Und die Kinder?

Gemeinsam spielen – funktioniert das?

An Erlebnisse und Personen aus der eigenen Kindheit können sich viele Alzheimer-Betroffene lange gut erinnern. Meine Mama wusste nicht mehr, wie man aus einem Salatkopf einen Salat zubereitet und konnte keine Uhr mehr lesen, aber sie kannte noch die Vor- und Nachnamen von ihren Freundinnen aus der Kindheit und erzählte manchmal, wie sie gespielt hatten oder berichtete von ihren Lehrern.

Spielen ist für Kinder Spaß haben und dabei lernen. Als mein Bruder und ich Kinder waren, haben wir Brettspiele und Kartenspiele mit meinen Eltern gespielt. Auch meine Kinder mögen das. Wenn Großeltern mit ihren Enkeln spielen, ist das ganz normal. Wieso nicht auch mit Alzheimer? Gerade bei Alzheimer, sagen manche Experten. Denn es sei eine gute Beschäftigung für beide: die Betroffenen und die Kinder.

Ich dachte „Mensch-ärgere dich-nicht“ könnte ein gutes Spiel sein, weil die Regeln nicht zu kompliziert sind und
1. Mama es von früher gut kennt
2. meine Tochter es schnell lernen kann

Spiele haben Regeln, aber als Mutter weiß ich ja, dass man da (zumindest anfangs) flexibel sein muss. Wer seine Fünfjährige dreimal hintereinander rausgeschmissen hat, versteht, warum. Wir fingen also an, „Mensch-ärgere-dich-nicht“ zu spielen – und ich merkte sehr schnell: man muss auch sehr flexibel sein, wenn man mit Alzheimer-Patienten spielt. Aber meine Tochter und meine Mama spielten ganz unterschiedlich:

  1. Meine Mama wusste nicht, was sie wann machen sollte und wer wann dran war. Immer wenn sie an der Reihe war, gab ich ihr den Würfel, sagte, dass sie ihn rollen muss und dann rollte sie ihn. Mehr konnte sie nicht. Ich setzte ihre Spielfiguren und schmiss für sie raus.
  2. Meine Tochter wollte gewinnen. Sie verstand die Regeln sehr schnell, konnte alleine würfeln, wusste bald, wie sie die Figuren am schlauesten setzt und freute sich über jeden, den sie rausschmeißen konnte. Sie lernte beim und durch das Spielen.

Meine Tochter war bei mancher Spielrunde genervt, weil die Oma nicht richtig spielte, weil sie ihre Figur nicht vier Felder nach vorne setzte, so wie man es macht, wenn man eine Vier würfelt. Ich hatte mir das gemeinsame Spielen als harmonische Aktivität vorgestellt, doch mein Kind war irritiert bis genervt von der Oma, die Oma war irritiert bis hilflos – und ich stand dazwischen. Wollte für das lernende Kind da sein und auch mit der eigenen Mutter etwas machen. Ich musste das Kind beruhigen und für die Oma spielen. So richtig spaßig war das nicht und nach einer Runde haben wir aufgehört.

Wir haben es auch mit Memory probiert. Nach ein, zwei Runden war klar, dass es für meine Mama viel zu schwer ist. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und sie konnte sich die Karten nicht merken. Erklären half da auch nichts. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. ‚Peggy, was für eine doofe Idee hattest du denn da‘, sprach ich innerlich mit mir. Also, ob meine Alzheimer-kranke Mama ein Gedächtnisspiel spielen konnte. Wie naiv war das eigentlich von mir? Ich wollte Mama mit dem gemeinsamen Spielen nicht stressen, ich wollte doch nur, dass sie gemeinsame Zeit mit ihrer Enkeltochter hat. Dann dachte ich, dass es vielleicht eine gute Idee sei, die Memory-Karten offen hinzulegen und so die Paare zu suchen. Meine Tochter fand das sehr merkwürdig. „Häh, das ist doch kein richtiges Memory“, entgegnete sie, der Memory-Profi mit ihren sieben Jahren. Dann habe ich ihr erklärt, dass es anders nicht funktioniert für die Oma – und wir das jetzt einfach mal so probieren. Wir spielten also Memory, ohne dass wir uns groß was merken mussten. Für Mama war es trotzdem nicht einfach und ich musste ihr helfen.

Das klingt nach einem negativen Fazit für das gemeinsame Spielen. Und ehrlich gesagt: ab einem gewissen Stadium der Krankheit funktioniert es schwer und irgendwann gar nicht mehr. Und doch bin ich dafür! Es war schön, meine Mama dabei zu haben und mit ihr Zeit zu verbringen. Es war ein Mini-Stück normale Großeltern-Enkel-Zeit. Gleichzeitig war es für meine Tochter eine gute Gelegenheit zu lernen – mehr als nur die Spielregeln. Sie erfuhr, dass es beim gemeinsamen Spielen noch um etwas anderes geht als ums Gewinnen: anderen zu helfen und auf sie zu achten.

Das alles ist jetzt eine Weile her. Mama kann auch nicht mehr „offenes Memory“ spielen oder sonst welchen Regeln folgen. Aber neulich wollte meine mittlere Tochter meine Mama bei einem Spiel ganz spontan dabie haben. Bei meinen Eltern steht noch immer ein Murmelspiel von früher. Man steckt die Murmeln oben in die Löcher eines Spielbretts und versucht durch geschicktes Hineinstecken so viele Murmeln, wie möglich aus dem Spielbrett rutschen zu lassen. Die Kinder waren in ihr Murmelspiel vertieft und Mama setzte sich daneben. Da legte meine Tochter ihr eine Murmel in die Hand und sagte: „Du musst die da reinstecken.“ Das verstand meine Mama nicht. Aber sie bewegte die Murmel in der Hand hin und her. Meine Tochter nahm die Murmel und steckte sie selber durch ein Loch. Ich weiß nicht mehr, ob es ein guter oder schlechter Zug war, aber Mama schaute interessiert zu. Auch wenn sie häufig in ihrer eigenen Welt ist, so war sie da dann doch bei uns und beim Spiel der Kinder dabei. Und das war schön.

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