Mutter-Tochter-Gespräche

Liebe Mama, vermisst du das Laufen?

Als ich heute früh im Schlosspark joggen war, musste ich viel an dich denken. Du hast in deinem Leben immer Sport gemacht und warst aktiv – und nun geht all das nicht mehr. Wie geht es dir damit?

Hier laufe ich am liebsten…

Liebe Mama,

vermisst du das Laufen?

Als ich heute früh im Schlosspark joggen war, musste ich viel an dich denken. Ich habe mich vor ein paar Wochen an beiden Knien verletzt und konnte seitdem nicht laufen. Anfangs konnte ich nicht mal gehen. Ich bin tagelang gehumpelt und hatte jedes Mal Schmerzen, wenn ich nur ein paar Schritte gegangen war. Am allermeisten genervt hat mich, dass ich nicht joggen konnte. Es hat mir so sehr gefehlt. Denn wenn ich im Park oder wo auch immer laufe, bin ich einfach mal nur bei mir. Es ist für mich ein bisschen wie Meditation. Ich kann gut abschalten und in mich gehen, aber auch gut nachdenken und kreativ sein. Und ich genieße das Joggen, weil ich dann in der Natur bin. Ich liebe den Geruch der Bäume, egal ob im Frühling oder jetzt im Herbst. Ich mag die Sonnenstrahlen am Morgen und auch ein Nieselregen finde ich herrlich. Laufen ist für mich mehr als nur Sport.

Und wie ich heute früh mit meinem Grinsen auf dem Gesicht joggte – weil ich endlich wieder ohne Schmerzen laufen kann – habe ich mich gefragt, wie es dir wohl geht und ob du das Laufen und überhaupt den Sport vermisst. Du warst Sportlehrerin, aber der Sport war für dich viel mehr als ein Beruf. Hat die Alzheimer-Erkrankung das Gefühl zerstört, dass man beim Laufen hat? Oder ist es noch in dir drinnen? Sehnst du dich danach?

Laufen war dein Leben

Du hast als Achtjährige angefangen, Leichtathletik zu machen, weil es ein Lehrer empfohlen hat (du seist etwas zu dick gewesen, hieß es, was ich nicht glauben kann, denn ich kenne Fotos von dir als Kind und du warst nie dick, nicht mal ansatzweise…) Also, bist du ins Stadion gegangen als Mädchen, und die Leichtathletik wurde dein Leben. In deiner Trainingsgruppe fandest du nicht nur gute Freundinnen und Freunde, sondern auch die Liebe deines Lebens. Du warst eine erfolgreiche Läuferin. Du wolltest Sportärztin werden. Das ging nicht, deshalb wurdest du Sportlehrerin – und ich weiß, du warst es sehr gern. So gern, dass du nachmittags mit deinen Kolleginnen trainiert hast.

Als Kind habe ich dir oft nachgeeifert. Ich war auch Leichtathletin. Ich habe in dem gleichen Stadion trainiert wie du, bin dieselbe Aschenbahn dreimal pro Woche gelaufen. Ich war ganz gut, aber ich war nie so gut wie du. Irgendwann hattest du mir dein Wettkampf-Heftchen aus deiner Kindheit geschenkt. In dieses hattest du fein säuberlich mit Füller jeden Wettkampf festgehalten: deine Zeiten, wenn du mal wieder eine persönliche Bestzeit gelaufen warst, einen Rekord aufgestellt oder den ersten Platz belegt hattest (was sehr häufig war). Ich war auch öfter mal Erste beim Laufen, aber so schnell wie du war ich nie. Du warst mein Vorbild. Der Sport war auch mein Leben, auch ich habe mich dort verliebt, auch ich hatte dort wunderbare Freundinnen. Aber dann verlor ich ihn irgendwie.

Du durftest die Fackel ins Stadion tragen,
denn du warst die beste Leichtathletin damals

Wir zwei bei einem Halbmarathon

Nach meinem Studium habe ich wieder angefangen, regelmäßig zu laufen. Zuerst weil es die einfachste Möglichkeit war, nach der Arbeit Sport zu machen. Unkompliziert und unabhängig von irgendwelchen Terminen oder Öffnungszeiten. Aber schon nach drei, vier Mal laufen, merkte ich, wie gut es mir tat, körperlich und auch für meine Psyche. Wenn ich dich und Papa besucht habe, waren wir manchmal zusammen laufen so ein bisschen wie früher als ich noch zu Hause gewohnt habe. Irgendwann habe ich dir vorgeschlagen, dass wir zwei bei einem Halbmarathon mitlaufen könnten. Das erschien etwas verrückt, ich war bei weitem nicht fit genug dafür, aber du warst sofort an meiner Seite und begeistert. Jede trainierte für sich. Ich lief in meiner Stadt, du in deinem Dorf, und wir freuten uns auf den gemeinsamen Lauf.

