Wie kann ich helfen?

Die Macht des Lächelns

Die Alzheimer-Erkrankung hat viel verändert im Leben meiner Mama. Sie hat auch ein besonders feines Gespür für Gefühle und Stimmungen mit sich gebracht. Wenn man das bedenkt, klappt es mit einigen Dingen besser

Ich sollte immer lächeln, alles andere wäre verschenkt. Das hat mir mal jemand gesagt. Und eigentlich lächle und lache ich gern. Als ich in den USA gelebt habe, hat man mir sehr oft gesagt : „I love your smile.“ Aber mir fällt es momentan oft schwer. Ich mache mir viele Gedanken und Sorgen. Und auch vor Freude kommen oft Tränen. Vor ein paar Tagen war ich bei meinen Eltern. Ich habe mich so auf meine Mama gefreut, die ich schon seit x Wochen nicht mehr gesehen hatte. Und dann hielt mein Zug am Bahnhof, ich hatte meine Eltern entdeckt, noch bevor ich aussteigen konnte. Ich eilte zu ihnen. Mama lächelte mich an, ich lächelte sie. Als wir Arm in Arm dastanden, kamen nur noch Tränen, erst bei mir, dann bei ihr.

Alzheimer-Erkrankte haben ein feines Gespür für Gefühle

Meine Mama war schon immer sehr emotional. Wenn sie gerührt war oder traurig oder glücklich, kullerten oft die Tränen (mir geht es häufig nicht anders…) Aber nun im weiteren Verlauf der Alzheimer-Erkrankung ist es so, dass Mama vor allem aus Gefühl besteht. Sie hat ein wahnsinnig feines Gespür für Stimmungen und Emotionen. Das klingt so wunderschön und ist es auch, aber im Alltag wird es so manches Mal auch zur Herausforderung.

Vor einer Weile war ein Pflegeberater bei meinen Eltern. Mein Bruder war extra angereist, ich war extra angereist, wir wollten bei der Besprechung dabei sein und meine Mama und meinen Papa unterstützen. Aber: wir waren auch sehr nervös. Und meine Mama wurde zusehends nervöser. Man sieht es ihr an, ihr Mund ist dann angespannt. Das ganze Gesicht spiegelte den Stress, den wir uns machten und damit auch ihr. Als der Mann dann da war, am Tisch saß, nett lächelte und geduldig erklärte, wurde es besser, bei uns und bei Mama.

Herausfordernde Situationen machen nervös

Nervosität ist ganz typisch. Gerade im Alltag, und wenn etwas nicht so klappt, wie es sollte. Oder weil man Angst hat. Das Baden ist bei uns so eine Situation. Meine Mama hat früher liebend gern gebadet. Sie liebt es immer noch, aber sie versteht es nicht mehr, sich aufzusetzen und aus der Wanne auszusteigen. Das ist eine Situation, die wahnsinnig fordert. „Wie bekomme ich dich aus der Wanne?“, habe ich da gedacht und Papa hat es schon viel häufiger hilflos gemacht.

Wie kann man so eine Situation meistern, wenn alle Erklärungen nicht mehr weiterhelfen? Wenn Mama nicht versteht, dass sie ihr linkes Bein heben muss, um aus der Wanne zu steigen, und später das rechte? Kann doch nicht so schwer sein, denkt man. „Das Bein hier“ sagen und ein leichtes Berühren des Beins hilft manchmal. Kann aber auch sein, dass es trotzdem nicht klappt. Und dann? Dann wird man vielleicht nervös und ängstlich und angespannt – und die Situation geht trotzdem nicht vorwärts.

Wie putzt man die Zähne, wenn Mama den Mund nicht aufmachen will? „Mach mal den Mund auf!“, hilft da nicht weiter. „Jetzt mach doch mal“, hilft noch viel weniger. Mehr reden bringt nur noch weniger.

Die Worte kommen nicht mehr an…

Es ist ein bisschen, wie wenn sich meine Dreijährige auf stur stellt und nicht in den Fahrradanhänger einsteigen möchte, weil sie lieber weiter auf dem Spielplatz schaukeln möchte. Wenn mein Druck groß ist, weil wir bereits zu spät dran sind und die große Schwester möglicherweise schon vor der Schule steht und wartet, dann macht mich das sehr nervös. Das Herz schlägt bis zum Hals und manchmal schnürt es mir die Kehle zu und drückt auf die Ohren. Aber meinem Kind ist das egal. Es steigt nicht ein.

