Und die Kinder?

Ich wünsche mir eine andere Oma

Die Kinder fremdeln häufig mit der Oma und ihrer Alzheimer-Erkrankung – und finden dabei auch manchmal deutliche Worte. Was steckt dahinter?

Die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama löst so viele Gefühle in mir aus. Sie macht mich vor allem traurig, aber auch wütend, neidisch, eifersüchtig. Manchmal denke ich: „Es ist gemein, warum musste meine Mama erkranken und dann auch noch so früh. Ich bräuchte sie doch, dass sie mir mal hilft mit den Kindern.“ Schon in der Minute, in der ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, bereue ich ihn. ‚Wie egoistisch von mir‘, sage ich mir. ‚Das darf ich doch nicht denken!‘, geht es mir durch den Kopf. Mama hat eine grausame Krankheit und muss damit klar kommen, und ich denke nur an mich und bin enttäuscht, weil meine Wünsche und Vorstellungen nicht wahr werden können.

Ich denke dabei nicht nur an mich. Mir geht es vor allem auch um meine Kinder. Ich hätte es so gerne gehabt, dass meine Mama ihnen eine liebevolle Oma sein kann. Dass sie mit der Kleinen mit den Puppen und mit der Kinderküche spielt, dass sie mit der Mittleren und der Großen bastelt, malt und strickt, dass sie mit ihnen Plätzchen und Russischen Zupfkuchen backt…

Meine Mama hat Babys und Kinder immer sehr gemocht. Lehrerin war zwar nicht ihr Traumberuf, aber sie hat von Herzen gern mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Sie hat sich so sehr gefreut, als ich gesagt habe, dass ich schwanger bin. Sie hat in den Monaten darauf gestrickt wie eine Weltmeisterin: Jäckchen, Mützen, Kleidchen, Hosen, Schühchen – mit extraweicher Babywolle. Als ich das erste Mal mit Baby zu Besuch bei meinen Eltern war, präsentierte sie mir voller Stolz, was sie im Zimmer meines Bruders gebastelt hatte: Aus seinem Schreibtisch war ein Wickelplatz geworden, gut gepolstert, mit Handtüchern ausgelegt und in der Nähe der Heizung. Sie hat meine Tochter bespaßt und herumgetragen, immer wieder ihre Fingerchen gestreichelt und gesagt: „Die sind so klein“ – so wie Omas das eben machen.

Wenn die Oma gesund wäre…

Mittlerweile kann Mama all das gar nicht mehr machen, weder stricken, noch backen oder sonst etwas von den Oma-Dingen. Sie braucht bei den alltäglichen Dingen viel Unterstützung und immer jemanden an ihrer Seite. Meine Siebenjährige hat neulich gesagt: „Wenn ich mal Oma werde, möchte ich so sein wie Papas Mama, nicht wie deine.“ Sie hat es in ihrer kindlichen Unbefangenheit gesagt und mit einem Lächeln auf dem Gesicht – und mich hat es fast umgehauen. Ich war schockiert. ‚Wie kann sie das sagen?‘, dachte ich. ‚Mein Mädchen, das sonst so sozial ist, dass nie möchte, dass es irgend jemandem schlecht geht und das weint, wenn andere weinen? Wie kann sie das sagen?’

„Du weißt schon, dass die Oma eine Krankheit hat?“, sagte ich ihr.
„Ja,“ hat sie geantwortet und sich an mich gekuschelt.
„Wenn die Oma gesund wäre, wäre sie eine andere Oma“, habe ich ergänzt. „Sie würde dann bestimmt mit euch spielen und sich um euch kümmern. Aber sie kann es nicht, weil sie Alzheimer hat.“
Meine Tochter hat genickt und weiter geplappert, ich weiß nicht mehr was.

Ich war nicht sauer auf meine Tochter. Ich war enttäuscht und versuchte zu verstehen. Mein Kind hatte es sicher nicht böse gemeint, sie wollte meine Mama nicht als schlecht oder unzureichend darstellen. Meine Tochter geht liebevoll mit der Oma um, wenn sie bei ihr ist. Sie umarmt sie und passt auf sie auf. Wie konnte sie so etwas Ablehnendes sagen?

Ablehnung? Oder einfach nur ein Wunsch?

War es Ablehnung in dem Sinne von „Ich möchte eine andere Oma haben“ oder „Ich mag die Oma nicht“? Oder war es einfach ein kindlich unbeschwerter Satz und der Wunsch, nicht an dieser Krankheit zu erkranken?