Und dann war der große Wettkampftag da – und was soll ich sagen: Es war sehr anstrengend – und schön. Du und ich, wir sind die 21 Kilometer gelaufen, nebeneinander als Team, obwohl wir doch gar nicht viel gemeinsames Training hatten. Du hast mir geholfen, durchzuhalten und warst mir nicht böse, als ich dir auf der Zielgeraden davon gespurtet bin, um zwei Sekunden schneller zu sein. Wir haben es in unter zwei Stunden geschafft.

Es war toll – und ich trage das Shirt von dem Lauf heute noch manchmal zum Joggen. Nicht, weil es so ein tolles Laufshirt wäre, sondern weil ich an dich denke und es ist dann ein bisschen, als würde ich dich mit auf meine Laufrunde nehmen.

Gut gelaunt, Mutter und Tochter, beim Laufen – wobei sonst? Halbmarathon, 3. Oktober 2005.

Joggen mit Alzheimer

Wegen meiner Kinder musste ich in den vergangenen Jahren immer mal wieder pausieren vom Laufen. In den ersten Wochen der Schwangerschaften war ich noch joggen, aber irgendwann wurde es beschwerlich und nach der Geburt soll man ja einige Zeit warten bis man wieder joggt. Ich habe immer wieder angefangen, und ab und an sind wir zusammen gelaufen. Nach unserem Halbmarathon-Debüt hattest du wieder richtig durchgestartet. Während ich schwanger war oder mein Baby getragen habe, hast du Du an Wettkämpfen teilgenommen. Wie früher in deiner Jugend hast du Pokale gewonnen und erste Plätze belegt. Wenn wir mal zusammen joggen waren, musste ich mich anstrengen, mit dir mitzuhalten. Aber du warst natürlich viel zu sehr meine liebe Mama, als dass du mir davon gelaufen wärest. Du hast immer Rücksicht genommen.

Wir haben früher nie darüber gesprochen, was uns das Laufen bedeutet. Es hat einfach zu uns gehört, zu unserer Familie und zu dir und mir besonders. In den ersten Jahren nach der Alzheimer-Diagnose warst du weiter aktiv. Damals habe ich nicht viel darüber nachgedacht, es war einfach normal, dass du auf dem Bahndamm läufst und an Stundenläufen teilnimmst. Aber du hast damit etwas sehr Wichtiges getan: Du hast dich weiter fit gehalten. Papa hat dir immer zur Seite gestanden und dich unterstützt. Du bist weiter bei kleinen Wettkämpfen gestartet. Und du hast dich um deine Leistung gesorgt wie damals als Schülerin: „Meine Zeit hat sich weiter verbessert“, hast du mir geschrieben. Rückblickend bin ich so stolz auf dich, denn du hast dich von der Alzheimer-Diagnose nicht unterkriegen lassen. Du hast das gemacht, was du wolltest. Und wahrscheinlich hast du es auch getan, weil es dir geholfen hat. Weil das Laufen für dich zum Leben dazugehört hat? Ich wünschte, ich hätte dir mal gesagt, wie toll ich das finde. Das habe ich leider nie.

Spazierengehen und in der Natur sein – das ist gut für dich (und mich)

Mit der Zeit wurden unsere gemeinsamen Laufstrecken kürzer. Bei dem letzten Mal war meine jüngste Tochter noch ein Baby, und ich war froh über die halbe Stunde Auszeit vom Muttersein. „Ihr geht laufen?“, fragte Papa erstaunt. Ich tat so, als sei es das normalste auf der Welt, was es ja irgendwie auch immer gewesen war in meiner Läufer-Familie. Aber es war nicht mehr normal. Denn du bist nicht mehr Laufen gegangen. Als Papa nicht mehr rennen konnte, hat er dich mit dem Fahrrad begleitet. Aber auch das habt ihr nun nicht mehr gemacht. Das Laufen war für dich zu anstrengend geworden. Papa sagte, du willst nicht mehr. Aber du wolltest immer noch aktiv und in Bewegung sein. Deshalb habt ihr jeden Tag sehr lange Spaziergänge oder kleine Wanderungen gemacht.

Ich wollte es trotzdem noch mal wissen und schlug vor, dass wir joggen. Ich musste dich nicht überreden, du hast mich sehr gerne begleitet. Ich glaube, dir hat unser Mutter-Tochter-Hobby auch so gefallen wie mir. Aber dir fiel das Rennen schwer. Du hast laut geschnauft und dein Gesicht verzogen. Ein gewisses Tempo ist mir beim Laufen normalerweise wichtig, sogar wenn meine Kinder mich mal mit dem Rad begleiten. Aber schon nach ein paar Metern ging es mir bei unserem Lauf nicht mehr um die Zeit. Es war klar, dass die keine Rolle mehr spielt – und es um etwas ganz Anderes geht. Wir sind im Schneckentempo gerannt und nach gerade einmal anderthalb Kilometern haben wir aufgehört. Du hast so heftig geatmet, dass ich schlichtweg Angst hatte, dich zu überfordern. Wir sind gegangen. Welche Schmach eigentlich für zwei so leidenschaftliche Läuferinnen… Aber es war schön und hat sich so gut angefühlt, auch ohne Runners` High.