Meine Mama und meine Tochter haben eines gemein: Sie können gar nicht tun, was ich von ihnen verlange. Meine Mama kann meinen Anweisungen nicht folgen, weil sie sie nicht versteht. Sie ist in einer anderen Welt und meine Erklärungen mögen ganz simpel sein, aber sie kommen nicht bei ihr an. Ich stelle es mir so vor, dass sie in einem dichten grauen Nebel steht. Die Worte wabern zu ihr, aber sie kommen nur vereinzelt an und ergeben keinen Sinn.

Und meine Tochter hört meine Worte vielleicht, aber sie versteht die Bedeutung des Gesagten noch nicht so wie ich es gerne hätte. Das hängt mit dem Perspektivenwechsel zusammen. Entwicklungspsychologen haben herausgefunden, dass Kinder erst ab vier Jahren in der Lage sind, Perspektiven wechseln zu können und auch dann reift diese Sozialkompetenz erst noch aus. Wenn ich also sage: „Wir müssen jetzt fahren, wir müssen jetzt deine Schwester abholen“, dann versteht meine Kleine nicht, dass die Schwester wartet und sonst traurig ist, sondern hört vor allem, dass sie selber nicht mehr auf dem Spielplatz spielen darf.

…aber der Ton und ein Lächeln schon

Was meine Mama und meine Tochter aber gemeinsam haben: Sie erkennen, wenn ich in der jeweiligen Situation nervös, genervt, sauer oder wütend werde. Sie nehmen die Stimmung wahr. Sie verstehen meine Worte und deren Bedeutung vielleicht nicht, aber sie spüren meine Sprachmelodie, sie sehen in meine Augen und meinen Mund. Und dieses Negative führt auch bei ihnen zu Nervosität, Wut oder Angst. Wenn ich nervös werde, weil Mama nicht aus der Wanne steigt, wird sie nervös. Wenn ich sauer werde, weil meine kleine Tochter nicht einsteigt und wir nicht losfahren können, wird sie auch sauer.

Was in beiden Situationen hilft (neben viel Zeit): ein freundlicher Ton und ein Lächeln. Das indische Sprichwort: „Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück“ hat eine große Wahrheit in diesem Fall. Wenn ich meine Mama an der Hand halte, sie anlächle und dann sanft ihr Bein berühre, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass sie es über den Badewannenrand hebt. Wenn ich ihre Hand halte, sie anlächle, dann hat sie bislang immer den Mund aufgemacht zum Zähneputzen. Wenn ich meine kleine Tochter anlächle und sie auf den Arm nehme, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass sie einlenkt und wir endlich losfahren können.

Der Unterschied ist: Meine kleine Tochter kann ich auch überreden und mir Erklärungen ausdenken, die sie schon nachvollziehen kann. Für meine Mama funktioniert dies nicht. Erklärungen versteht sie nicht, nur meine Gefühle, egal ob nun über den Ton oder die Mimik, kommen bei ihr an. „Wir werden nie wissen, wie viel Gutes ein einfaches Lächeln vollbringen kann“, hat Mutter Theresa gesagt. In diesem Sinne: Ein einfaches Lächeln ist das Beste überhaupt für meine Mama. Es macht sie fröhlich und nimmt ihr die Angst.

Meiner Tochter tut das Lächeln gut – und wenn ich ehrlich bin: mir auch.

2 Gedanken zu „Die Macht des Lächelns“

  1. Wenn ich deine Beiträge lese, fühle ich mich jedesmal vier oder fünf Jahre zurückversetzt, heute ins Badezimmer meiner Eltern, wenn ich meine Mama fürs Bett fertiggebracht habe. Zähne putzen, waschen, ausziehen, das konnte auch schonmal zwei Stunden dauern, je nachdem, wie wir beide drauf waren (ich nach der Arbeit, sie nach einem langen Tag mit meinem Vater). Trotzdem war es im Nachhinein eine sehr innige Zeit, und oft haben. Sich Dritte über unser Lachen gewundert. Es war unsere Art, zueinander zu finden, jenseits aller Sprache, von Herz zu Herz. Du beschreibst das sehr schön!
    Lieber Gruß,
    Hummel

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