Und die Kinder?

Kinderbücher im Check: Nr. 2 „Als Oma immer kleiner wurde“

In meiner Reihe „Kinderbücher zu Alzheimer“ stelle ich euch hier ein ganz besonderes Buch vor. Dieses Buch geht mir nicht mehr aus dem Kopf – und auch nicht mehr aus dem Herzen.

Dieses Buch geht mir nicht mehr aus dem Kopf – und auch nicht mehr aus dem Herzen. Dabei ist es doch einfach nur ein Kinderbuch. Dieses Gefangensein von Literatur – und ich meine das natürlich im positiven Sinne – kenne ich sonst nur von Romanen oder Krimis. Dass man immer noch in der Welt des Buches ist, obwohl man es längst zur Seite gelegt oder sogar schon ausgelesen hat. Bei einem Kinderbuch ist mir das eigentlich noch nie passiert, mal abgesehen von Harry Potter. Ich lese meinen Mädchen liebend gerne vor oder lese mit ihnen, aber ihre Bücher ziehen mich selten so in den Bann. Bei dem Buch „Als Oma immer kleiner wurde“ (Tulipan Verlag) ist das anders (Am Ende des Artikels findet ihr eine Leseprobe).

Das Buch kommt ziemlich unscheinbar daher. Der Umschlag ist aus beige-braunem Papier, zu sehen sind Oma und Enkeltochter, die nebeneinander sitzen. Sie sitzen da nicht gut gelaunt oder lachend. Die Oma hat ihre Augen geschlossen, von dem Mädchen sieht man nur den Hinterkopf. „Als Oma immer kleiner wurde“ wirkt auf den ersten Blick irgendwie traurig. Und, es ist ja auch keine lustige Geschichte, kein fröhliches Kinderbuch, das fühlt man irgendwie. Aber: es hat so eine frohe Botschaft.

Schwarz-weiß Zeichnungen – ist das was für Kinder?

Peppi – so heißt das Mädchen – und ihre Oma haben jede Menge Spaß miteinander. Sie braten Kartoffelpuffer, pflücken Himbeeren, hängen zusammen Wäsche auf, schauen eine Ratesendung im Fernsehen – es ist so ein unaufgeregtes und harmonisches Oma-Enkelin-Miteinander, von dem Peppi aus ihrer Perspektive erzählt. Es ist das, was ich mir auch für meine Kinder und meine Mama gewünscht habe – und tief drinnen immer noch tue.

Peppis Oma ist stark und kräftig, und sie ist auch mutig. Wenn Peppi mit Oma in den Keller geht, fürchtet sie sich nicht, denn die Oma hat keine Angst vor Monstern. Peppi und ihre Oma sind miteinander verbunden, das erkennt man auch auf dem Cover sofort. Peppis Oma ist einfach für sie da.

Die Illustrationen sind klar und in schwarz-weiß. ‚Ist das überhaupt etwas für Kinder?‘, fragte ich mich als ich das Buch beim ersten Mal durchblätterte. Oder ist das eines jener Bilderbücher, die wunderbar kreativ und künstlerisch sind, aber für Kinder doch oft langweilig oder schwer zu verstehen. Möchten meine Kinder ein Bilderbuch in schwarz-weiß anschauen?

Meine dreijährige Tochter wollte nicht. Sie hatte keine Lust auf das Buch. Aber laut Altersempfehlung ist sie sowieso zu jung für „Als Oma immer kleiner wurde“. Der Verlag empfiehlt es für Kinder ab fünf Jahren. Meine Siebenjährige hingegen hat mit großem Interesse das Buch gelesen – und meine Elfjährige ebenso. „Die Bilder sind schön“, sagte meine Mittlere. Meine Gedanken, dass Kinder nur bunte Bilder wollen, also unbegründet

Die Oma wurde einfach immer kleiner – geht das?

Meine Siebenjährige hat das Buch beim ersten Mal alleine gelesen. Dann habe ich es gelesen und sie wollte, dass ich es ihr noch einmal vorlese. Ich fing also an vorzulesen, mit einem etwas flauem Gefühl im Bauch. Mir ging es nicht so gut und das letzte, was ich wollte, war jetzt wegen meiner Mama und dieser blöden Alzheimer-Krankheit zu weinen. Und auf gar keinen Fall vor meiner Tochter, denn ich möchte ja stark sein vor ihr und nicht weinen, weil sie dann auch weint und ja, ich weiß, weinen hilft bei Kummer, aber manchmal lässt es einen auch hilflos zurück.

Ich las diese wunderbare Geschichte von Peppi und ihrer Oma und hatte ein bisschen Angst vor einem traurigen Ende. Aber, soweit sei schon mal verraten, das Ende hat mich so sehr berührt. Und es macht mir auch Mut, sehr viel sogar.

Peppi ist immer an Omas Seite und Oma ist die schlaue, mutige, tolle Oma. Aber eines Tages, als Peppi und Oma gerade beim Gummihüpfen waren, fällt Peppi etwas auf: Die Oma war ein bisschen kleiner als sonst. Von da an wurde die Oma immer ein bisschen kleiner. Sie musste auf den Hocker steigen zum Wäscheaufhängen, die Schuhe rutschten ihr von den Füßen, sie brauchte in der Eisdiele ein Sitzkissen, um überhaupt über den Tische gucken zu können. Sie wurde einfach immer kleiner.

