Und die Kinder?

Kinderbücher im Check: Nr.1 „Oma isst Zement“

Ich lese sehr gerne, meine Töchter auch. Sogar die Kleinste ist ein Bücherfan. Natürlich gibt es auch zu dem Thema Alzheimer eine ganze Reihe an Bilderbüchern und Kinderromanen. In loser Folge stelle ich sie euch vor

Das Kinderbuch „Oma isst Zement!“ habe ich schon vor ein paar Jahren gekauft. Da war die Alzheimer-Diagnose meiner Mama noch relativ frisch. Die Krankheit war in einem frühen Stadium. Meine Mama sah aus wie immer und war selbstständig und aktiv. Ich habe das Buch damals mit meiner großen Tochter gelesen, da war sie vielleicht sechs Jahre alt. Wir haben es nicht oft gelesen, denn meinem Kind hat es nicht gefallen, und mir irgendwie auch nicht. Ich hatte mir erhofft, dass meine Große und ich dank des Buches viel über die Krankheit meiner Mama sprechen und meine Tochter versteht, was Alzheimer ist. Ich hatte mir solche Mutter-Tochter-Momente vorgestellt, wie man sie in Filmen immer sieht: Da erklärt die Mutter geduldig etwas, das Kind fragt und versteht, alle sind glücklich und zufrieden.

Das war nicht so bei uns: Ich habe vorgelesen, meine Tochter hat nicht weiter nachgefragt und wollte das Buch auch nicht noch mal lesen. Ich habe das auf das Buch geschoben. Aber mittlerweile weiß ich, dass es nicht am Buch lag, sondern eher an mir. Mein Kind hat gemerkt, dass ich dieses Buch mit einer ganz bestimmten Absicht vorlese und nicht wie all die anderen Kinderbücher aus Freude und Spaß. Meine Große ist sehr sensibel, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie damals sehr schnell gemerkt hat, dass ich mit dem Vorlesen etwas bezwecke. Und dass sie meine Unsicherheit gespürt hat, denn ich hatte natürlich auch Angst vor unangenehmen Fragen und habe mich sehr schwer damit getan, dass meine Mama Alzheimer hat. Eigentlich kein Wunder, warum das Vorlesen weder ihr noch mir Spaß gemacht hat.

Für Kinder ab vier Jahren?

Nun habe ich das Buch im Kinderzimmer wieder entdeckt und wollte es noch einmal lesen. Eigentlich nur für mich. Aber blitzschnell hat meine mittlere Tochter (7 Jahre) mir das Buch weggeschnappt und es sich angeschaut und alleine vorgelesen. „Häh, wieso isst die Oma Zement?“, hat sie mich gefragt. „Weißt du, sie isst kein Zement. Die Eltern sprechen davon, dass die Oma dement ist. Das klingt so ähnlich wie Zement und weil das Mädchen das andere Wort noch nicht kannte, hat sie eben Zement verstanden“, habe ich erklärt. Mein Kind überlegte kurz und grinste dann. „Das ist witzig“, hat sie gesagt. Laut Verlag ist das Buch für Kinder ab vier Jahren empfohlen. Für solche Wortspiele ist es natürlich viel zu früh und vielleicht war es auch das, was meine große Tochter damals nicht verstanden hatte. Deshalb eignet sich das Buch auf jeden Fall auch für Grundschulkinder.

Meine Tochter las weiter und war begeistert von dem Buch. „Das ist ja witzig“, sagte sie immer wieder und las mir einzelne Seiten noch einmal laut vor. „Die Oma kann sich noch daran erinnern, was früher war, aber was gestern war, vergisst sie. Das ist ja witzig“, meinte sie. Im Stillen antwortete ich: „Das ist grausam, Alzheimer ist nicht witzig. Es ist eine bekloppte Krankheit. Deine Oma hat sie und, nein, es ist nicht lustig.“ Ich nickte nur trübe und wunderte mich sehr über mein Kind.

Meine Tochter erzählte weiter von dem Buch und was die Oma darin macht. In dem Buch verbringt die kleine Protagonistin einen Nachmittag mit der Oma, so wie früher als die Oma noch gesund war und noch nicht im Altenheim lebte. Oma und Enkeltochter essen erst mit den Eltern Erdbeerkuchen, dann spazieren sie nur zu zweit zum Ententeich und quaken mit den Enten um die Wette. Sie trinken Limonade im Parkcafé und müssen danach ein bisschen rülpsen (aus Versehen natürlich!). Sie haben einen rundum schönen Tag, auch wenn die Oma ein paarmal ruhig wird oder nicht mehr weiß, dass sie dem Mädchen Schal gestrickt hat, den sie bewundert. Meine Tochter fand die Geschichte lustig und schön. Mich hat sie etwas traurig gemacht. Und neidisch, weil meine Mama nichts von all dem mit ihren Enkelinnen machen kann. So ein Oma-Enkelin-Tag muss toll sein, dachte ich. Den hätte ich mir sehr für meine Mama und meine Töchter gewünscht – und irgendwie auch für mich.

Unser Fazit?

Während mein Kind weiter plapperte und lachte, habe ich angefangen, das Buch zu mögen. Es hat Witz und ist nicht belehrend oder langweilig erklärend, sondern geht ganz normal mit dem Thema Alzheimer um und greift auf, was Kinder komisch finden. Sich mit Alzheimer auseinanderzusetzen, nimmt so etwas von der Tragik der Krankheit. Es macht alles ein wenig leichter – und Kinder haben ja oft einen leichteren Umgang als wir betrübten, besorgten Erwachsenen.

Das Buch ist aber auch einfühlsam und zeigt durchaus die stillen, anderen Momente. Ich mag es, dass nicht viel erklärt wird, sondern einfach die Facetten von Alzheimer gezeigt werden. Und ganz besonders mag ich, dass das Buch zeigt, dass Oma immer noch die beste Oma ist, auch wenn sie sich nicht mehr gut erinnern kann und sich die Dinge verändert haben.

Die Zeichnungen sind humorvoll und gut geeignet für kleinere Kinder. Am meisten gefallen hat mir aber, dass meine mittlere Tochter, nachdem sie das Buch mir fertig vorgelesen hat, es ihrer jüngeren Schwester vorlesen wollte. Und danach gleich noch mal mit der großen Schwester gelesen hat.

Unser Fazit: Absolut lesenswert, auch noch für Grundschulkinder. Die verstehen die Wortspiele.

Buchinfo: Oma isst Zement! Daniel Kratzke, arsEdition Verlag, 2014, 32 Seiten

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