eine andere CD ein. Denn ich möchte nicht, dass du weinen musst. Du sollst es doch gut haben und fröhlich sein. Du hast zwar Alzheimer, aber ich möchte, dass du glücklich bist und Tränen passen irgendwie nicht dazu.

Du spürst traurige Stimmung sofort

Dir kommen oft die Tränen, wenn alte Freundinnen dich besuchen und dir ein paar liebe Worte sagen. Du weinst, wenn wir, deine Kinder und Enkelinnen kommen und oft auch, wenn wir wieder gehen. Wenn ich mal mehrere Tage da bin und währenddessen mal kurz zum Einkaufen verschwinde, hast du so einen traurigen Blick – und die Tränen sind dann nicht mehr weit. Du wirst traurig, wenn wir dich umarmen und mit dir unsere tiefen Gedanken teilen und weinst, wenn es sehr nachdenklich und emotionale Worte sind. Wenn ich dir von meinen Sorgen erzähle. Ich bin mir nicht sicher, ob du verstehst, was ich dir sage, aber meine Stimmung, ja, die spürst du auf magische Art und Weise. Du bist sehr viel Gefühl.

Und wie das schon immer war, kommen mir auch oft die Tränen oder ich werde traurig, wenn du es bist. Ich weiß noch, wie wir damals, kurz bevor ich als 16-Jährige nach Amerika ging, einmal im Flur standen, uns umarmt haben und herzhaft geweint haben. Wir konnten einfach nicht aufgehören. Papa sagte irgendwann: „Jetzt ist aber mal Schluss!“ Die Tage bis zu meinem Abflug vergingen dann irgendwie. Ihr habt mich zum Flughafen gebracht, und ich habe mich nach der Sicherheitskontrolle nicht mehr umgedreht, aus Angst, dass mich Tränen an meinem großen Abenteuer hindern könnten. Denn du hattest sicher viele in deinen Augen.

Tränen sind deine Sprache

Aber ich merke, dass deine Tränen zwar sehr emotional, aber bei weitem nicht so negativ sind, wie ich sie anfangs immer gesehe habe. Und ich merke, dass ich mich nicht vor ihnen fürchten muss. Deine Tränen sind deine Art, dich auszudrücken. Denn mit der Sprache kannst du es nicht mehr, seitdem die Alzheimer-Erkrankung fortgeschritten ist. Ist es übertrieben, wenn ich sage, dass deine Tränen deine Sprache sind?

Du sagst mit diesen Tränen, wenn dich etwas traurig machst – und auch, wenn dich etwas berührt, dich etwas überrascht, du dich über etwas freust oder du dich uns nahe fühlst. Du sagst uns damit etwas – und das zu realisieren ist eine wunderschöne Erkenntnis. Denn viel zu oft sehe ich die Dinge negativ und bin traurig, weil ich (und ja wir alle) dich immer mehr verliere. Aber – und das ist das Gute: Wir können noch miteinander kommunizieren. Du kannst uns deine Gefühle zeigen. Wir erkennen, was dich bewegt, auch ohne die Sprache der Worte. Und in diesem Sinne hat es wohl auch etwas Sehr Schönes und Gutes, wenn du weinst.

Wir sollten die Tränen nicht verstecken

Und ich merke auch: Ich muss meine Tränen nicht verstecken. Nicht vor dir, nicht vor meinen Kindern, nicht vor irgendwem. Mir sind meine Tränen oft peinlich, denn sie kommen schnell und zeigen allen um mich herum, wie es mir geht, obwohl ich das oft gar nicht möchte. Aber dann wiederum, wäre es nicht für alle besser, ich würde sie offen und ehrlich zeigen und dazu stehen?

Wäre es nicht für uns alle besser, jede und jeder könnte seine Tränen zeigen? Sie stehen ja doch bei uns allen für Gefühl, Zweifel, Sorgen sowie Ängste – und natürlich auch für Freude und unfassbares Glück. Tränen sind ein Teil unser aller Sprache, sie sind ehrlich, sie sind ein wichtiger Teil unserer Gefühlswelt, ohne die wir einfach nicht die Persönlichkeiten wären, die wir nun einmal sind. Und daran ändert auch etwas wie eine Alzheimer-Erkrankung nichts.

In diesem Sinne: Danke für deine Tränen, meine liebe Mama!

Deine Peggy

In eigener Sache: Ich bin für den Goldenen Blogger nominiert – und freue mich total. Das ist eine große Ehre und zeigt, dass das Thema Alzheimer und Demenz wichtig ist. Das Online-Voting findet am 9. März live statt. Ich würde mich sehr freuen, wenn du für mich abstimmst – und damit hilfst, das Thema Alzheimer ein Stück mehr in die Öffentlichheit zu bringen.
Infos hier: Die Goldenen Blogger

Foto: Ryoji Iwata on Unsplash

2 Gedanken zu „Liebe Mama, weine bitte nicht! Oder doch?“

  1. Liebe Peggy, ich ziehe immer wieder meinen Hut vor Dir! Was Du leistest, leisten musst, auch an Selbstreflexion, das ist enorm! Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du dereinst das Positive, die Kraft, sehen kannst, die Du aus dieser so schweren Phase Deines Lebens gewonnen hast. Alles Gute für 2020 wünscht Dir Dorothee

    1. Liebe Dorothee, vielen lieben Dank für deine Wünsche und deine lieben Kommentare. Ich fühle mich gar nicht so besonders und oft leider auch gar nicht stark. Einfach nur traurig und hilflos.
      Ich wünsche dir auch alles Gute für das neue Jahr! LIebe Grüße!

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