Seit einer ganzen Weile laufe ich regelmäßig. Und ja, ich denke auch immer an meine Laufzeiten und möchte mich verbessern. Aber in Momenten wie heute, wo ich nach wochenlanger Pause, einfach mal wieder laufen kann, merke ich, es kommt nicht auf die Zeit an. Sondern auf das Gefühl. Ich war heute wirklich langsam und bin nicht mal fünf Kilometer gejoggt. Doch es war wunderschön.

Heute früh beim Joggen. Wie froh war ich, wieder laufen zu können

Beim Laufen denke ich oft an dich. Wie wichtig dir doch das Laufen und der Sport immer waren. Und jetzt strengt dich schon das Spazierengehen an. Oft kommst du aus der Puste. Aber manchmal, da hängst du noch immer ab und marschierst in einem strammen Tempo. Ich glaube, dann fühlst du dich auch einfach richtig gut, so wie ich mich fühle, wenn ich jogge. Papa sagt, wenn er mit dir spazieren geht, bist du viel fröhlicher und du sprichst auch mehr. Erlebst du dann das Glück, in der Natur zu sein und eins mit dem Körper und der Seele zu sein? Mir geht es so. All das habe ich von dir. Du hast mir das Laufen mitgegeben, für mich und mein Leben. Dafür danke ich dir!

5 Gedanken zu „Liebe Mama, vermisst du das Laufen?“

  1. Guten Morgen 😘
    Sie schreiben das so so schön. Ich wünschte ich wäre älter und weiser gewesen als mein Vater Alzheimer hatte. Ich war 16 und oft einfach sauer. Ich hab eine Wut gespürt, obwohl Papa nichts dafür konnte. Er hat unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt habe ich gedacht. Nichts ist wie früher. Der ganze Bauernhof, alle Tiere mussten verkauft werden. Heute würde ich es verstehen. Natürlich auch schon vor einigen Jahren. Mein Vater ist jetzt 16 Jahre tot. Es ist über 30 Jahre her das er die Diagnose bekam mit Anfang/Mitte 50 und man kann es kaum glauben…die Menschen fliegen zum Mond und sonst wo hin aber ein wirksames Medikament wurde noch nicht erfunden. Damit hätte ich nie gerechnet. Heute bin ich es, die wahrscheinlich eine Demenz hat oder wenn ich Pech habe eine Alzheimer Krankheit im Anmarsch ist. Ich bin 46 Jahre alt und bekomme schon Medikamente dagegen die mir auch sehr in meinem Alltag helfen.
    Aber hätte ich damals bei Papas Krankheit die Weisheit von heute, dann hätte ich mich ihm gegenüber ganz ganz anders verhalten. Er war auch sehr liebevoll. Meine Mama hat ihn so gut zuhause gepflegt das er 67 Jahre alt geworden ist.

    Es ist so wichtig diese Menschen zu verstehen. Sie beschreiben das so so toll in Ihren Beiträgen.
    Einfach mit Gefühl handeln.
    Danke für die vielen liebevollen und tollen Beiträge.
    💓👏

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    1. Vielen lieben Dank für das Lob, aber besonders, dass Sie mir Ihre Geschichte erzählen. Man kann immer sagen „Hätte ich doch…“ oder „Warum habe ich nicht…?“, aber damals wusste und konnte man nicht anders. Das geht mir auch oft so. Gerade als meine Mama noch keine Diagnose hatte, aber sie irgendwie schon anders war, war ich auch manches Mal genervt und fand es ungerecht, dass sie mich nicht so unterstützt hat wie andere Mütter in meinem Bekanntenkreis von ihren Müttern unterstützt werden… Man ist oft ungerecht und es ist gut, dass wir immer mehr dazulernen.
      Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute! Ganz liebe Grüße, Peggy

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      1. Vielen lieben Dank für Ihre Worte 💓 Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter auch alles alles Liebe 🌹Glg Annette 😘

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  2. Darf ich Ihnen noch eine Lektüre mit auf dem Weg geben? Das ist ein wunderbares Buch. Eine selbst betroffene hat ein Buch geschrieben und beschreibt sehr viel über das Leben mit Alzheimer und allen Gefühlen. Ich habe es sehr sehr gerne gelesen und kann vieles besser verstehen.“ Der Mensch der ich einst war“ heißt das Buch👍🙌

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