Und die Kinder?

Krank – und doch gesund

Ein Brief von der großen Tochter an die Oma – und wie er mich zum Nachdenken gebracht hat über unsere Wahrnehmung und den Umgang mit Alzheimer

Alzheimer ist eine Krankheit. Mediziner haben dafür ein Kürzel in ihrem ICD-10-Code. Mit ein paar Nummern wird die Alzheimer-Demenz kodiert (wie jede andere Krankheit auch), und jeder Arzt weltweit kennt dank diesem medizinischen Kürzel die genaue Diagnose und das Krankheitsstadium des Patienten.

Alzheimer ist eine Krankheit. Wir Erwachsene verfallen meist in große Bestürzung, wenn wir hören, dass ein Bekannter, eine Freundin oder gar ein Familienmitglied erkrankt ist. Niemand in meiner Familie würde auf die Idee kommen, meiner Mama zu wünschen, dass sie lange gesund bleibt. Sie hat doch Alzheimer. Sie ist krank. Niemand würde sagen, dass sie gesund ist.

Eine ganz besondere Geburtstagskarte

Bis auf meine große Tochter. Sie hat meiner Mutter zum Geburtstag eine Karte geschrieben. Sie hat ihr gewünscht, dass sie schöne Geschenke bekommt und einen leckeren Kuchen. Und sie hat geschrieben:

„Ich wünsche dir, dass du noch lange gesund bleibst.“

Ich habe diesen Satz gelesen und gedacht ‚Kind, du weißt doch, dass die Oma Alzheimer hat. Sie kann nicht mehr gesund bleiben, denn sie ist doch schon lange krank.‘

Ich habe es ihr nicht gesagt. Aber in meinem Kopf hat sich das Gedankenkarussell gedreht, wie ein Wirbelsturm. Ja, Mama ist krank, sie hat Alzheimer. Nein, sie muss nicht im Bett liegen, fiebern und husten. Ja, sie muss Medikamente nehmen. Nein, es tut ihr nichts weh und sie geht gerade munter und fröhlich im Flur auf und ab. Ja, es wird nicht wieder besser werden. Nein, sie hat keine Schmerzen und sie ist häufig zufrieden in ihrer Welt.

Die Alzheimer-Erkrankung bleibt immer da. Das ist traurig, aber es gibt doch auch viele schöne Momente

Wenn meine kleinste Tochter gesagt hätte, dass die Oma nicht krank ist, hätte mich das nicht weiter stutzig gemacht. Aber meine Zehnjährige beobachtet schon sehr gut die Dimension des Alzheimers und versteht sehr viel. Und doch schreibt sie: „Ich wünsche dir, dass du noch lange gesund bleibst.“

Je weiter ich darüber nachdenke, umso mehr denke ich: Die Große hat Recht. Der Alzheimer ist immer da. Vielleicht wird es alles einfacher, wenn wir ihn als Begleiter akzeptieren und nicht dauernd als Krankheit, die man bekämpfen muss. Denn, so traurig es ist, aber: Das gelingt ja sowieso nicht. Nie. So sehr ich mich auch sträube und mir wünsche, dass diese Krankheit verschwindet und meine Mama wieder wie früher ist – es wird nicht passieren. Wenn mir das gelingt, dann kann ich auch denken: Ich wünsche meiner Mama, dass sie lange gesund bleibt. Dass sie jetzt so in ihrem Zustand fröhlich sein kann und dass sie so herzlich lacht wie sie es früher nie getan hat, ohne die lästigen Krankheiten, die einem im Alltag so begegnen. Das wünsche ich ihr von Herzen, wie meine große Tochter auch.

Foto: Neven Krcmarek on Unsplash

4 Gedanken zu „Krank – und doch gesund“

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