Und die Kinder?

Was hat die Oma? Was ist Alzheimer?

Als meine Mama die Diagnose erhielt, waren mein Bruder, mein Papa, ja die ganze Familie schockiert. Wir saßen zusammen und sprachen und weinten und konnten die Welt nicht verstehen. ALZHEIMER. Mit 55 Jahren. Wir waren traurig und fassungslos. Nur meine älteste Tochter – damals knapp drei Jahre alt – lachte und spielte vergnügt. Sie turnte auf dem Sofa herum, kuschelte sich an uns – und spielte weiter. Ich überlegte, ob wir ihr die Diagnose erklären sollten. Aber wie erklärt man eine Krankheit, die zum damaligen Zeitpunkt so unscheinbar und so unglaublich war, einer Dreijährigen? Ich entschied mich dafür, es nicht zu tun und zu warten bis sie fragt.

Sie fragte nie. Aber ich merkte, dass sie sich mit der Zeit auch von der Oma zurückzog. Dass sie lieber zum Opa ging, wenn sie eine Frage hatte. Dass sie sich nicht wohl fühlte, wenn sie meiner Mama etwas geben sollte oder mit ihr alleine in einem Zimmer war. Dass sie nicht wusste, was sie tun sollte, wenn die Oma im Flur auf und ab ging oder Runde um Runde um den Esstisch marschierte. Denn sie spürte, dass etwas anders war. Und natürlich nahm sie sehr aufmerksam wahr, dass die Oma traurig war und weinte und der Opa oder ich sie tröstete. Aber sie wusste nicht, warum. Die Frage „Was hat die Oma?“ stand unausgesprochen im Raum.

Warum weint die Oma?

Deshalb bin ich dazu übergegangen, von mir aus mit dem Gespräch zu beginnen. Immer mal wieder zwischendurch. Oder wenn etwas passiert war, das meine Tochter verunsicherte. Wenn meine Mutter zum Beispiel im Flur weinte und meine Tochter, die zwar im Wohnzimmer spielte, es aber trotzdem hörte. Sie wurde dann merkwürdig still. Und ich habe gesagt: „Die Oma weint. Sie ist traurig, weil sie diese Krankheit hat. Aber es ist alles in Ordnung. Du brauchst dir keine Sorgen machen, wir kümmern uns um die Oma.“

Manchmal war das ausreichend Information und mein Kind wollte einfach weiterspielen. Völlig okay. Die Information, dass die Oma wegen der Krankheit weint, hat meine Tochter beruhigt. Und dass es nicht schlimm ist, sondern dass wir für die Oma da sind. Manchmal hat meine Tochter weitergefragt: „Wieso? Was macht diese Krankheit?“

Es ist nicht schön, darüber zu sprechen – aber Kinder brauchen Erklärungen für ihre Gefühle

Dann habe ich weiter erzählt: Das, was ich wusste. Dass man sich bei dieser Krankheit neue Dinge nicht mehr gut merken kann. Am Anfang ging es viel um das Vergessen von Kleinigkeiten wie der Armbanduhr oder den Hausschuhen. Nicht zu wissen, wo man diese Dinge hingelegt hat, sie zu suchen und nicht zu finden, ist nicht schön und macht traurig. Das versteht auch eine Dreijährige. Ich habe versucht, vom Ist-Zustand zu erzählen und das, was kommen kann und kommen wird, auszuklammern. Denn ich wollte meiner Tochter keine Angst machen mit möglichen Zukunftsszenarien. Und vor allem: Ich wusste und weiß es ja selber nicht. Ich konnte nicht vorhersehen, wie sich die Krankheit entwickeln wird.

Weder ich noch ein irgendein Arzt können das. Aber ich kann versuchen zu erklären, was jetzt ist. Kinder sprechen die Frage „Was hat die Oma?“ vielleicht nicht unbedingt aus, aber sie stellen sie sich. Sie macht ihnen vielleicht auch Angst. Aber vor allem dann, wenn sie damit alleine gelassen werden. Meine Strategie ist es, ehrlich zu sein. Ja, es ist nicht schön, darüber zu sprechen. Und es macht traurig. Aber wenigstens wissen die Kinder, dass ihr komisches Gefühl nicht trügt und sie bekommen einen Namen dafür. Wenn man die Fragen der Kinder beantwortet, ist das für alle besser. Die Herausforderung: Die Fragen zu hören. Denn nicht immer stellen die Kinder sie laut.

Foto: Alex Plesovskich on Unsplash


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