Mutter-Tochter-Gespräche

Liebe Mama, erkennst du mich?

Liebe Mama,

weißt du, wer ich bin? Erkennst du mich?

Wenn ich mit anderen über deinen Alzheimer spreche, kommt als erste Frage meist: „Erkennt sie dich noch?“ oder „Weiß sie noch, wer du bist?“ Das scheint ein wichtiger Gradmesser für die Schwere der Erkrankung. Für mich war es nie eine Frage. Natürlich erkennst du mich, ich bin doch deine Tochter! Nie habe ich angezweifelt, dass du mich erkennst.

Und ich tue es auch jetzt nicht. Jetzt, wo wir dir bei fast allen Dingen helfen müssen, wo du meistens stumm bleibst und sehr viel Zeit in deiner eigenen Welt verbringst. Klar, von außen könnte man meinen, du bekommst nicht mehr so viel mit. Vielleicht bin ich nicht mehr als eine nette junge Frau für dich?

Wenn wir Fotos anschauen, erkennst du niemanden

Ganz am Anfang der Erkrankung, als du nach außen hin noch ein scheinbar normales Leben geführt hast, habe ich dir mal ein Exemplar der Zeitschrift mitgebracht, bei der ich arbeite. Auf dem Cover war eine Mutter mit Baby. Sie war dunkelblond wie ich, aber sah ganz anders aus. Und das Baby sah auch ganz anders als mein Kleinkind damals. Du schautest mich an und hast gesagt: „Das bist ja du.“ Das hat mich damals sehr verwirrt. Und wenn wir heute Fotos anschauen, dann interessiert dich das irgendwie nicht. Denn ich glaube, du erkennst da niemanden. Nicht auf den Kinderbildern von mir und meinem Bruder und auch auf deinen eigenen Kinderbildern nicht.

Aber ich merke, dass du mich trotzdem erkennst. Ich sehe es an deinen Augen. Wenn ich ankomme, sehe ich die Freude in deinen Augen – und verstehe, dass du dich über mich freust, über deine Tochter und nicht über irgendeine nette junge Frau. Tagsüber schaust du manchmal starr, realisierst nicht so viel, aber das ist die Krankheit, das weiß ich. Wenn ich mich vor dich stelle, dich umarme, dir in die Augen schaue und du mich ansiehst, dann weiß ich: Du erkennst mich. Du schaust mich lange und tief an. Das hast du früher nie so intensiv getan (und ich habe dich vermutlich auch nie so intensiv und bewusst umarmt).

Wie schön, wenn ich spüre: du erkennst mich

Du erkennst mich, wenn ich anrufe und erzähle. Du sprichst nicht mehr. Aber manchmal weinst du und manchmal lachst du. Aber du erkennst mich auch da. Wenn ich vor dir stehe, ist es für dich viel einfacher – und es tut mir leid, dass ich das nicht jeden Tag kann. Umso schöner, wenn ich da bin und spüre: Ja, du erkennst mich!

Das Schöne ist: Du freust dich jedes Mal wieder. Jeden Morgen, wenn ich dich mit einem „Guten Morgen“ begrüße und dich umarme, siehst du mich mit diesen liebevollen Augen an. Ich habe das eine Zeit lang vernachlässigt und nicht jeden Morgen darauf geachtet. Denn du hast nicht reagiert, du hast nichts zu mir gesagt. Das hat mich oft enttäuscht, weil du einfach da standest und nicht mal meinen Namen gesagt hast. Aber ich habe beim letzten Besuch an deinen Augen gemerkt, wie schön diese kleinen Begrüßungen für dich sind – immer und immer wieder – und wie gut du erkennen kannst, dass ich deine Tochter bin.

Deine Peggy

4 Gedanken zu „Liebe Mama, erkennst du mich?“

  1. Liebe Peggy,

    ich habe gerade durch Zufall deinen Blog entdeckt, eine schöne und so wichtige Idee!
    Meine Mutter hatte auch die Diagnose Alzheimer, und ich erkenne viele Dinge in deinen Texten wieder. Die Unruhe zum Beispiel, die Bewegung (meine Mutter gehörte zu den sogenannten „Läufern“, sehr unbeliebt z.B. in der Tagespflege, aber zum Glück lebte sie noch lange in der Gegend, in der sie auch aufgewachsen war.) Oder die intensiven Blicke. Meine Beziehung zu ihr hat sich über die Zeit völlig verändert (von eher schlecht zu gut) und ich habe die Zeit mit ihr sehr genossen, auch, als sie lange schon kein Wort mehr gesprochen hat. Und ich bin überzeugt, auch sie hat diese Veränderung gespürt und noch genießen können.

    Es gab viel Leid, viele Tränen, aber auch sehr lustige Begebenheiten, an die ich mich gerne erinnere.

    Und du hast völlig recht, diesen Weg geht immer die ganze Familie, es ist eben auch eine Art von Leben, wenn auch eine, die wir nicht so recht einplanen.

    Liebe Grüße,
    Andrea

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    1. Liebe Andrea,
      das hast du aber schön geschrieben: „Es ist eine Art von Leben, wenn auch eine, die wir nicht so recht einplanen.“ Genau so ist es. Das Akzeptieren fällt so schwer, vor allem, weil sich immer wieder Dinge verändern – und leider meist verschlechtern -, dass man immer wieder neu loslassen muss.
      Mir ist bewusst, dass wir noch einen Weg zu gehen haben. Aber mittlerweile habe ich nicht mehr so viel Angst davor.
      Liebe Grüße,
      Peggy

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