Was die Kinder fragen

Kinderbücher im Check Nr. 3: „Lilli und ihre vergessliche Oma“

Klein und praktisch, dieses Büchlein kann immer mit. Bei meinen Kindern kam es super an, auch weil es konkrete Anregungen enthält, was der Oma mit Alzheimer im Alltag helfen könnte

Ich liebe Pixi-Bücher – und meine Kinder auch. Meine große Tochter behauptet zwar gerne, sie sei zu alt dafür, aber dann liest sie doch wieder interessiert in einem. Nun ja, die Conni-Bücher haben bei ihr längst ausgedient, aber „Lilli und ihre vergessliche Oma“ hat sie sich ganz freiwillig durchgelesen. Auch meine Siebenjährige hat das Buch sofort gelesen, nachdem sie es aus der Post geholt und ausgepackt hatte. „Ja, das musst du als nächstes Kinderbuch vorstellen“, war ihr Rat.

So ein schwieriges Thema in so einem Mini-Format?

Ich war etwas skeptisch, ob ein Pixi-Büchlein das richtige Format für ein, nun ja, eher schwieriges Thema ist. Aber dann dachte ich auch: ‚Es muss ja gar nicht schwierig sein. Vielleicht machen wir Erwachsenen das Thema Alzheimer schwieriger als es eigentlich ist.‘ Ich war sehr neugierig auf das Büchlein. Ich hatte es durch Zufall bei der Recherche nach spannenden Kinderbüchern über Alzheimer gefunden. Es ist eine Sonderausgabe vom Bundesfamilienministerium und das Beste: man kann es gratis bestellen. (Mehr Infos dazu am Ende des Posts)

In „Lilli und ihre vergessliche Oma“ geht es um Lilli. Sie ist ein Vorschulkind und erzählt davon, wie es ist, seitdem ihre Oma bei ihnen eingezogen ist. „Meine Oma kann nicht mehr alleine wohnen, weil sie krank geworden ist. Die Krankheit heißt Demenz.“ In diesem Stil erzählt Lilli. Beim ersten Lesen fand ich etwas langweilig. Aber ich habe es natürlich mit meinem Erwachsenen-Blick gelesen.

Für meine Töchter war das Buch gar nicht langweilig. Und diese klare Sprache fanden sie gut. Vielleicht tut es Kindern einfach gut, wenn die Dinge direkt und deutlich gesagt werden? Gerade bei vermeintlich schwierigen Themen, wie eben auch Alzheimer tendieren Erwachsene ja gerne dazu, verniedlichend oder abstrakt und im großen Bogen zu erklären. Und am Ende weiß das Kind überhaupt nicht, was der Erwachsene eigentlich sagen wollte. Eine klare Sprache, so lautet ja auch der Kommunikationsrat von Pädagogen.

Kleine Tipps für den Familien-Alltag mit Alzheimer

Lilli erzählt also von der Oma und dass sie mit ihr Pfannkuchen backt, Geschichten liest und lustige Frisuren macht. Die einzelnen Szenen sind wunderschön illustriert, mit einer sehr sympathischen Oma und einer mindestens ebenso sympathischen Lilli, die gerne einmal Zirkusartistin werden möchte.

Lillis Oma ist sehr kreativ, und Lilli und ihre Oma spielen viel zusammen. Das macht mich ja schnell neidisch. Da spricht meine persönliche Enttäuschung, mein eigener Neid, dass meine Mama wegen der fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung schon lange nicht mehr die Oma sein kann, die sie sein könnte, wäre sie gesund. Was würde ich dafür geben, wenn meine Mama einmal so mit meinen Töchtern spielen könnte…

All diese Gedanken und Gefühle haben nichts mit dem Buch zu tun, aber sie sind eben in mir drinnen. Aber dann wiederum spielen Kinderbücher ja meist in einer heilen Welt – und für kleine Kinder ist das auch gut so. Die kleine Lilli hat viel Freude und Spaß mit ihrer Oma – und es ist genau das, was ich jedem Kind wünsche. Meinen Töchtern ja auch. Lilli und ihre Oma haben zusammen tolle Momente, trotz Alzheimer. Sie sind einander nah, obwohl diese Krankheit immer mit dabei ist. Aber: und das finde ich schön, dieses kleine Büchlein traut sich auch, die nicht so schönen Seiten zu zeigen. Alzheimer ist eben keine heile Welt – und es wäre auch unfair, Kindern das einzureden. Lilli ist es zum Beispiel schrecklich peinlich, als ihr Freund zu Besuch ist und er mitbekommt, dass die Oma nicht mehr weiß, wie sie die Schuhe zubinden soll. Lilli fühlt sich auch manchmal komisch, wenn die Oma weint oder wütend ist. Sie versteht das nicht. Ich glaube, genauso geht es meinen Kindern auch manches Mal, wenn sie ihre Oma erleben: Scham und Unverständnis sind eben auch dabei, manchmal auch eine gewisse Abneigung.

Ganz besonders toll fanden meine Töchter diese Seite. Es geht darum, dass eine Demenzbegleiterin der Familie hilft. Sie hat ihnen zum Beispiel den Tipp gegeben, Schilder mit Bildern an den Zimmertüren und an den Schränken aufzuhängen, damit sich die Oma besser zurechtfindet. „Das ist ein guter Tipp“, sagte meine mittlere Tochter. Ich glaube, ihr gefällt es, weil die Familie konkret helfen kann. Ja, sogar die kleine Lilli macht mit und bringt Schilder an. Alzheimer ist ja eine Krankheit, bei der man viel akzeptieren muss. Man muss akzeptieren, dass die Oma vergisst, dass sie traurig oder auch wütend ist und dass es nicht besser wird. Wie schön ist es dann, aktiv helfen zu können.

Ich finde es toll, dass Kinder mit einbezogen werden und nicht nur stumme Beobachter sind. Dass man ihnen zutraut, helfen zu können und es ihnen auch erlaubt. Ich glaube, das ist der beste Weg, wie Kinder gut mit der Alzheimer-Erkrankung von Oma oder Opa umgehen lernen. Dadurch, dass ich weit weg von meinen Eltern wohne und die Kinder nicht so oft da sind, begegnen sie meiner Mama anfangs immer mit großer Vorsicht. Aber auch sie helfen gerne.

Unser Fazit

Ich finde „Lilli und ihre vergessliche Oma“ toll. Man kann es immer mitnehmen, mal zwischendrin lesen und so immer wieder ins Gespräch kommen. Meinen Töchtern hat es sehr gut gefallen, denn diese Lilli ist auch eine Sympathieträgerin, ein emotionales, lustiges, hilfsbereites Mädchen. Früher hat ihr die Oma vorgelesen, aber weil sie das nicht mehr kann, nimmt sie es nun selber in die Hand: mit dem Vorlesebuch setzt sie sich neben die Oma und tut so, als würde sie lesen – und die Oma hat Spaß und Lilli wird groß, auch dank der Alzheimer-Erkrankung.

Buchinfo: Lilli und ihre vergessliche Oma. 2015. Rika Papp. Carlsen Verlag, Sonderausgabe für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit Unterstützung der Lokalen
Allianzen für Menschen mit Demenz
und dem WegweiserDemenz veröffentlicht. Das Buch
kann telefonisch unter 030 – 288 837 830 oder per E-Mail unter
service-lokale-allianzen@neueshandeln.de bestellt werden.

3 Gedanken zu „Kinderbücher im Check Nr. 3: „Lilli und ihre vergessliche Oma““

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