Denn mal ehrlich: Wer wünscht sich denn, an Alzheimer zu erkranken? Alzheimer gehört zu den Krankheiten, die uns Erwachsenen so wahnsinnig viel Angst machen. Und natürlich bekommen auch die Kinder viel von der Krankheit mit. Meine Tochter weiß, dass ich häufig zu meiner Mama fahre, um ihr und meinem Papa zu helfen. Sie ist manchmal dabei, wenn ich meiner Mama die Haare wasche und dabei ein Chaos im Bad anstelle, weil ich kein Pflegeprofi bin. Sie bekommt Gespräche über die Tagespflege mit und merkt auch, dass ich traurig bin wegen meiner Mama. Das alles weiß sogar schon meine Dreijährige.

Da ist es nur allzu nachvollziehbar, dass meine mittlere Tochter sagt: Ich möchte diese Krankheit nicht. Und genau das meint sie, mit „Ich möchte nicht wie deine Mama sein“, davon bin ich überzeugt. Es ist auch kein Vorwurf mir gegenüber. Als sie sagte, dass sie nicht wie meine Mama sein möchte, habe ich mich auch schuldig gefühlt. Weil ich ihr keine perfekte Oma bieten kann.

Eine Chance für das echte Leben

Ich habe viel darüber nachgedacht und versucht zu verstehen, warum die Aussage meiner Tochter mich so getroffen hat. Ich kann nichts für die Krankheit meiner Mama. Wieso fühle ich mich schuldig, obwohl ich überhaupt nichts dafür kann? Weil ich als Mutter den Anspruch an mich habe, meinem Kind ein Bilderbuchleben zu bieten. Das klingt irgendwie absurd, ich weiß. Und diese Krankheit lehrt auch mich eine gewisse Demut und das Leben so anzunehmen wie es ist. Dazu kommt, dass meine Mama ein Teil von mir ist, ein sehr wichtiger, denn sie hat mir das Leben geschenkt und mich in das Leben geführt. Kein Wunder, dass mir negative Aussagen so nahe gehen.

Aber mittlerweile sehe ich in dem Ganzen auch positive Aspekte. Ich habe damit eine Chance bekommen. Eine Chance zu lernen, das Leben so zu nehmen, wie es ist. Mich von den Bilderbüchern zu lösen, die da in meinem Kopf herum schwirren und im Hier und Jetzt ankommen, in der realen Welt.. Ich kann meinen Kindern zeigen, wie wichtig meine Mama mir ist, dass ich mich um sie kümmere, auch wenn ich weit weg wohne und dass sie nicht alleine ist, auch wenn sie krank ist.

Ich hoffe, dass meine Kinder damit auch lernen, dass man Wünsche und Erwartungen haben kann und immer hat, aber dass es meist anders kommt im Leben. Und dass andere kann viel schöner sein als das Erträumte oder Erwartete. Aber es ist manchmal auch schlimmer, gemeiner, trauriger als wir uns das vorgestellt haben. Dabei ist es doch auch nur das Leben. Das echte Leben. Ich habe mir auch gewünscht, ich hätte eine andere Mama, eine, die mir mit den Kindern helfen könnte, eine, die eine perfekte Oma sein könnte. So wie meine Tochter sich eben auch wünscht, dass sie eine perfekte Oma wird.

Ein wunderbarer Lachanfall – für uns alle

Aber in diesem, meinem echten Leben, ist es meine Aufgabe, Abschied zu nehmen von meinen Vorstellungen und Wünschen und die Dinge anzunehmen wie sie sind. Und ein klein bisschen lernen meine Kinder das jetzt eben auch. Es ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass es eine ist, aus der sie positiv hinausgehen können – wenn ich sie damit nicht alleine lasse.

Ich finde es gut, dass meine Kinder lernen: In diesem echten Leben haben alle Platz, auch die, die Alzheimer haben (oder etwas anderes). Auch, wenn meine Tochter sich vielleicht eine andere Oma wünscht, so mag sie meine Mama doch trotzdem. Und sie erlebt, dass auch Menschen mit Alzheimer ganz wunderbare Dinge können. Neulich hatte meine Mama am Frühstückstisch einen Lachanfall. Sie hatte einen wunderbaren Lachanfall, hat sich gefreut und so herzhaft gelacht, wie ich es früher nie erlebt habe. Und meine Mittlere, die Große, die Kleine – alle Kinder und ich haben mit der Oma gelacht. Befreit und mit großer Freude. Es war ein großer glücklicher Moment für sie und mich, auch wenn sie keine perfekte Oma haben.

Foto: roya ann miller on Unsplash

4 Gedanken zu „Ich wünsche mir eine andere Oma“

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