„Das geht doch gar nicht“, sagte meine Tochter entrüstet beim Vorlesen.
„Meinst du?“, fragte ich.
„Nein, Mama, das geht wirklich nicht!“, beendete sie bestimmt die Unterhaltung und wollte, dass ich weiterlese.

Unser Fazit?

In dem Buch geht es so weit, dass die Oma immer kleiner wird. Irgendwann ist sie so klein, dass sie so groß ist wie ein Becher und mit einem langen Strohhalm daraus trinkt. „Beim Ratequizgucken schenke ich nun immer Traubensaft nach“, steht dazu im Text. Die Autorin erklärt nicht viel – und das ist wunderbar so. Peppi erzählt immer weiter von ihrem Alltag. Sie ist nicht traurig oder weint, nein, sie macht einfach das gleiche wie früher, nur dieses Mal mit vertauschten Rollen. Die Illustrationen untermauern dies sehr liebevoll. Als die Oma auf der Sitzerhöhung sitzt, steht Peppi neben ihr und streichelt sie zärtlich. Peppi trägt nun die Einkäufe nach Hause. Was dieses Buch von so vielen anderen Alzheimer-Büchern unterscheidet: Dass die Oma kleiner wird, ist kein Manko und kein Drama. Es passiert einfach. Und Peppi ist nun stark und mutig, darum geht es und nicht darum, was die Oma alles nicht mehr kann. Die Lieblingsseite meiner Tochter ist die, wo Peppi die Einkäufe trägt – und ja, es zeigt immer noch eine harmonische, unaufgeregte Oma-Enkelin-Situation, doch dieses Mal ist Peppi die Kräftige.

Die Geschichte schreitet voran – so wie jede Alzheimer-Erkrankung – und irgendwann ist die Oma so klein, dass sie auf den Seiten gar nicht mehr erscheint. Sie ist jetzt so klein, dass sie in Peppis Ohr geklettert ist. Dort hat sie es schön warm und gemütlich. „Häh?“, fragte meine mittlere Tochter. „Ist sie jetzt tot?“, fragte meine große Tochter, als wir die Geschichte gelesen haben. Diese Frage wird nicht beantwortet. Ich war mir nicht sicher. „Vielleicht?“, antwortete ich meiner Tochter. Peppi ist auf einmal alleine. Alleine in der Küche, alleine im Haus, man sieht eine Mini-Illustration vom Haus und den Bäumen daneben. Ist die Oma weggeflogen und schwebt jetzt über Peppi? Könnte sein…

Ich finde dieses offene Ende einen wunderbaren Kunstgriff, denn im Grunde genommen ist es für die Botschaft egal, ob die Oma lebt oder tot ist. Die Alzheimer-Erkrankung schreitet unaufhörlich voran, bei jedem Patienten, und irgendwann tritt die Phase ein, wo die Erkrankten körperlich noch anwesend sind, aber geistig in einer anderen Welt und es schwierig bis unmöglich ist, miteinander zu kommunizieren. Die Idee, dass die Oma – oder wer auch immer – im Ohr sitzt und einfach weiter da ist, nur viel, viel kleiner finde ich wunderschön. Peppi sagt auch „Manchmal bin ich ziemlich traurig, dass ich nicht mehr so viele lustige Dinge mit Oma machen kann. Aber dann fällt mir wieder ein, dass Oma ja gar nicht weg, sondern in mir drin ist, und wenn ich eine Frage habe oder mal nicht weiterweiß, dann muss ich ganz fest an Oma denken und schon bekomme ich einen guten Rat von ihr. Und manchmal erzählt sie mir einen Witz.“

Ich mag diese Vorstellung, dass meine Mama in meinem Ohr sitzt und einfach immer weiter für mich da ist – mich in unsicheren Momenten berät, mich in traurigen Situationen tröstet und mit mir in lustigen Augenblicken lacht. Und dieser Gedanke macht mir Mut, denn momentan fühlt es sich viel zu oft nach Abschiednehmen an. Endlich weiß ich, dass sie immer weiter für mich da sein wird.

Unser Fazit: Eine liebevolle Geschichte für größere Kinder, die zeigt, dass der Mensch bleibt, auch wenn er nicht so ist wie früher oder vielleicht schon gar nicht mehr da ist

Buchinfo: Als Oma immer kleiner wurde. Inka Pabst und Mehrdad Zaeri. Tulipan Verlag, 2017, 64 Seiten.

Hier geht es zur Leseprobe: „Als Oma immer kleiner wurde“

3 Gedanken zu „Kinderbücher im Check: Nr. 2 „Als Oma immer kleiner wurde““

  1. Liebe Peggy, schon wieder so ein wunderschöner Eintrag, der mich tief bewegt. Vielen Dank für den Hinweis auf dieses wundervolle Buch – und für dein großes, mutiges Herz!
    Liebe Grüße
    von Sophia

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