Wie ich helfen kann

Alzheimer und Weihnachten

Weihnachten ist ein Fest der Gefühle und des Trubels. So ziemlich das Gegenteil von dem, was Alzheimer-Patienten brauchen. Wie kann es gelingen, eine gute Zeit zusammen zu verbringen?

Als ich klein war, habe ich mich immer auf Weihnachten gefreut. Nicht nur auf die Geschenke, nein auf das ganze Drumherum auch: auf das Plätzchenbacken, auf das Baumschmücken, auf das Dekorieren und auf das Anzünden unserer Pyramide. Sogar darauf, dass es Stress mit der Lichterkette gibt, die irgendwie immer verknotet war und immer viel zu kurz für den Weihnachtsbaum… In diesem Jahr ist mir nicht weihnachtlich zu Mute. Zu viele Gedanken, zu viele Dinge zu tun. Ich habe viele Plätzchen gebacken, um ein wenig in Weihnachtsstimmung zu kommen. Nun ja…

Heiligabend werde ich nicht bei meiner Mama sein, sondern erst danach – und ich frage mich natürlich, wie es ein schönes Fest werden kann, mit all den Herausforderungen, die die Alzheimer-Krankheit mit sich bringt und dem Trubel, den drei Kinder mit sich bringen – selbst, wenn sie die bravsten auf dieser Welt sind 🙂

Mein Wunsch: Backen wie früher

Und wie kann ich ein Weihnachten mit meiner kranken Mama genießen, ohne immer an früher zu denken? Meine Mama hatte früher alles im Griff. Sie hat so viel dekoriert im Haus und Plätzchen gebacken ohne Ende. Vor einigen Wochen, noch im November, war ich bei meinen Eltern und habe Plätzchen gebacken. Ich wollte für meine Eltern backen, aber vor allem habe ich gehofft, dass sich meine Mama dafür interessiert und vielleicht irgendetwas mitmachen kann. Den Teig verrühren oder so. Meine jüngste Tochter ist drei und kann schon viel mithelfen. Und manchmal tendiere ich dazu, die beiden zu vergleichen.

Ich habe also Mamas Backbuch geholt, in dem sie fein säuberlich mit der Hand ihre Rezepte aufgeschrieben und nummeriert hat. Aber sie hat es alles gar nicht gemerkt. Weder, dass ich ihre Schürze umgebunden hatte, noch dass ich ihren Plätzchen-Klassiker zusammengemischt habe. Selbst das Ausstechen und mit Streuseln verzieren war ihr egal. Mama hat ihre Runden um den Tisch im Esszimmer gedreht und sich irgendwann in ihren Lieblingssessel gesetzt.

Es ist wie es ist – vielleicht ist etwas Positives dabei

Ich war erst traurig, denn ich hätte zumindest ein klein wenig gerne die Mama von früher mal wieder gesehen. Aber dann dachte ich daran, dass die Alzheimer-Krankheit andere Zeiten mit sich bringt und ich mich von meinen Erwartungen und Hoffnungen lösen muss. ‚Gibt es auch etwas Gutes?‘, habe ich mich gefragt und wollte sofort alles blöd finden. Aber dann habe ich gemerkt, dass es mindestens drei sehr gute Sachen dabei gab:

  1. Meine Mama ist da. Sie hat sich vielleicht nicht für Plätzchen und Backen interessiert. Aber sie ist noch immer da. Ich kann sie umarmen und sie anlächeln.
  2. Meine Eltern haben Plätzchen – und zwar keine gekauften, sondern die, die sie schon immer mochten.
  3. Mein Papa und ich haben gebacken. Das war das erste Mal, glaube ich. Früher war Backen Mamas Ding. Mein Papa hat sich nicht interessiert – und nie hatten wir die Gelegenheit, zu zweit zu backen. Das konnten wir nun.
Die ersten Vater-Tochter-Plätzchen

Plätzchen sind nur ein ganz kleines Bisschen Weihnachten, aber worum es mir geht (und was mir auch oft schwer fällt). Ich glaube, Weihnachten wird dann entspannt für Alzheimer-Betroffene und ihre Angehörigen, wenn man die Realität so nimmt wie sie ist. Und vielleicht findet man ja eine positive Sache dabei. Vielleicht sogar zwei. Ich werde mich bemühen.

Praktische Tipps von einer Demenz-Expertin

Voller Gedanken an dieses kommende Fest bin ich vor ein paar Tagen auf dem Instagram-Account von Diana Stelzer auf eine tolle Checkliste gestoßen. Diana Stelzer arbeitet seit Jahren in der Pflege und betreut Demenzpatienten. Auf Facebook und Instagram gibt sie viele Tipps zu Alltags-Problemen in der Betreuung von Alzheimer-Angehörigen. Von ihrer 50-Punkte-Liste zur Vorbereitung auf Weihnachten (und andere Feste) möchte ich euch diese praktischen Tipps unbedingt mitgeben:

  • farbloses oder einfarbiges Geschirr verwenden, damit die Speisen erkannt werden
  • nicht so viel Deko auf den Tisch bringen, denn das verwirrt noch mehr
  • Servietten ohne Motive verwenden
  • nur Besteck hinlegen, das noch verwendet werden kann. Also, kein Messer hinlegen, wenn sie damit nicht mehr essen können. Das lenkt sonst nur ab
  • Gläser, Tassen etc. der Motorik anpassen
  • nur zwei Speisen zur Auswahl stellen, nicht den ganzen Tisch mit Speisen vollstellen. Das verunsichert
  • notfalls pürieren oder klein schneiden

Sie hat auch darauf hingewiesen, dass es vielleicht besser ist, sich als Familie aufzuteilen, damit keine Überforderung stattfindet. Dass nicht die ganze Großfamilie an einem Tag kommt. Und in der Tat, das merke ich auch bei meiner Mama. Zu viele Menschen, zu viel Trubel macht sie unruhig, manchmal auch traurig oder mürrisch. Da können meine drei Töchter die liebsten auf der Welt sein, wenn sie zu laut werden, fühlt sich meine Mama unwohl.

Es macht mich traurig, dass auch dieses Weihnachten kein Bilderbuch Großeltern-Enkel-Weihnachten wird. Aber es ist nun mal wie es ist – und ich werde versuchen, uns Freiraum zu nehmen, damit die Oma auch mal zwischendrin durchatmen kann und ich werde versuchen, mich von diesem Wunschbild zu verabschieden, das ich immer noch in meinem Kopf habe, aber das mit der Realität nichts gemein hat. Und vielleicht, ja vielleicht, finde ich eine positive Sache.

Habt ein schönes Weihnachten!

4 Gedanken zu „Alzheimer und Weihnachten“

  1. „und ich werde versuchen, mich von diesem Wunschbild zu verabschieden, das ich immer noch in meinem Kopf habe, aber das mit der Realität nichts gemein hat. Und vielleicht, ja vielleicht, finde ich eine positive Sache.“ – das wünsche ich dir!

    Liebe Grüße, Christel 🎄

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